Warum ein Bitcoin-System ohne zentrale Kontrolle gefährlich ist


Der Reiz der meisten Kryptowährungen liegt unter anderem darin, dass sie dezentral funktionieren. Es gibt keine herausgehobenen Entscheidungsträger, sondern das, was passiert, ergibt sich aus den Entscheidungen aller Beteiligten. Bei Bitcoins ist das besonders ausgeprägt, weil dort selbst der Erfinder, Satoshi Nakamoto, bis heute unbekannt geblieben ist und sich, jedenfalls unter diesem Namen, zurückgezogen hat, sodass es keine Gründerfigur für das System gibt.

Dezentralität ist ein altes Thema – weit älter als Bitcoins – und ein Mythos. Jedenfalls dann, wenn man dezentral gesteuerte Systeme ohne weitere Begründung als grundsätzlich besser einstuft als zentral gesteuerte.

Politisch gesehen ist der Anarchismus die am deutlichsten darauf ausgerichtete Ideologie. Krypto-Fans sind nicht selten leicht anarchistisch angehaucht. Das verbindet sie unter anderem mit der inzwischen abgetauchten Occupy-Wall-Street-Bewegung, für die der pazifistische Anarchist David Graeber, Autor des Bestsellers „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“, ein Vordenker war.

Gemeinsam ist Occupy und Bitcoin-Enthusiasten auch die Ablehnung der traditionellen Bankenwelt – verständlich nach den Erfahrungen der letzten Finanzkrise.

Dezentralität klingt nach Demokratie. Auch dabei ist Vorsicht angebracht. Die direkte Demokratie im Schweizer Stil erlaubt tatsächlich dezentrale Entscheidungen. Aber auch in der Schweiz gibt es zentrale politische Instanzen. Und andere Formen der Demokratie, etwa der britische Parlamentarismus, konzentrieren Macht und Entscheidungsbefugnisse sehr stark in einer einzigen Institution, dem Unterhaus – auch wenn beim Brexit dessen Angehörige die Entscheidung leichtfertig aus der Hand gegeben haben.

In den 1980er-Jahren, nach dem Atomunfall in Tschernobyl, war Dezentralität ein großes Schlagwort in der Energieversorgung. Die Idee war, die Vormacht der Energiekonzerne zu brechen und mit einer möglichst weit verteilten, nachhaltigen Produktion für mehr Sicherheit zu sorgen.

Dieses Programm ist tatsächlich angelaufen und läuft noch weiter. Es ist ein Erfolg. Die Macht der Energiekonzerne ist in einem Maße geschwunden, das früher undenkbar gewesen wäre. Viele Hausbesitzer sind tatsächlich fröhliche Stromproduzenten geworden. Erstaunlich ist allerdings, wie kritiklos zum Teil für Elektroautos plädiert wird, die ja zum guten Teil von zentral erzeugter Primärenergie abhängen.


Vor einigen Jahrzehnten kam zudem die Idee auf, industrielle Prozesse durch weitgehend autonome Teams zur organisieren, berühmt wurde das Beispiel Volvo in Schweden. Inzwischen ist das allerdings zum Teil dadurch überholt, dass diese Prozesse automatisiert worden sind.

Das vielleicht wichtigste Beispiel für Dezentralität ist die Marktwirtschaft, oder sagen wir ruhig: der Kapitalismus. Dort werden wirtschaftliche Entscheidungen dezentral von Verbrauchern und Unternehmen getroffen – deswegen funktioniert das System im Gegensatz zu allen Versuchen einer zentralen Planung.

Ist Dezentralität also doch mehr als ein Mythos? Taugt diese Ideologie dazu, utopische Projekte wie Bitcoins, samt der Nebenwirkungen wie einem irrsinnigen Energieverbrauch, am Leben zu erhalten und zu rechtfertigen?

Letztlich zeichnen sich fast alle gut funktionierenden Systeme durch eine Kombination von Zentralität und Dezentralität aus. Entscheidend ist es, die richtige Balance zu finden.

Die Energieversorgung war früher zu sehr von Monopolkonzernen geprägt. Heute fehlt dagegen eher ein zentrales politisches Konzept. Unternehmen sind nur noch überlebensfähig, wenn sie beides haben, eine kompetente, schnell entscheidende Führung und Raum für Kreativität auf allen anderen – möglichst wenigen – Hierarchiestufen.

Der Kapitalismus ist nur überlebensfähig und lebbar, wenn er durch zentrale Kontrolle und ein gewisses Maß an Umverteilung ergänzt wird.

Was heißt das für das Krypto-Reich? Auch dort werden sich auf Dauer nur Konzepte durchsetzen, die ein Balance aus Zentralität und Dezentralität wahren. In jedem einzelnen Anwendungsbereich wird sich nach ganz praktischen Gesichtspunkten erweisen, ob eine dezentrale Software wie die Blockchain wirklich die bessere Lösung ist.

Radikale Experimente wie Bitcoins werden sich schwertun, weil – so erstaunlich das auf den ersten Blick erscheinen mag – gerade im technischen Bereich ohne eine gewisse zentrale Steuerung häufig keine Innovation möglich ist.

Alles in allem gilt also auch in der virtuellen Welt: Wer sich Mythen kritiklos aussetzt, landet im Nirwana, aber nicht in einer realen neuen Welt.