Nach dem Tuchel-Korb: Bayerns Trainersuche wird zum Desaster

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Jupp Heynckes will nicht mehr, Thomas Tuchel hat schon einen anderen Job. Die Bosse des FC Bayern München haben sich gehörig verzockt. Rummenigge und Hoeneß bleibt eigentlich nur eine Option übrig.

Ratlos in der Trainerfrage: Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß

Von Karl-Heinz Rummenigge existiert eine nette Anekdote. Als der Vorstandsboss des FC Bayern vor zwei Jahren gemeinsam mit Präsident Uli Hoeneß zum Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart fuhr, habe Hoeneß auf dem Beifahrersitz geflucht, weil er nicht wusste, wie man die SMS öffnet, die er gerade geschickt bekommen habe. Hoeneß hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er mit den modernen Kommunikationsmitteln nichts anfangen kann. E-Mail, SMS, WhatsApp – der Präsident des FC Bayern würde sich dem gerne verweigern und stattdessen lieber Brieftauben losschicken.

In der letzten Woche aber musste Hoeneß ran. Kurze Informationswege waren gefragt, die Zeit drängte. Jupp Heynckes hatte Hoeneß ein für alle mal unmissverständlich klar gemacht: Ich bin raus! Die monatelang Balz um den Coach, das Umschmeicheln des Retters in der Not, verknüpft mit samtweichen Metaphern (“Der FC Bayern schwebt derzeit auf einer Wolke”), die bedingungslose Heynckes-Hingabe – alles für die Katz. Heynckes will zurück auf seinen Bauernhof und sein für ein paar Monate unterbrochenes Rentnerleben genießen. Mit Frau und Hund und vor allem ohne den FC Bayern.

Rummenigge war sich im Herbst mit Tuchel einig

Die Bayern-Bosse hatten nun Gewissheit und mussten handeln. Die Süddeutsche Zeitung schildert die Chronologie im Anschluss an die Heynckes-Absage wie folgt: Hoeneß, Rummenigge und Sportdirektor Salihamidzic kommunizierten drauf los – auch via SMS, E-mail und WhatsApp. Erst untereinander, um einem Konsens zu finden, wer es jetzt machen soll. Die Wahl fiel relativ schnell auf Thomas Tuchel, dem Mann, mit dem sich Rummenigge nach Informationen von Yahoo Sport schon im Oktober auf ein sofortiges Engagement als Ancelotti-Nachfolger geeinigt hatte; kurz danach preschte Hoeneß dazwischen mit seiner Idee, Heynckes vom Bauernhof zu holen und setzte sich durch.

Nun also wieder Tuchel. Diesmal endgültig. Der derzeit arbeitslose Trainer wurde kontaktiert – und setzte die Bayern davon in Kenntnis, dass er nicht (mehr) zur Verfügung stehe. Tuchel habe kürzlich bei einem “europäischen Topklub” zugesagt und stehe zu seinem Wort. Daraufhin sollen Hoeneß und Co. laut SZ versucht haben, Tuchel umzustimmen – via E-Mail, SMS und WhatsApp und letztendlich mit einer Telefonkonferenz vergangenen Freitag. Vergebens, Tuchel ist raus!

Nun wehren sich die Bayern gegen die Darstellung, Tuchel habe ihnen abgesagt. Das mag stimmen, denn um etwas abzusagen, muss erstmal etwas auf dem Tisch liegen und das war de facto nicht der Fall.

Robben und Ribery müssen weiter warten

Es ist aber auch völlig unerheblich, wie die Bayern das Thema Tuchel interpretieren und nach außen hin verkaufen wollen. An der Tatsache, dass sie sich gehörig verzockt haben, indem sie viel zu lange mit einer offiziellen Anfrage gewartet haben, lässt sich nicht rütteln. Lösung A (Heynckes) hat keine Lust, Lösung B (Tuchel) ist nicht zu bekommen. Ein Desaster für den FC Bayern.Sie haben bei Heynckes auf das falsche Pferd gesetzt und sich nebenbei Tuchel ein bisschen warmgehalten. Ein Trugschluss. Drei Monate vor Beginn der Vorbereitung auf die nächste Saison stehen sie ohne Trainer da und müssen wieder von vorne beginnen.

Dadurch wird auch die ungeklärte Zukunft von Arjen Robben und Franck Ribery noch ein bisschen länger ungeklärt bleiben. Die Entscheidung, ob die Altstars neue Verträge erhalten, obliegt in erster Linie dem neuen Trainer.

Doch wer wird’s jetzt? Alle gehandelten Trainer sind gebunden: Niko Kovac, Ralph Hasenhüttl, Julian Nagelsmann, Lucien Favre, Mauricio Pochettino. Von Nagelsmann sind die Bayern abgerückt – zu jung, zu unerfahren. Pochettino hat bis 2021 Vertrag bei Tottenham Hotspur und wäre entsprechend teuer. Zumal die Spurs nicht daran denken, den Argentinier ziehen zu lassen.

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Hasenhüttl in der Pole Position

Gleiches gilt für Kovac, mit dem Eintracht Frankfurt fest für die nächste Saison plant. Damit spricht eigentlich alles für Hasenhüttl. Der Österreicher hat Bayern-Stallgeruch, mit RB Leipzig den deutschen Fußball in den letzten zwei, drei Jahren aufgemischt und die Mannschaft im ersten Jahr auf internationalem Terrain bis ins Viertelfinale der Europa League geführt. Er hat aus Timo Werner Deutschlands Stürmer Nummer eins geformt.

Zudem soll es zwischen Hasenhüttl und den Leipzig-Machern Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff zuletzt ordentlich gekracht haben. Das dürfte den Bayern bei etwaigen Verhandlungen in die Karten spielen. Allerdings offenbarte Hasenhüttl vor kurzem, dass er sich noch nicht bereit fühlt, einen Verein der Größenordnung FC Bayern München zu übernehmen.

Und was ist mit Joachim Löw oder Jürgen Klopp? Große Namen, die beim FC Bayern ein Fundament legen könnten, wie einst Louis van Gaal oder Pep Guardiola. Doch was ein Engagement zur Saison 2018/19 angeht, ist die Vorstellung, Löw oder Klopp könnten täglich an der Säbener Straße auf dem Trainingsplatz stehen, völlig utopisch.

Egal, wer bei den Bayern ab 01. Juli 2018 als Cheftrainer unter Vertrag stehen wird, wird nach dem erfolglosen Werben um Heynckes und Tuchel maximal dritte Wahl sein. Kein ideale Voraussetzung, um einen der größten Vereine der Welt in eine erfolgreiche Zukunft zu führen.