Der nächste Schritt zum Autobauer

Die Deutsche Post will den StreetScooter vorantreiben und gründet dafür ein eigenes Vorstandsressort. Es könnte der erste von vielen Schritten Richtung Börsengang sein.

Jürgen Gerdes war schon immer ein Autonarr. Sein ganzes Leben lang hat Gerdes bei der Post gearbeitet, die vergangenen zehn Jahre davon als Brief- und Paketvorstand. Doch noch lieber als über Briefe spricht Gerdes über Autos, über eines ganz besonders, den StreetScooter.

Die Post entwickelte das Paketfahrzeug mit Elektroantrieb einst zusammen mit Forschern der RWTH Aachen. 2014 entschloss sich der Konzern, die Forscher samt ihrer Erfindungen einzukaufen. Seitdem baut die Post den StreetScooter selbst. 5500 Fahrzeuge hat sie bereits in Deutschland im Einsatz, erste Exemplare hat sie bereits auch an Dritte verkauft. Auch Siemens testet den Lieferwagen.

Nun geht die Post den nächsten Schritt: Sie gründet ein eigenes Ressort für den StreetScooter und andere innovative Projekte, unter der Führung von Jürgen Gerdes. Der 53-Jährige kann das Projekt nun mit seiner ganzen Kraft vorantreiben. Die Deutsche Post DHL wird so immer mehr zum Autobauer.


Doch hinter der Entscheidung könnte noch ein größeres Kalkül stehen: Das eigene Ressort ebnet den Weg für einen Börsengang des StreetScooters. Noch stehen nicht alle Details fest. „Corporate Incubations“ soll der neue Geschäftsbereich heißen, erklärte die Deutsche Post heute in einer Pressemitteilung, nachdem der Aufsichtsrat der Entscheidung zustimmte. Der Name erinnert an die aus der Start-up-Szene bekannten Inkubatoren. Der Bonner Konzern will innerhalb dieses Bereiches innovative Projekte vorantreiben und daraus nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln – so wie bei dem StreetScooter. Dazu könnte zum Beispiel auch die eigene Post-Drohne, der Paketkasten oder die digitale Frachtbörse Saloodo gehören. Welche Projekte genau in das neue Ressort fallen, werde in den kommenden Wochen entschieden, erklärte ein Post-Sprecher gegenüber der WirtschaftsWoche. Jürgen Gerdes kann sich so nach und nach sein eigenes Reich basteln.

Doch in diesem Reich wird der StreetScooter den größten Raum einnehmen. Die Deutsche Post DHL hat das Projekt in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet. Neben der ersten Fabrik in Aachen will der Konzern in den kommenden Monaten eine zweite Produktion in Düren in Betrieb nehmen. Voll ausgebaut soll die Kapazität der beiden Fabriken bei 20000 StreetScootern im Jahr liegen.

Mit Ford arbeitet die Deutsche Post DHL außerdem gerade an dem StreetScooter XL, einem größeren Modell. Weitere Kooperationen mit anderen Partnern – beispielsweise bei den Batterien oder der Lade-Infrastruktur – schließt der Konzern nicht aus. Die Post will den StreetScooter nicht nur selbst einsetzen, sie will ihn verkaufen.

Spannend wird deshalb vor allem die Frage, ob das neue Vorstandsressort auch wie die anderen Bereiche eigene Zahlen ausweisen wird. Dann könnten Anleger und Investoren schwarz auf weiß sehen, wie erfolgreich der StreetScooter tatsächlich ist. Das wäre eine notwendige Bedingung für einen möglichen Börsengang oder Verkauf des Geschäfts.

Auch wenn ein solches Szenario wohl erst in einigen Jahren Realität werden könnte – der Konzern muss jetzt schon darüber nachdenken. Die Post ist Logistiker, kein Autobauer. Und wenn die Produktion des StreetScooters noch weiter ausgebaut werden soll, sind dafür hohe Investitionen nötig. Die neue Sparte müsste um diese Gelder dann mit dem eigentlichen Kerngeschäft konkurrieren. Auch im Aufsichtsrat sollen mögliche Zukunftsszenarien wie ein Börsengang deshalb bereits diskutiert worden seien, erfuhr die WirtschaftsWoche.

Die Post muss nun beweisen, dass sie als Autobauer erfolgreich sein kann – auch in Konkurrenz zu anderen Anbietern. Der Markt für die elektrischen Lieferwagen ist da: In Zeiten von Dieselfahrverboten suchen immer mehr Unternehmen nach alternativen Lieferfahrzeugen, mit denen sie ohne Einschränkungen in die Innenstädte fahren können. Ein großes Interesse gäbe es auch von Kommunen und Handwerkern, erklärte ein Post-Sprecher.