„Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter immer weiter heraufzusetzen“

Jeder Zweite hält nicht bis zur Rente durch. Das kostet alle Geld: den Frührentner, die Wirtschaft, die Krankenkassen. TK-Chef Baas will das ändern – mithilfe der Firmen.

Immer ein bisschen mehr bringt nichts: Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird jährlich ein wenig heraufgesetzt. Derzeit liegt es bei 65,5 Jahren. Bis 2030 soll es bei 67 Jahren liegen. Und das wird voraussichtlich nicht das Ende sein. Derzeit berät die Rentenkommission über Maßnahmen, wie die Finanzierung der Rentenversicherung langfristig gesichert werden kann. Im Instrumenten-Baukasten der Kommission liegt die weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit ganz oben.

Doch jetzt warnt Jens Baas, der Vorstandschef des größten deutschen Krankenkasse TK, genau davor. „Es nützt nichts, das Renteneintrittsalter immer weiter heraufzusetzen“, sagte er bei der Vorstellung des aktuellen Gesundheitsreports seiner Kasse in Berlin.

Die Begründung: Nach der Analyse seiner Krankenkasse scheidet immer noch jeder zweite Erwerbstätige unter den TK-Versicherten vor Erreichen der Altersgrenze aus dem Arbeitsleben aus. Darunter jeder Siebte (13,5 Prozent) aufgrund von Berufsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder Schwerbehinderung - also weil er schlicht nicht mehr länger arbeiten kann.


„Ein weiteres Drittel der Berufstätigen, die früher ausscheiden, nimmt deutliche finanzielle Einbußen in Kauf, um früher in Rente zu gehen“, sagt Thomas Grobe vom Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (aQua), das die TK-Daten ausgewertet hat. Besonders häufig seien Beschäftige mit körperlich belastenden Berufen von einer Frühverrentung betroffen.

So sei das Risiko, berufs- oder erwerbsunfähig zu werden, im Bau- und Holzgewerbe 1,8-fach erhöht, bei Verkehrs- und Lagerarbeitern ist es 1,6 Mal so hoch, bei Beschäftigten der Metallbranche fast 1,6 Mal höher als beim Durchschnitt der Arbeitnehmer.

Der Befund deckt sich mit Daten der Deutschen Rentenversicherung. Danach lag das durchschnittliche Rentenzugangsalter bei Männern 2016 bei 61,7 Jahren und bei Frauen bei 61,9 Jahren, also immer noch weit unter dem gesetzlichen Rentenalter. Bei den Altersrenten lag das durchschnittliche Zugangsalter bei 64,1 Jahren, bei den Erwerbsminderungsrenten sogar bei nur 51,7 Jahren.

Hauptursache für den Bezug einer Erwerbsminderungsrente waren mit fast 50 Prozent psychische Erkrankungen. Auch das belegt der Gesundheitsreport: Er zog als Indikator den Arzneimittelverbrauch heran. Der nimmt mit dem Älterwerden nicht nur deutlich zu. Ältere nehmen auch deutlich häufiger Antidepressiva als junge Versicherte.


Ältere Beschäftigte erhalten dem TK-Report zufolge mit 655 Tagesdosen fast drei Mal so viel Arzneimittel wie der Durchschnitt der Berufstätigen mit 245 Tagesdosen. Besonders oft sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Grund. Dort ist der Medikamentenverbrauch der 60- bis 64-Jährigen 2017 vier Mal so hoch gewesen wie beim Durchschnittsarbeitnehmer. Bei Mitteln gegen Erkrankungen des Nervensystems und psychischen Erkrankungen ist der Verbrauch Älterer ungefähr ein Drittel über dem Durchschnittsniveau.

„Das sind Zahlen, die uns zu denken geben müssen“, sagte Baas dazu. Bevor das Rentenalter immer weiter heraufgesetzt wird, „müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen leistungsfähig bleiben und überhaupt bis zum geltenden Rentenbeginn arbeiten können“. Dabei sieht Baas Krankenkassen und Unternehmen besonders gefordert.

Betriebliches Gesundheitsmanagement ist sein Zauberwort. Inzwischen haben alle Krankenkassen so etwas im Angebot. Die TK macht hier ein wenig Reklame in eigener Sache. Baas: „Wir gehen mit unseren Angeboten direkt auf die Unternehmen zu und entwickeln gemeinsam mit den Unternehmen individuelle Lösungen.“


Darüber hinaus gibt es feste Angebote wie das dreitägige Seminar „Gesund arbeiten, aktiv im Ruhestand“, das gezielt für ältere Arbeitnehmer entwickelt wurde. Außerdem zeichnet die Kasse seit einigen Jahren gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Unternehmensberater die besten Unternehmen aus, die mit innerbetrieblichen Leuchtturmprojekten Lösungen für die betrieblichen Auswirkungen des demografischen Wandels gefunden haben.

Für Baas ist eine bessere Gesundheitsvorsorge für ältere Arbeitnehmer der Weg der Wahl, auch die Generation der Baby-Boomer, die ab 2024 verstärkt das Rentenalter erreicht, so lange wie möglich im Job zu halten. Dabei gehe es nicht nur darum, die Rentenkassen zu entlasten. Es gehe mindestens so sehr darum, das Wissens- und Leistungspotenzial zu erhalten.