Bislang blutigster Tag der Proteste in Myanmar mit fast 90 Toten

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Am bislang blutigsten Tag der Proteste gegen die Militärherrschaft in Myanmar sind fast 90 Menschen von Sicherheitskräften getötet worden. "Mindestens 89 Menschen wurden bis zum frühen Abend getötet", erklärte die örtliche Organisation für politische Gefangene (AAPP) am Samstag. Laut den Vereinten Nationen waren auch Kinder unter den Opfern. Aus Anlass einer Militärparade zum Tag der Armee hatte die Protestbewegung zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

"Wir erhalten Berichte über Dutzende von Toten, einschließlich Kindern, hundert Verletzte an 40 Orten und Massenverhaftungen", erklärte das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte auf Twitter. Eine Sprecherin sprach sogar von 91 Toten, jedoch hätten die Berichte noch nicht verifiziert werden können.

Myanmars Militär demonstrierte am Vormittag in der Hauptstadt Naypyidaw mit einer großen Parade seine Stärke. Flankiert von Militärfahrzeugen marschierten Soldaten anlässlich des Tags der Armee mit Flaggen und Fackeln durch die Hauptstadt.

In einer Rede verteidigte Junta-Chef Min Aung Hlaing den Militärputsch am 1. Februar erneut. Er gab an, nach Neuwahlen die Macht an die dann neue Regierung abgeben zu wollen. Zugleich richtete der General eine Warnung an die Junta-Gegner: "Terrorismus" sei nicht hinnehmbar, sagte er. "Die Demokratie, die wir uns wünschen", müsse respektiert werden.

Mit dem Tag der Armee erinnert Myanmar an den Beginn des Widerstands gegen die japanische Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Nur acht ausländische Delegationen nahmen an der Veranstaltung teil, darunter China und Russland.

Seit dem Militärputsch am 1. Februar sieht sich die Junta in Myanmar massiven Protesten gegenüber, gegen die sie äußerst brutal vorgeht. Mehr als 2600 Demonstranten wurden seit Beginn der Proteste festgenommen, fast 330 Menschen wurden nach Angaben von örtlichen Menschenrechtsaktivisten getötet. Die Demonstranten fordern unter anderem die Freilassung der entmachteten De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und eine Rückkehr zum demokratischen Prozess.

In mehreren Städten wurden die Demonstrationen am Samstag teilweise noch vor dem Morgengrauen blutig niedergeschlagen. Zu besonders brutalen Szenen kam es in der gesamten Region von Mandalay. Dort eröffneten Sicherheitskräfte das Feuer auf Demonstranten und erschossen mindestens neun Menschen in vier verschiedenen Städten - darunter einen Arzt sowie ein 14-jähriges Mädchen, wie Rettungskräfte vor Ort berichteten. "Vier Männer wurden tot zu uns gebracht", sagte eine Sanitäterin aus Mandalay, der zweitgrößten Stadt Myanmars, während sie verzweifelt versuchte, dutzende Verletzte zu behandeln.

In der Stadt Lashio im Shan-Gebiet an der Grenze zu Thailand und China eröffneten die Sicherheitskräfte das Feuer auf demonstrierende Studenten und töteten nach Angaben eines Sanitäters mindestens drei junge Menschen. Sein Team habe die Toten wegen der vielen Schüsse nicht bergen können, berichtete er. "Die Armee und die Polizei kamen einfach und schossen ohne Vorwarnung los", berichtete ein örtlicher Journalist.

Viele Opfer gab es auch in der Wirtschaftsmetropole Yangon, die sich in den vergangenen Wochen zum Brennpunkt der Proteste entwickelt hat. Gegen Mitternacht eröffneten dort Polizisten das Feuer auf eine Gruppe Menschen, die vor einer Wache die Freilassung inhaftierter Freunde forderten. Sie erschossen mindestens fünf Menschen, wie Augenzeugen berichteten. Erst gegen vier Uhr morgens kehrte demnach wieder Ruhe ein. Stunden später waren Rauchschwaden über der Stadt zu sehen.

"Dieser 76. Tag der Armee wird als ein Tag des Terrors und der Unehre in Erinnerung bleiben", erklärte die Delegation der Europäischen Union in Yangon in den Online-Netzwerken. Ähnlich äußerte sich die US-Vertretung. "Die heutige Tötung von unbewaffneten Zivilisten, einschließlich Kindern, markiert einen neuen Tiefpunkt", erklärte zudem Großbritanniens Außenminister Dominic Raab.

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