Das N26-Problem: Warum der Einstieg für Allianz riskant ist

Björn König, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Warum ist N26 für die Allianz (WKN:840400) so interessant? Auf den ersten Blick scheint die Sache klar zu sein.

Das Unternehmen verfolgt eine vollkommen andere Strategie als traditionelle Retail-Banken. Die Allianz arbeitet ohne klassische Filialen, ohne Vertrieb und setzt auf Mobile First – alle Transaktionen und Produktabschlüsse erfolgen vollständig in der N26-App, die für Android und Apple-Smartphones angeboten wird. Sehr cool.

Über ihre Investmenttochter Allianz X sind die Münchener nun an der aktuellen Finanzierungsrunde des Berliner FinTech-Startups beteiligt. Mit an Bord ist auch die chinesische Tencent (WKN:A1138D) als Co-Leader der Finanzierung. Die Nachricht klingt erst einmal gut, doch meiner Meinung nach sollten Allianz-Aktionäre trotzdem besorgt sein.

N26 ist der dritte Versuch für Allianz

Besonders erfolgreich war die Allianz im Bankengeschäft nicht. Der Einstieg bei N26 folgt auf zwei bereits gescheiterte Projekte. Im Jahr 2001 übernahm Allianz die Dresdner Bank für sage und schreibe 30,7 Milliarden Euro. Leider ging das nicht gut aus: Am Ende wurde die Dresdner Bank für 9,8 Milliarden Euro an die Commerzbank (WKN:CBK100) verkauft. Im Zuge der Transaktion bot die Allianz ihre Versicherungsprodukte in den Commerzbank-Filialen an.

Im Konzern verblieb die Oldenburgische Landesbank (WKN:808600). Die OLB diente zwischen 2009 und 2013 als Kern für die neue Allianz Bank, die Girokonten, Spar- und Anlageprodukte über die Allianz-Vermittler vermarkten sollte.

Leider endete diese Geschichte auch nicht so gut. Im Jahr 2012 schrieb die Allianz Bank einen operativen Verlust von 45,2 Millionen Euro und stellte schließlich den Geschäftsbetrieb ein. Mittlerweile hat Allianz auch 90 % der OLB-Anteile an die Bremer Kreditbank veräußert. Vor dem Hintergrund des bislang überschaubaren Erfolgs im Bankengeschäft dürften viele Investoren den Einstieg bei N26 zumindest sehr kritisch sehen.

Inkompatibles Geschäftsmodell?

Aus der Aktionärsperspektive ist das Engagement von Allianz bei N26 allerdings auch aus einem anderen Grund mit einer gewissen Skepsis zu betrachten.

Denn das Geschäftsmodell der Smartphone-Bank ist eindeutig darauf ausgerichtet, Drittanbieter auf die eigene Plattform aufzunehmen. So arbeiten die Berliner um das Gründerteam Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal unter anderem mit dem Peer-to-Peer-Fremdwährungsservice TransferWise zusammen.

Im Bereich Insurance haben N26-Kunden zudem die Möglichkeit, aus einer großen Auswahl von Versicherungen in den Bereichen Privathaftpflicht, Rechtsschutz, Unfall, Hausrat, KFZ und Altersvorsorge zu wählen. N26 könnte zweifelsfrei eine interessante Vertriebsplattform für die Allianz werden. Dies würde jedoch voraussetzen, einen möglichst exklusiven Zugang zur N26-Plattform zu bekommen, was in meinen Augen im Gegensatz zu deren Geschäftsmodell steht. Im Gegenteil hatten die Gründer sogar angekündigt, das Angebot stetig auszubauen.

Klassische Finanzdienstleister brauchen Know-how

Unabhängig von der Frage, ob der Allianz-Einstieg bei N26 ökonomisch von Erfolg gekrönt sein wird, dürfte das Investment aus strategischer Sicht erklärbar sein. Denn Allianz steht unter starkem Druck, technologisch innovativer zu werden.

Wie alle traditionellen Finanzdienstleister befindet sich auch Deutschlands bedeutendster Versicherer vor einem tiefgreifenden Wandel, der vor allem durch den zunehmenden Wettbewerb innovativer FinTechs ausgelöst wird. In diesem Bereich steht Allianz beispielsweise der Frankfurter Versicherungsmakler Clark gegenüber. Das Insuretech hatte in der Series B-Finanzierung insgesamt 29 Millionen Dollar eingesammelt, ein Rekord für ein europäisches Insuretech-Startup. Mit dem Geld wollen die Frankfurter vor allem in Europa weiter expandieren, was den Wettbewerb für Allianz im europäischen B2C-Geschäft weiter verschärfen kann.

Versicherungen werden zu Banken

Erkennbar ist ein Verschwimmen der Grenzen. Während klassische Banken, wie auch die ING DiBa (WKN:A2ANV3), zunehmend mit FinTechs und Insuretechs kooperieren, sind die traditionellen Versicherungen zu Gegenreaktionen gezwungen. In Italien testet Allianz beispielsweise aktuell in Kooperation mit Visa (WKN:A0NC7B) seine Zahlungsapp „Prime“, die mobiles Bezahlen, eine Ausgabenerfassung und digitale Zahlungen mit Versicherungsschutz ermöglicht.

Sicher ist in jedem Fall, dass der technologische Aspekt und das Know-how für die „Big Guys“ aus der Versicherungs- und Finanzbranche unabdingbar sind. Und das gilt sogar für Tech-Riesen aus China: Tencent Holdings ist in der Series C-Finanzierung neben Allianz X stark vertreten. Dass es den beiden durchaus ernst mit dem Investment bei N26 ist, zeigt das Ergebnis der Series C definitiv.

Fazit: Marktumfeld zwingt Allianz zum Handeln

Es ist offensichtlich, dass Allianz es vor allem auf die technologische Plattform und das Know-how von N26 abgesehen hat. Der Einstieg bietet dem Versicherer somit die Möglichkeit, weitere Erfahrungen im lukrativen FinTech-Bereich zu sammeln und auch ein Scheitern im Bankgeschäft hätte nur geringe Auswirkungen auf die Bilanz der Münchener. Dennoch dürften Investoren den erneuten Einstieg aufgrund der bisherigen Ausflüge von Allianz in den Bankensektor zumindest mit einer gewissen Skepsis beobachten.

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Björn König besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Tencent Holdings und Visa.

Motley Fool Deutschland 2018