Nach Facebooks historischem Kurssturz: Wie groß ist der Schaden?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Erlebt sein schwerstes Jahr als Facebook-Chef: Mark Zuckerberg (Foto: © Facebook)

120 Milliarden Dollar: einfach weg. Facebooks dramatischer Kurseinbruch nach der Vorlage der Quartalsbilanz wirft viele Fragen auf. Das Social Network scheint an seine Wachstumsgrenzen zu stoßen: In den USA stagnieren die Nutzerzahlen, in Europa gehen sie gar zurück. Liegt das Beste hinter dem Social Media-Pionier?

Es geht gut, bis es schiefging. Das ist eine der ältesten Börsenweisheiten und gleichzeitig die Erkenntnis nach Facebooks jüngsten Quartalszahlen, die der Social Media-Pionier in der vergangenen Woche vorgelegt hatte. 

In der Vergangenheit war das von Mark Zuckerberg 2004 gegründete Internetunternehmen ein Garant für blitzsaubere Konzernbilanzen. Fast regelmäßig pulverisierte Facebook die Konsensschätzungen der Analysten und konnte dabei spektakuläre Wachstumsraten bei Umsatz und beim Gewinn jenseits der 50 Prozent vorweisen. 

Rare Umsatzverfehlung, langsamerer Gewinnzuwachs   

Am vergangenen Mittwoch nach Handelsschluss erlaubte sich Mark Zuckerberg jedoch einen seltenen Luxus: Er lieferte ein Zahlenwerk ab, das unter den Erwartungen der Wall Street ausfiel – und zwar in mehrfacher Hinsicht.

Bei Umsätzen von 13,23 Milliarden Dollar blieb Facebook erstmals seit Jahren wieder hinter den Konsensschätzungen der Analysten zurück, die noch von Erlösen in Höhe von 13,36 Milliarden Dollar ausgegangen waren. Im Vergleich zum März-Quartal ging das Umsatzwachstum zudem signifikant von 49 auf 42 Prozent zurück. 

Beim Gewinn fiel die Wachstumsverlangsamung noch deutlicher aus. So verdiente der Mutterkonzern des weltgrößten Social Networks zwar mit 5,1 Milliarden Dollar 31 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Drei Monate zuvor hatte das Gewinnwachstum jedoch noch sportliche 63 Prozent betragen.   

Nutzerrückgang in Europa schockt Wall Street 

Es gibt also erhebliche Bremsspuren in Menlo Park, die umso deutlicher ausfallen, zumal der Datenskandal um Cambridge Analytica in den vergangenen Monaten die (mediale) Debatte bestimmt hat. Zunächst sah es noch so aus, als würde der Sturm am weltgrößten sozialen Netzwerk vorbeiziehen: Konzernchef Mark Zuckerberg machte erst in den Befragungen vor dem US-Senat einen ziemlich ausgeschlafenen Eindruck („Senator, we run ads“) und konnte dann Ende April mit einer starken Quartalsbilanz punkten, die nicht ein Fünkchen von einer Krise erkennen ließ.    

Die Rechnung, die Cambridge Analytica angezettelt hatte, kam tatsächlich erst mit dreimonatiger Verspätung – und zwar vom Nutzer selbst. Während die Mitgliederzahlen in den USA seit nunmehr einem Jahr bei 185 Millionen Facebookern wie eingefroren scheinen, ziehen Nutzer in der EU tatsächlich Konsequenzen.

Gleich drei Millionen in Europa nutzten das weltgrößte soziale Netzwerk Ende Juni weniger als noch per Ende März. Ob es ausschließlich am Wirbel um Cambridge Analytica oder den neuen Datenschutzbestimmungen DSGVO gelegen hat, die Ende Mai in Kraft traten, ist statistische Kaffeesatzleserei. Fest steht: Erstmals in seiner 14-jährigen Historie hat Facebook im alten Kontinent Mitglieder verloren – und das in erheblichem Maße.

