Nach Pleite gegen Brasilien: Kroos geht auf Mitspieler los

Deutschland verliert zum ersten Mal seit dem EM-Halbfinale 2016 und muss feststellen: Der zweite Anzug sitzt nicht. Toni Kroos rechnet mit den Kollegen ab, Bundestrainer Joachim Löw bleibt aber gelassen. Aus Berlin berichtet Patrick Strasser. 

Toni Kroos war nach dem 0:1 gegen Brasilien nicht gut auf seine Kollegen zu sprechen. (Bild: Getty Images)

 

Das Beste zum Schluss – besser gesagt: die beste Chance. Erst in der Nachspielzeit konnte Julian Draxler mit einem wuchtigen 18-Meter-Schuss Brasiliens Torwart Allison prüfen. Der Keeper parierte den Ball zur Ecke. Das war’s. 0:1.

Und das war’s auch schon mit den wirklich guten Möglichkeiten der deutschen Nationalelf in diesem WM-Test gegen die Brasilianer. Torchancen zuvor blieben meist lediglich Andeutungen im Berliner Olympiastadion. Ein schwacher Auftritt des Weltmeisters, für die Gäste dank des Treffers von Gabriel Jesus unter gütiger Mithilfe der DFB-Defensive eine kleine Wiedergutmachung 1359 Tage nach der 1:7-Demütigung im WM-Halbfinale 2014.

Mit dem 0:1 endete eine Serie von 22 ungeschlagenen Spielen, die längste Erfolgsserie in der zwölfjährigen Cheftrainer-Amtszeit von Bundestrainer Joachim Löw. Die letzte Niederlage datiert vom 7. Juli 2016, dem Tag des EM-Halbfinals als das Turnier mit dem 0:2 gegen Gastgeber Frankreich vorbei war.

Damit behält Jupp Derwall († 80) seinen Rekord von 23 Länderspielen ohne Pleite aus der Zeit von Oktober 1978 bis Dezember 1980. Was allenfalls eine nette Statistik ist, eine Randnotiz.

Sieben Änderungen hinterlassen Spuren

Viel wichtiger: Die Spieler gingen in der Nacht auf Mittwoch kritischer mit ihrer Leistung um als der Bundestrainer. Wenig überraschend nahm Löw seine Spieler in Schutz, weil ihm bewusst war, dass die sieben Änderungen gegenüber dem passablen Test gegen Spanien (1:1) ihre Spuren hinterlassen würden.

“Es war nicht unser Tag, das Spiel ist nicht rund gelaufen. Jeder einzelne kann besser spielen”, sagte Löw relativ milde. Lediglich Jérome Boateng, in seiner Heimatstadt erstmals Kapitän, Toni Kroos, Joshua Kimmich und Julian Draxler waren im Team geblieben, der Rest der Mannschaft bestand aus Spielern, die sich für den WM-Kader empfehlen bzw. für die Startelf aufdrängen sollten.

Was Antonio Rüdiger, Marvin Plattenhardt, Ilkay Gündogan, Leroy Sané, Leon Goretzka, Mario Gomez und Torhüter Kevin Trapp nicht gelang. Erkenntnis Nummer zwei: Der Stellvertreter-Anzug sitzt nicht. Das A-Team um die diesmal geschonten Konstanten wie Mats Hummels, Thomas Müller, Sami Khedira, Mesut Özil, Timo Werner und Torhüter Marc-André ter Stegen ist eben doch eine Klasse besser – und nicht zu ersetzen.

“Im Turnier macht man nur punktuelle Wechsel, nicht auf fünf oder sechs Positionen”, sagte Löw und gab zu: “Manchmal ist eben Sand im Getriebe, wenn viel gewechselt wird. Das muss man dann in Kauf nehmen.”

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Gnadenlose Abrechnung von Kroos

Seine Spieler wurden nach Abpfiff deutlicher. Allen voran Toni Kroos. Der Spielmacher von Real Madrid kritisierte nach Abpfiff: “Mannschaftlich überwiegt klar das Negative. Wir haben gesehen, dass wir nicht so gut sind, wie es uns manchmal eingeredet wird oder auch einige bei uns denken. Es ist definitiv nicht so, dass wir der absolute Favorit in Russland sind. Das war vorher Quatsch, das ist jetzt Quatsch – und das sehen jetzt vielleicht ein paar mehr so.”

Auch zum neuen Personal hatte er der 28-Jährige eine klare Meinung: “Einige hatten die Chance, sich zu zeigen, aber das haben sie nicht getan. Wenn man in so einem Spiel die Möglichkeit bekommt, kann man eine andere Körpersprache erwarten. Natürlich gab es viele Umstellungen, aber jeder Einzelne ist auch für sich selbst verantwortlich. Dass er alles gibt, um seine Leistung zeigen zu können. Da ist nicht immer alles drumherum Schuld.”

Konkret sprach Kroos folgende Dinge an: “Wir müssen an vielen Dingen arbeiten. An der Robustheit, daran, die Bälle nicht so einfach zu verlieren durch technische Fehler, oder weil wir uns in den Zweikämpfen nicht durchgesetzt haben.”

Der einzige Vorteil aus Sicht von Kroos: “Es ist gut zu sehen, dass noch einiges fehlt. Wir haben noch eine Menge Luft nach oben.”

Für Julian Draxler, einen der besten im schwachen DFB-Team, war es “ein Weckruf zur richtigen Zeit”. Der offensive Mittelfeldspieler sagte weiter: “Der Bundestrainer wird sicherlich auch einige Erkenntnisse gewonnen haben, was auch das Ziel des Ganzen war. Fakt ist, dass wir nicht gut waren, aber ich kann jetzt nicht bei jedem in den Kopf schauen, warum das so war.”

Vielleicht ganz gut, dass sich die Spieler nun bis zum Start des WM-Trainingslagers am 23. Mai nicht mehr sehen. Bereits am 15. Mai muss Löw seinen vorläufigen Kader dem Weltverband Fifa melden, die endgültige Spielerliste ist am 4. Juni abzuliefern.

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“Ich weiß, was wir können”, sagt der Bundestrainer

Selbstkritisch zeigte sich Ilkay Gündogan: “Das war ein bisschen Licht, aber auch sehr viel Schatten. Wir haben viele Fehler gemacht. Ich weiß auch, dass ich es deutlich besser machen kann.“ Und Mario Gomez, der glücklose Mittelstürmer glaubt zu wissen: “Wenn es nur ums Gewinnen gegangen wäre, hätte der Trainer anders aufgestellt. So war es für uns nur ein Test.” Außer Thesen nix gewesen?

Löw blieb entspannt. “Mir bereitet eigentlich kaum etwas große Sorgen”, sagte der Bundestrainer mit Blick auf die WM-Endrunde, “ich weiß, was wir spielen können und was wir für eine Mentalität in der Mannschaft haben.” Dann zählt’s. Ob der Mythos “Turniermannschaft” wieder eintritt? Auch in einem möglichen Achtelfinale gegen Brasilien?