Nach der Bundestagswahl: Jamaika-Koalition könnte neue Unruhe in Euro-Zone bringen

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Angeschlagene Kanzlerin: Gelingt Angela Merkel die Jamaika-Koalition? (AP / Markus Schreiber)


Nichts hassen die Finanzmärkte bekanntlich so sehr wie Ungewissheit – und die herrscht nach dem überraschenden Ausgang der Bundestagswahl plötzlich. Bundeskanzlerin Merkel ist angeschlagen wie nie, der Motor der EU droht zu stottern. Die Börse reagiert – mit Ausschlägen an den Währungsmärkten bis nach Athen.

Es schien ein Selbstläufer zu sein: Angela Merkel hat ihre vierte Kanzlerschaft sicher, die nach letzten Umfragen eine Wiederauflage der Großen Koalition zu bedeuten schien. Dann folgte am vorvergangenen Sonntag die große Überraschung: Nicht nur, dass die beiden großen Volksparteien die schwächsten Ergebnisse seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges einfuhren – die SPD verweigert auch noch wortstark die Fortsetzung einer Koalition.

Sofern es sich nicht um politisches Gepokere vor der Niedersachsenwahl in zwei Wochen handelt, steht die Bundesrepublik plötzlich vor der unwahrscheinlichsten und vermeintlich kontroversesten Regierung der Nachkriegszeit: der viel zitierten Jamaika-Koalition, dem ersten Bündnis aus vier Parteien – der CDU, CSU, FDP und den Grünen.

„Der deutsche Trump-Moment“

Und dann ist da noch der Einzug der AfD ins Parlament, die mit 12,6 Prozent der Stimmen zur drittstärksten Kraft avancierte. Keine Frage: So überraschend verlief seit Jahrzehnten keine Bundestagswahl mehr. Entsprechend konsterniert reagierte die Finanzbranche auf die tektonischen Verschiebungen im politischen Berlin.

„Für die Börsen ist der Ausgang der Wahl kein erfreulicher Anlass, da es wider Erwarten zu politischen Unsicherheiten kommt“, erklärte etwa Thomas Gitzel, Chefvolkswirt von der VP Bank im Handelsblatt. „Das Ergebnis der Bundestagswahl ist der deutsche Trump-Moment“, kommentierte Markus Schön, Geschäftsführer des Vermögensverwalters DVAM gegenüber manager magazin den Wahlausgang noch schärfer.

Langwierige Koalitionsverhandlungen könnten die Märkte belasten

„Mit endlosen Koalitionsgesprächen drohen auch noch unklare politische Verhältnisse in Europas größter Volkswirtschaft“, beschreibt Schön den Hauptknackpunkt der Bundestagswahl, aus der Kanzlerin Merkel überraschend beschädigt hervorgeht. Selbst wenn die 63-Jährige die CSU, FDP und Grünen dazu bringt, den Koalitionsvertrag zu unterschreiben, scheint das Damoklesschwert einer vorzeitigen Regierungsauflösung über ihrer Kanzlerschaft zu hängen.

„Das Schlimmste wären Neuwahlen. Dann drohten italienische Verhältnisse. Denn was wäre, wenn eine Regierungsbildung danach noch schwieriger würde?“, bringt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, die größten Bedenken der Börsianer auf den Punkt.

FDP mit konträrer Euro-Politik zur Großen Koalition

Entsprechend zum Erfolg gezwungen ist vor allem Angela Merkel vor den Koalitionsverhandlungen – sie braucht einen möglichst zügigen Abschluss am nötigsten. Das wissen auch die möglichen Koalitionäre, die sich ihren Platz am Kabinettstisch so teuer wie nie in der Regierung Merkel erkaufen würden.

Allen voran die wiedererstarkte FDP dürfte gehörig mit ihrem Pfund wuchern und der Kanzlerin das Leben schwer machen. Die Liberalen haben sich im Wahlprogramm vor allem in der Euro-Politik vielfach gegen die bisherige Regierung positioniert: „Die FDP hat eine komplett andere Vision für die Eurozone“, hatte der Chefvolkswirt der ING Deutschland, Carsten Brzeski im Vorfeld gewarnt.

So hatte sich FDP-Chef Lindner klar von der bisherigen Euro-Politik einer Transferunion zwischen reichen und armen Staaten distanziert, die Lindner im Kern für gescheitert hält. Mehr noch: Der eloquente 38-Jährige ließ im Wahlkampf keinen Zweifel daran, dass er in der Griechenland-Krise in den vergangenen Jahren anders gehandelt hätte und für ein  “Verfahren für geordnete Staatsinsolvenzen“ plädiert.

