Nachruf: Die große Sphinx des Kinos

Sie war die ewige Femme fatale. Nun ist die Schauspielerin Jeanne Moreau mit 89 Jahren in Paris gestorben.

Eine klassische Schönheit war sie nie. Die Lippen waren sinnlich, aber asymmetrisch, die Mundwinkel hingen immer etwas herab. Die Augen waren fast zu groß, auch die Lider wirkten etwas schwer, fast müde. Dazu kam ihre eher kratzige Stimme. Sie war das, was man im Französischen eine "belle laide" nennt, wörtlich eine schöne Hässliche. Sie hatte eine ganz andere, ganz eigene Erotik, sie überzeugte nicht durch vordergründige Reize, sondern durch eine Mischung aus Sinnlichkeit und charakterlicher Tiefe. "Sie besitzt alle Attribute einer Frau und auch alle Vorzüge eines Mannes – ohne seine Fehler", schwärmte François Truffaut, einer ihrer Regisseure. "Bei Jeanne Moreau denkt man nicht an einen Flirt, sondern an die Liebe."

Autark und selbstbestimmt bis ganz zum Schluss

Verführerisch war sie, aber auch immer ein bisschen unnahbar. Verrucht, aber auch immer ein bisschen rachsüchtig. Sie verkörperte aufbegehrende, oft gar anstößige Frauen, für die die Liebe der Ausbruch aus der bürgerlichen Existenz bedeutete. Stets wurde sie dafür als Femme fatale abgestempelt. Sie selbst beschrieb ihren Typus dagegen als Sphinx. Jene Rätselfigur, die sie auch schon im Theater gespielt hatte, in Jean Cocteaus Stück "Höllenmaschine". Ein letztes Rätsel blieb bei ihr immer. Genau damit aber wusste sie die Männer in den Bann zu ziehen, und das beileibe nicht nur im Film. Im Grunde tat sie auf der Leinwand das mit den Männern, was sonst die Männer mit den Frauen machten. Das machte sie so stark, so einzig...

Lesen Sie hier weiter!