Die nächste Rezession dürfte Wohlhabende besonders stark treffen – darum erwartet das „Wall Street Journal“ eine „Richzession“

Die nächste Rezession in den USA dürfte Wohlhabende stärker treffen als Geringverdiener. Das "Wall Street Journal" erwartet entsprechend eine "Richzession". - Copyright: John Lamparski/NurPhoto
Die nächste Rezession in den USA dürfte Wohlhabende stärker treffen als Geringverdiener. Das "Wall Street Journal" erwartet entsprechend eine "Richzession". - Copyright: John Lamparski/NurPhoto

Jeder Wirtschaftsabschwung produziert Verlierer, und meistens trifft eine Rezession Geringverdiener, schlecht Ausgebildete und weniger Wohlhabende am härtesten. So war es zunächst auch in der Corona-Krise, als viele einfache Jobs verschwanden. Noch ist nicht sicher, ob es infolge des Ukraine-Krieges erneut zu einer Rezession kommt. Doch wenn, dann werde sie anders sein, als viele Krisen zuvor, schreibt die Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ (WSJ). In den USA könnten Besserverdienende und Wohlhabende besonders viel verlieren, während Arbeitnehmer mit geringen Löhnen in einer stärkeren Position seien. Das „WSJ“ schrieb entsprechend von einer "Richzession", einer Rezession der Reichen. Die Analyse bezieht sich auf die USA, doch es gibt Parallelen zu Deutschland.

Während Corona gingen zunächst viele einfache Jobs verloren, Selbstständige gerieten in Existenznot. Die Erholung danach verlief in den USA ebenfalls ungleichmäßig. Die Löhne der ohnehin gut verdienenden US-Amerikaner stiegen, während Geringverdiener unter Druck blieben. Vor allem aber stiegen die Vermögen, meist die Aktienvermögen, vieler Reicher. Einem Bericht von Oxfam aus dem April zufolge wuchs das Vermögen von Milliardären weltweit während der Pandemie um 62 Prozent. In den USA steigerten Milliardäre ihre Vermögen um sagenhafte 21 Billionen US-Dollar (umgerechnet rund 19,5 Billionen Euro).

Aktuell sieht es für die Spitzenverdiener und Vermögende nach Einschätzung des „WSJ“ nicht so rosig aus. Sie sind besonders stark von Massenentlassungen bei Tech-Unternehmen wie Meta (Facebook) oder Twitter betroffen, wo die Durchschnittsverdienste 2021 über 200.000 Dollar (umgerechnet etwa 186.000 Euro) lagen. Viele Tech-Unternehmen bauen gerade die Positionen teurer Spitzenverdiener ab oder kürzen deren Gehälter.

Gleichzeitig bleibe der Aktienmarkt unter Druck, wie es Linette Lopez für Business Insider aus den USA berichtet: „Der Aktienmarkt ist – auf absehbare Zeit – völlig kaputt.“ 90 Prozent aller Aktien in den USA werden von den reichsten zehn Prozent der US-Amerikaner gehalten. Noch nie war dieser Wert so hoch.

In den vergangenen Monaten hat sich das Blatt daher gewendet. Während die realen Einkommen und Vermögen der oberen zehn Prozent zurückgehen, legen die Einkommen der unteren 50 Prozent der Einkommensskala überproportional zu.

Ökonomen der University of California in Berkeley bilden Daten zur Ungleichheit in der US-Wirtschaft in Echtzeit auf der Webseite „Realtime Inequality“ ab. Seit der Pandemie haben sowohl die Lohneinkommen als auch die Vermögen der unteren 50 Prozent der Einkommensskala deutlich stärker zugelegt als im obersten Prozent, den oberen zehn Prozent oder auch den mittleren 40 Prozent.

Für die unteren 50 Prozent beträgt das reale Vermögenswachstum von Februar 2020 bis September 2022 rund 226 Prozent. Für die obersten ein Prozent betrug dieser Zuwachs nur 16,8 Prozent.

Das gleicht selbstverständlich die immense Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen und Vermögen in den USA bei weitem nicht aus. Es beschreibt aber einen interessanten Trend.

Einem Bericht des überparteilichen Congressional Budget Office zufolge besitzt die untere Hälfte der US-Amerikaner nur zwei Prozent des Vermögens des Landes, während das obere ein Prozent etwa ein Drittel besitzt.

Auch wenn die sich abzeichnende Rezession als eine Rezession der Reichen angesehen werden kann, bedeutet das nicht, dass sie nicht auch die einkommensschwachen US-Bürger treffen wird.

„Ich denke, die traurige, immer wiederkehrende Wahrheit über den US-Arbeitsmarkt ist, dass bei Abschwüngen die am stärksten benachteiligten Menschen unverhältnismäßig stark betroffen sind“, sagte Nick Bunker, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Indeed Hiring Lab.

"Geringere Einkommen, niedrigere Löhne, geringere Bildung, Schwarze und farbige Arbeitnehmer" drohten während des Abschwungs größere Ausschläge in der Arbeitslosigkeit zu erleben, so Bunker.

Aktuell aber boomt der Arbeitsmarkt besonders für Geringverdiener. Die jüngsten Daten des Bureau of Labor Statistics zu offenen Stellen und Kündigungen zeigen, dass die Zahl der offenen Stellen immer noch weit über der Zahl der Arbeitslosen liegt. Gleichzeitig kündigen viele Arbeitnehmer von sich aus: Im November 2022 gaben 2,7 Prozent der Erwerbstätigen ihren Job auf. Viele dieser Kündigungen entfallen auf den Niedriglohnsektor, was den Mangel an Arbeitskräften dort noch verstärkt, vor allem aber darauf hinweist, dass viele Beschäftigte in diesem Sektor aktuell besser bezahlte Angebote erhalten.

Das ist eine Parallele zu Deutschland. Auch hierzulande gibt es viele unbesetzte Stellen. Im dritten Quartal 2022 waren es 1,82 Millionen. Vielen von ihnen in Berufen, in denen eher wenig oder durchschnittlich bezahlt wird – in der Gastronomie, der Logistik oder auch in Pflege und Gesundheit. Dies hat dazu geführt, dass gerade in diesem Bereich die Löhne und Gehälter 2022 stärker gestiegen sind als in den höheren Einkommensgruppen.

Eine wichtige Rolle hat dabei auch die Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohnes gespielt. Er ist 2022 in mehreren Stufen um rund 25 Prozent auf zwölf Euro die Stunde gestiegen. Das hat dazu geführt, dass auch in den Lohn- und Gehaltsgruppen direkt über dem Mindestlohn die Einkommen überproportional angestiegen sind. Bisher zeigt der Arbeitsmarkt auch in Deutschland noch keine Anzeichen der Schwäche.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt und ergänzt. Das Original lest ihr hier.