20 Prozent-Kurssturz vernichtet 120 Milliarden Dollar Börsenwert

Entsprechend epochal quittierte die Wall Street das denkwürdige Zahlenwerk: Mit einem Kurssturz von in der Spitze 150 Milliarden Dollar im nachbörslichen Handel, der tags darauf im regulären Handelsverlauf immer noch bei einem Minus von 120 Milliarden Dollar stehen blieb. 

Einen größeren Börsenwert hat noch kein Unternehmen in der Geschichte der Wall Street an nur einem Tag vernichtet. Dass es kein einmaliges Ereignis war, wurde am nächsten Handelstag klar, als die Facebook-Aktie statt eine Gegenreaktion zu starten, weiter an Wert verlor und bei 175 Dollar nunmehr im Börsenjahr 2018 im Minus notiert. 

Wie groß ist der Schaden nach dem Bilanzdebakel?

Klar scheint nach dem historischen Debakel: Facebooks Ära des Hyperwachstums ist vorbei. Finanzchef David Wehner hatte in der Telefonkonferenz mit Analysten nicht nur bestätigt, dass sich die Umsatzverlangsamung in den kommenden Quartalen fortsetzen, sondern sogar verschärfen würde.  

Entsprechend rätselt die Finanzwelt seit vergangenem Donnerstag, wie groß der Schaden tatsächlich ist, den der Bilanzschock verursacht hat. Klar ist für Analysten, Fondsmanager und Investoren, dass sich Facebook nicht so schnell von dem Debakel erholen dürfte.  

Analysten: Die Facebook-Aktie dürfte sich nicht so schnell erholen

„Über den Zeittraum eines Jahres rechne ich damit, dass Facebook zwischen 160 und 190 Dollar pendeln dürfte“,  mutmaßt Fondsmanager Doug Kass von Seabreeze Capital. 

Vermögensverwalter Cody Willard  rechnet bei einer Kursspanne von 150 bis 180 Dollar ebenfalls nicht mit einer schnelleren Rückkehr zu Allzeithochs. „Es könnte ein Jahr dauern, bis Facebook wieder bis auf seine Allzeithochs von 217 Dollar klettert“, mutmaßt der frühere Fox-Moderator in seiner Internet-Sendung „The Cody Willard Show“.

Und auch nach Einschätzung des langjährigen Techanalysten Gene Munster, heute  Mitgründer des Wagnisfinanzierers Loup Ventures, dürfte ein schnelles Comeback ausfallen. „Anleger sollten erst einmal an der Seitenlinie bleiben und sich ansehen, wie Investoren den Absturz verdauen“, erklärt Munster gegenüber CNBC.

“Ein Wall Street-Problem, nicht ein Facebook-Problem”

Für andere Wall Street-Experten ist Facebooks Absturz aus dem Börsenhimmel kein Drama, sondern eine notwendige Korrektur nach Monaten im Überfliegermodus. „Die Aktie ist jetzt tatsächlich da, wo sie vor zwei Monaten war. Der Aktiencrash ist ein Wall Street-Problem, nicht ein Facebook-Problem“, findet Henry Blodget, Gründer und CEO des Finanzportals Business Insider. Nach Einschätzung des früheren Merrill Lynch-Analysten war das Quartal immer noch „spektakulär“.

Entsprechend folgert der Business Insider, eine Menge Unternehmen wäre angesichts des Umsatzwachstums von 42 Prozent „gerne in Facebooks Position“. Das gilt kaum weniger für Konzernchef Mark Zuckerberg. Klar scheint trotzdem: Der 34-Jährige hat eine Menge Arbeit vor sich. Auch im eigenen Interesse – und in dem seiner Stiftung. Der Kurssturz vergangene Woche reduzierte das Vermögen des Facebook-CEOs binnen eines Tages um sage und schreibe 17 Milliarden Dollar.