Bundestagswahl löst Börsenbeben in Athen aus 

Das neue Selbstbewusstsein der Liberalen findet bis ans äußerste Ende der europäischen Börsen ihren Widerhall. In Athen stürzte der Leitindex ASE nach dem Ausgang der Bundestagswahl sofort um 4 Prozent ab. Seit Anfang September, als sich abzeichnete, dass es für die Fortsetzung einer Großen Koalition doch problematischer werden könnte, betrug das Minus in der Spitze gar zehn Prozent.

Das ist noch nichts gegen den regelrechten Crash, den griechische Bankaktien erlitten, die seit der Bundestagswahl um 10 Prozent und seit Anfang September gar mehr als 25 Prozent an Wert verloren. Der Grund für die regelrechte Panik: Unter einem möglichen Finanzminister Lindner müsste sich der Hellenen-Staat möglicherweise wieder größere Sorgen um einen Verbleib in der Eurozone machen.

Und nicht nur das: Auch die anderen hoch verschuldeten Südstaaten Europas rücken plötzlich wieder in den Brennpunkt. Allein die Debatte um geordnete Staatsinsolvenzen lässt die Risikoprämien der Staatsanleihen in die Höhe schnellen, was entsprechend die Beschaffung von frischem Geld an den Bondsmärkten durch höhere Zinsen verteuert.

FDP-Erfolg ist schwerer Rückschlag für Macrons Plan von „Neugründung“ der EU

Auch für Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, der seit seinem triumphalen Wahlsieg im Mai als großer Reformator der EU gilt, ist der Ausgang der Bundestagswahl ein echter Worstcase. „Wenn sich Merkel mit den Liberalen verbündet, dann bin ich tot“, wurde der französische Hoffnungsträger  Anfang September in der Tageszeitung „Le Monde“ zitiert.

Für Macron geht es mehr noch als für Merkel um das europäische Projekt, das der 39-Jährige als regelrechte Neugründung begreift – mit einem eigenen Etat und Finanzminister inklusive. Doch nicht nur die EU-Reformpläne stehen zur Debatte, sondern ganz konkret auch die Nachfolge von EZB-Präsident Draghi, dessen Amtszeit zwar erst 2019 ausläuft, doch um dessen Nachfolge längst ein großer Richtungsstreit zwischen Nord- und Südeuropäern entbrannt ist.

Draghi-Nachfolge wird zum Politikum: Turbulenzen im Euro erwartet

Nach zwei Amtszeiten mit einem EZB-Präsidenten aus dem südeuropäischen Lager, der für eine EZB-Politik des ultraleichten Geldes stand, wollen Merkel und Schäuble unbedingt den deutschen Kandidaten Jens Weidmann durchsetzen, der als „Falke“ für eine restriktivere Notenbankpolitik unter stärkerer Einhaltung der Haushaltspolitik steht. Nicht zuletzt wegen dieser Erwartungen haben sich Anleger auf den Währungsmärkten in den vergangenen Monaten positioniert und eine massive Euro-Rallye ausgelöst.

Nun jedoch scheint Schäubles Karriere als Finanzminister und Gesicht der EU-Finanzpolitik der vergangenen acht Jahre plötzlich ihr jähes Ende zu finden, weil die FDP ein Finanzministerium unbedingt besetzen will, während Merkel, durch die Wahl geschwächt, ihren Kandidaten Weidmann möglicherweise nicht mehr durchsetzen kann.

Anlegern könnte ein heißer Herbst drohen

Entsprechend erlebte der Euro in den Tagen nach der Bundestagswahl deutliche Abschläge und könnte erstmals seit der massiven Rallye der vergangenen Monate wieder vor einer nachhaltigeren Korrektur stehen. An der deutschen Börse hat der Euro-Rückgang dagegen die Kurse befeuert, da schwächere Wechselkurse  der europäischen Gemeinschaftswährung schließlich gut für den Export sind.

Doch mittelfristig könnte eine politische Ungewissheit das Börsenklima überlagern:  „Je länger sich Koalitionsgespräche wie Kaugummi ziehen, umso nervöser und schwankungsanfälliger werden vor allem Mittelstandsaktien aus MDax und SDax, die im Gegensatz zu den internationalen Dax-Konzernen einen stärkeren Heimatbezug haben“, glaubt Baader Bank-Analyst Robert Halver. Anlegern könnte so ein überraschend heißer Herbst bevorstehen.