MW Werften wollen Insolvenz anmelden — hat der Steuer-Poker des malaysischen Eigentümers nun ein Ende?

·Lesedauer: 4 Min.
In der MV Werft wird die Global Dream, das weltgrößte Luxus-Kreuzfahrtschiff gebaut. Eigentümer der Werft ist Tan Sri Lim Kok Thay, Chef des Mutterkonzerns Genting Group
In der MV Werft wird die Global Dream, das weltgrößte Luxus-Kreuzfahrtschiff gebaut. Eigentümer der Werft ist Tan Sri Lim Kok Thay, Chef des Mutterkonzerns Genting Group

Die MV-Werften-Gruppe wird nach eigenen Angaben noch an diesem Montag Insolvenz anmelden. Ein Sprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass die Mitarbeiter am Montag über diesen Schritt informiert worden seien. Die Firma MV Werften zog damit die Konsequenzen aus der anhaltenden Finanzkrise, die seit Beginn der Corona-Pandemie das Unternehmen in eine Schieflage gebracht hat. Zunächst hatte der NDR berichtet.

Dem Schritt waren bisher erfolglose Verhandlungen von Bund und Land mit dem Eigentümer Genting Hongkong um die Rettung der angeschlagenen MV-Werften mit mehr als 1900 Arbeitsplätzen vorausgegangen. Die Beteiligten hatten sich gegenseitig für die stockenden Gespräche verantwortlich gemacht. Die Bundesregierung war dem Vernehmen nach zu einem Rettungspaket und weiteren Hilfen bereit, wollte bisher aber nicht von ihrer Forderung nach einem Eigenbeitrag des Eigentümers abrücken. Es fehle ein klares Bekenntnis der Eigentümer zu ihrer Werft, hieß es zuletzt.

Die beiden Städte Warnemünde und Wismar an der deutschen Ostsee sind eigentlich nicht gerade für große Schlagzeilen bekannt. Doch was sich in diesen Tagen in den beiden Orten abspielt, ist ein internationaler Wirtschaftskrimi erster Güte. Dabei geht es um den Bau des größten Luxus-Kreuzfahrtschiffes der Welt, einen malaysischen Casino-Milliardär, Hunderte Millionen Steuergeld, deutsche Spitzenpolitiker und fast 2000 Mitarbeiter, die aktuell um ihren Job bangen.

Doch der Reihe nach: Seit 2018 wird in den MV Werften in Warnemünde und Wismar die "Global Dream I" gebaut. Der 342 Meter lange und 57 Meter hohe Koloss bietet Platz für 9500 Passagiere, ist damit das weltgrößte Kreuzfahrtschiff. Doch im Zuge der Corona-Pandemie stocken die Arbeiten an dem 1,6 Milliarden Euro teuren Schiff. Den MV Werften fehlt Geld, um weiterzubauen. Bis zu 700 Millionen Euro werden angeblich gebraucht, um die "Global Dream I" fertig zu bauen.

2000 Mitarbeiter haben die MV Werften
2000 Mitarbeiter haben die MV Werften

Hinter den MV Werften steckt der malaysische Konzern Genting Group, der 1965 von Lim Goh Tong gegründet wurde und heute von dessen Sohn Tan Sri Lim Kok Thay geführt wird. Der investierte in den vergangenen Jahren über ein Firmengeflecht mit Dutzenden Tochterunternehmen Milliarden in Hotels, Plantagen, Biotechnologie, Casinos – und eben in die MV Werften, die er 2015 übernahm. Seitdem werden dort Schiffe für die drei Genting-Kreuzfahrtmarken Star Cruises, Crystal Cruises und Dream Cruises gebaut. Darunter die "Global Dream I".

Hinter MV Werften steckt die Genting Group

Doch offenbar hat Tan Sri Lim Kok Thay mit seiner Genting Group inzwischen erhebliche Finanzschwierigkeiten. Insider sprechen gar von einer drohenden Insolvenz. Am Freitagmorgen hat das Unternehmen nun angekündigt, den Handel an der Börse auf unbestimmte Zeit auszusetzen. Zudem erhalten die Beschäftigten nicht pünktlich ihr Geld. Freitagmittag hat die Leitung der MV Werften die Beschäftigten informiert, dass diese ihr Geld erst eine Woche später bekommen. Werften-Geschäftsführer Carsten Haake beteuerte im Gespräch mit dem NDR, dass das Geld aber da sei.

Im Hintergrund versucht Tan Sri Lim Kok Thay offenbar nun mit allen Mitteln an Geld zu kommen – und verklagte bereits vorige Woche kurzerhand die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns um Manuela Schwesig (SPD) auf die Zahlung von 78 Millionen Euro. Das Geld hatte in Schwesigs früherer Regierungsmannschaft der damalige Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) tatsächlich in Aussicht gestellt – laut Insidern jedoch die Zahlung nicht an die MV Werften versprochen, sondern an Genting. Am kommenden Dienstag will nun das Landgericht Schwerin über die Klage entscheiden. Muss die Landesregierung zahlen, so die Sorge, ist das Geld weg, ohne dass die Werften davon profitieren.

Schiffbauer bereiten eine der insgesamt drei Azipods unter dem im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff „Global Dream I“ im Dock für den Einbau vor
Schiffbauer bereiten eine der insgesamt drei Azipods unter dem im Bau befindlichen Kreuzfahrtschiff „Global Dream I“ im Dock für den Einbau vor

Doch selbst wenn das Geld in die Werften gesteckt wird: Für den Fertigbau des Schiffes sollen die Landesmittel laut Regierungskreisen nicht reichen. Daher hatte die Bundesregierung um Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Finanzminister Christian Lindner (FDP) Kredite in Höhe von 600 Millionen Euro in Aussicht gestellt – jedoch an eine Bedingung geknüpft: Tan Sri Lim Kok Thay muss seinerseits etwa 60 Millionen Euro beisteuern.

Doch offenbar hat der malaysische Casino-Unternehmer das Geld nicht – und pokert nun auf Zeit. Sein mögliches Kalkül: Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und die Bundesregierung lassen nicht zu, dass bei einer Insolvenz in der ohnehin industrieschwachen Region um Warnemünde und Wismar 2000 Jobs wegfallen, knicken ein und zahlen ohne Bedingungen. Nach Informationen von Business Insider offenbar ein gefährliches Spiel: Denn in der Bundesregierung ist man bislang wenig willig, Hunderte deutsche Steuermillionen ohne Selbstbeteiligung zu zahlen.

Denn selbst wenn das Luxus-Schiff ins Eigentum des deutschen Staates fiele, dürfte ein Weiterverkauf in Corona-Zeiten nicht gerade einfach sein. So dürfte es nun auf einen Showdown Anfang kommender Woche zwischen Habeck, Lindner, Schwesig und Tan Sri Lim Kok Thay hinauslaufen, sobald das Landgericht eine Entscheidung getroffen hat.

Mit Material der dpa

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.