Nachruf auf den kleinen Yahya in Afrin

Tobias Huch
Freier Journalist
Yahya überlebte seine Verletzungen nicht (Bild: Twitter)

Lieber Yahya,

viel von der Welt hast Du nicht gesehen. Bewusst wahrgenommen hast Du Zeit Deines jungen Lebens nur Krieg, Leid und Verfolgung. Du bist mit deinen Eltern vor den Islamisten aus Idlib geflohen. Der IS hat Euch verfolgt. Für Deine liebevollen Eltern warst das Wichtigste auf dieser Welt. Wenn ihnen Krieg und Elend alles geraubt haben mochten – Du warst ihnen geblieben, Dich hatten sie. Du bist ihr Ein und Alles.

Der Krieg in Syrien verschwand für die Momente, wenn sie Dich spielen sahen in Afrin. Afrin – das bedeutete für Euch Leben, Schutz, Sicherheit. Nach tagelanger, entbehrungsreicher Flucht, geplagt von Hunger und Durst, wart Ihr dort angekommen. Die Last des Krieges war von den Schultern Deiner Eltern gefallen, als sie dort mutige, junge, kurdische Frauen mit AK47-Gewehren sahen. Der Anblick gab Deinen Eltern Zuversicht und Hoffnung.

Die Frauen hatten bunte Tücher, das war Dir gleich aufgefallen; sie trugen kein Kopftuch und strahlten für Dich Wärme und Herzlichkeit aus. Auf den Schultern dieser Frauen befand sich ein dunkelgrünes, spitzes Dreieck, darauf waren die Buchstaben “YPJ” gestickt. Du hast deine Mutter angesehen, als sie dieses Dreieck erblickte. Ihre Lippen bebten, ihre Augen strahlten vor Dankbarkeit, und Tränen der Freude und des Glücks rannen über ihr Gesicht. Dein Vater nahm Dich auf den Arm, strich Dir zärtlich über die Wange und flüsterte Dir die Worte “Wir sind in Sicherheit” ins Ohr, während er seine Augen schloss und tief erleichtert ausatmete. Zum ersten Mal seit langem war der Lebensmut in Eure Herzen zurückgekehrt.

In Afrin hast Du viele Freunde gefunden, Mädchen und Jungen wie Du: Geflohen vor dem IS, Al Nusra, Al Qaida und anderen Dschihadisten. Ihr seid tobend durch die Straßen gerannt, habt Fußball gespielt oder Euch versteckt. Manchmal haben Deine Eltern Euch zugesehen. Mit anderen Eltern haben sie Çay getrunken und waren ebenso stolz wie glücklich darüber, dass Ihr überlebt habt.

Trauerfeier für die Opfer der ersten türkischen Luftschläge in Afrin (Bild: Twitter)

Doch nun hat Dich der Krieg wieder eingeholt, lieber kleiner Yahya. Es war Recep Tayyip Erdogan, der Präsident der Türkei, der dieselben Dschihadisten, die Euch töten wollten, zu Euch zurückgeschickt hat. Seine Soldaten haben aus Flugzeugen Bomben auf Deine Eltern, deine Freunde, auf Dich abgeworfen. Eine türkische Bombe traf Dein neues Zuhause, mitten in einem Wohnviertel in Afrin. Du wurdest schwer verletzt; aber warst unglaublich tapfer. Du wolltest nicht, dass Deine Mutter weint, dass Dein Vater verzweifelt.

Man brachte Dich ins Krankenhaus. Dort waren viele andere Verwundete, sie alle – so wie Du – ebenso Opfer des türkischen Angriffskrieges. Überall um Dich herum weinten und schrien Menschen. Doch Du warst tapfer und bliebst ruhig. Irgendwann wurdest Du müde. Deine Eltern standen neben Deiner Krankenbahre. Da war überall Blut, und es war noch warm. Es war Dein Blut. Die Augen deines Vaters waren weit aufgerissen, als Deine sich schlossen – für immer.

Yahya Ahmad Hamada und seine Familie zählen zu den geschätzt 300.000 syrischen Binnenflüchtlingen, die im vom Bürgerkrieg bisher weitgehend verschonten Kanton Afrin Zuflucht gefunden hatten. Sein Alter wird in verschiedenen Quellen mit 7 oder 9 Jahren angegeben. Yahya wurde Opfer der ersten Welle von Luftangriffen, mit denen das türkische Militär am Samstag die Offensive gegen Afrin einleitete.