Nach den tödlichen Attacken: Was macht Hunde gefährlich und wann greifen sie an?

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin
Ein Staffordshire-Terrier-Mischling hat in Hannover zwei Menschen totgebissen. (Symbolbild: ddp)

Innerhalb von nur einer Woche sind in Deutschland drei Menschen durch Hunde-Attacken gestorben. Im Interview mit Yahoo Nachrichten erzählt eine Hundetrainerin, was die Tiere zu einem solchen Verhalten treibt und warum sie nie mit Kindern alleine gelassen werden sollten.

Jannis war erst sieben Monate alt, als er am Montag vom Familienhund angefallen wurde und kurze Zeit später im Krankenhaus seinen Kopfverletzungen erlag. Um welche Rasse es sich bei dem Hund handelt, ist bislang nicht genau geklärt. Die Polizei in Hessen geht davon aus, dass er ein Staffordshire-Mischling sein könnte. Dieselbe Rasse also, die in Hessen und anderen Bundesländern auf der Liste der gefährlichen Hunde steht und zu der auch Chico gehört, der vor wenigen Tagen in Hannover seine beiden Besitzer getötet hat. Eine 52 Jahre alte Frau und ihren 27-jährigen Sohn. Die genauen Umstände der Angriffe sind bisher nicht bekannt.

Hintergrund: Sieben Monate altes Baby stirbt nach Hundebiss

Im Interview mit Yahoo Nachrichten sagt Manuela Habermann, Sachverständige Prüferin für Hundetrainer für die Landestierärztekammer Rheinland-Pfalz: „Dass ein Tier zwei Menschen tötet, ist sehr ungewöhnlich.“ Um einen solchen Angriff auszulösen, müssten mehrere Faktoren zusammenkommen: Die Genetik des Tieres spiele ebenso eine Rolle wie die Aufzucht und Erziehung. Die Frage, ob der Hund adäquat an Menschen und die Umwelt gewöhnt wurde, ob er genügend soziale Kontakte zu Menschen und Tieren hatte, ob er gesund ist, ausgelastet und natürlich ob es einen Halter gibt, der kompetent ist. Dass es in Hannover Versäumnisse gab, hat das zuständige Veterinäramt bereits eingeräumt. Es war seit 2011 sowohl über die gesteigerte Aggressivität des Hundes informiert als auch darüber, dass der 27-jährige Halter ungeeignet war. Allerdings hatte es daraus keine Konsequenzen gezogen.

Kinder sind besonders gefährdet – egal, um welchen Hund es sich handelt

Über die Umstände, unter denen der Hund in Bad König das Baby Jannis angegriffen hat, ist noch wenig bekannt. Unklar ist, ob das Kind bei dem Angriff mit dem Hund alleine war oder nicht. Die Hundetrainerin rät in jedem Fall: „Man sollte immer darauf achten, dass Hunde nie mit Kindern alleine gelassen werden. Egal, um was für einen Hund es sich handelt und wie alt das Kind ist.“

Hintergrund: Versäumnisse beim Veterinäramt könnten Folgen haben

Gerade zwischen Kleinkindern und Hunden kann es zu Missverständnissen kommen, weil Kinder das Verhalten der Hunde oft noch viel schlechter deuten können als Erwachsene: „Kleine Kinder verwechseln das Zähnefletschen eines Hundes oft mit einem Lächeln. Und sie erkennen nicht, wenn der Hund sich bedrängt fühlt.“ Umarmt ein Kind zum Beispiel einen Hund, der das nicht will und keine Möglichkeit hat, sich zurückzuziehen, kann die Situation eskalieren. „Die Hunde werden zuerst steif, blecken die Zähne, fixieren drohend mit den Augen und fangen an zu knurren. Und erst wenn sie keine Möglichkeit mehr sehen, sich dieser Situation zu entziehen, greifen sie an.“ Auch ein falsch gerichtetes Jagdverhalten kann eine Rolle spielen, wenn kleine Kinder quietschen, sich unkontrolliert bewegen oder vor den Hunden weglaufen.

Was soll mit einem Hund passieren, der Menschen getötet hat?

Hatte die Stadt Hannover im Fall Chico zunächst noch verlauten lassen, der Hund würde eingeschläfert, steht diese Entscheidung momentan wieder auf der Kippe. Nachdem bislang 250.000 Menschen die Online-Petition „Lasst Chico leben!“ unterzeichnet hatten, könnte das Tier verschont werden. Chico lebt derzeit im Hannoveraner Tierschutzverein, wo Experten ihn noch begutachten werden. Gefragt, ob ein Hund mit einer solchen Vorgeschichte tatsächlich resozialisiert werden kann, reagiert die Hundetrainerin vorsichtig: „Das ist eine schwierige Frage und ich bin froh, dass ich das nicht entscheiden muss.“

Die Gutachter müssten herausfinden, welche Auslöser es für die Aggression des Hundes gegeben habe oder ob die Ursachen für sein Verhalten vielleicht medizinisch bedingt sind. „Es gibt viele Hunde, die tagtäglich resozialisiert werden und in guten Händen auch gute Tiere sind. Bei ihnen kann man an den Auslösern für aggressives Verhalten arbeiten“, so Habermann. Und trotzdem fragt nicht nur sie sich: „Wer möchte diese Verantwortung übernehmen?“ Dass der Hund aber auf einem Gandenhof leben könnte, auf dem sich geeignete Experten um ihn kümmern, hält sie für eine Option.

Welche Hunde als gefährlich eingestuft werden, ist regional verschieden

Pro Jahr sterben drei bis vier Menschen in Deutschland an den Folgen von Hunde-Attacken. Laut Statistischem Bundesamt gab es zwischen 1998 und 2015 insgesamt 64 Todesopfer. Nachdem im Jahr 2000 zwei Kampfhunde in Hamburg einen Sechsjährigen getötet hatten, haben viele Bundesländer ihre Regeln im Umgang mit den sogenannten Kampf- oder Listenhunden verschärft. „In Mannheim müssen Halter über 18 Jahre alt sein, brauchen ein Führungszeugnis, eine Haltererlaubnis der Ordnungsbehörde, eine Haftpflichtversicherung und müssen eine Sachkundeprüfung ablegen“, sagt Habermann, die auch Inhaberin der Hundeschule „Hunde-Nachhilfe“ in Mannheim ist.

Auch die Rasse Dogo Argentino steht in einigen Bundesländern auf der Kampfhunde-Liste. (Bild: Getty Images)

In anderen Bundesländern muss man einen „Hundeführerschein“ machen, wenn man einen gelisteten Hund wie Staffordshire Bullterrier, American Stafforshire Terrier oder Pitbull Terrier halten will. Weiterhin können auch andere Rassen wie Dogo Argentino, Mastiff oder Tosa Inu als gefährlich eingestuft werden. Manche Bundesländer fordern, dass solche Hunde in der Öffentlichkeit Maulkörbe tragen und angeleint sein müssen, zudem gilt ein Zugangsverbot, zum Beispiel bei öffentlichen Festen. Die Tiere müssen durch Tätowierung oder Chip gekennzeichnet sein, sterilisiert oder kastriert werden. Sowohl die Sachkundeprüfung wie auch die Wesenstests, die mancherorts zur Befreiung vom Maulkorkzwang führen können, sind bundesweit nicht einheitlich.

Bei schlechter Erziehung können alle Hunde gefährlich sein

Dass Listen- oder Kampfhunde generell gefährlicher sind als andere, glaubt die Hundetrainerin nicht. „Wenn alles von der Genetik über die Aufzucht und die Erziehung richtig gelaufen ist und die Hunde in verantwortungsvollen Händen sind, würde ich da keinen Unterschied machen.“ Wichtig sei für die Halter vor allem die richtige Erziehung. „Bei Welpen sind noch viele Dinge süß, die bei einem erwachsenen Hund eine Katastrophe sind. Ins Hosenbein beißen, Kindern hinterherlaufen oder an der Leine ziehen.“ Wer da nicht rechtzeitig eingreift, fördert das unerwünschte Verhalten. Zudem sollten die Halter unbedingt in der Lage sein, die Reaktionen ihres Hundes, vor allem Ängste, richtig deuten zu können.