Mutige Schritte bei der Förderung künstlicher Intelligenz sind gefragt


Es ist noch keine fünf Wochen her, da konnte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) davon überzeugen, wie weit China bereits bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz ist. In der südchinesischen Hightech-Metropole Shenzen besuchte sie ein Unternehmen, das mittels der neuen Technologie enorme Mengen an Gesundheitsdaten auswertet. Merkel nahm ihre Reise auch zum Anlass für eine Mahnung an deutsche Unternehmen, auf diesem Gebiet besser zu werden. Doch die fühlen sich ihrerseits nicht genügend unterstützt von der Bundesregierung.
In einem Positionspapier, das dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, senden rund 50 Mitgliedsunternehmen des neu gegründeten Verbands für künstliche Intelligenz (KI-Bundesverband) einen deutlichen Appell nach Berlin. In einem Neun-Punkte-Plan fordern sie mutige Schritte bei der Förderung der Technologie.

„Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, kann Deutschland auf der nächsten Stufe der Digitalisierung immer noch eine entscheidende Rolle spielen“, sagt Jörg Bienert, Vorstand des Bundesverbands KI und Gründer der KI-Beratungsagentur Aiso-lab, dem Handelsblatt. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird unsere Wirtschaft in zehn Jahren möglicherweise nicht mehr wettbewerbsfähig sein.“ Deutschlands große Chance seien KI-Lösungen für die Industrie.


Die Ausgangslage ist jedoch schwierig. In einer der wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts droht Deutschland den Anschluss zu verlieren. In der KI-Forschung kommen die weltweiten Top-Einrichtungen vor allem aus China und den USA. Peking will bis 2025 mehr als 50 Milliarden Euro in die KI-Forschung investieren.

„Deutschland verliert den Anschluss in der KI-Spitzenforschung“, warnt das Bündnis in seinem Papier. Die Unternehmen fordern mehr Geld für Forschungsinstitute, Bildung sowie bessere Bedingungen und Finanzierungsmöglichkeiten für KI-Unternehmen.
Es ist bereits die zweite Initiative innerhalb weniger Tage, die mehr Engagement bei der Förderung künstlicher Intelligenz in Europa fordert.

Erst vergangenen Montag hatten 600 führende KI-Experten zur Gründung eines gemeinsamen Forschungsverbundes aufgerufen. Auch der KI-Verband spricht sich für einen weltweiten „Research Hub“ mit mindestens 1000 Forschern und „international wettbewerbsfähiger“ finanzieller Ausstattung aus.

KI-Zentrum im Gespräch

Die Bundesregierung hat durchaus erkannt, dass sie im Bereich KI mehr tun muss. Derzeit laufen Verhandlungen über die Einrichtung eines KI-Zentrums. Zudem hatten CDU, CSU und SPD vereinbart, eine KI-Enquete-Kommission einzurichten. Bereits diese Woche könnte das Beratergremium, das aus Abgeordneten sowie Branchenexperten bestehen soll, eingesetzt werden.

Auch der KI-Verband fordert einen Platz in der Kommission. Bereits Ende Mai hatten sich Merkel und einige Minister mit KI-Experten im Kanzleramt getroffen, zahlreiche Unternehmensvertreter waren dabei. Am Mittwoch tagt auch zum ersten Mal das Digitalkabinett, die Koordinierungsrunde der Bundesregierung. „Im Herbst wollen wir die Strategie künstliche Intelligenz verabschieden“, kündigte Merkel an.


Ein weiteres Problem für den Standort Deutschland ist aber auch, dass viele Unternehmen beim Einsatz von KI zurückhaltend sind. Laut einer Studie von TNS Kantar und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) setzen gerade mal fünf Prozent der deutschen Industrie- und Dienstleistungsfirmen die Technologie ein.
Laut Bundesverband KI nutzen nur 18 Prozent aller deutschen Unternehmen mindestens eine KI-Anwendung im Kerngeschäft. In China und den USA dagegen seien es knapp 40 Prozent. Doch gerade Industrieunternehmen seien wichtige Investoren für die neuen Technologien, erklärt Bienert. Der KI-Verband fordert daher Initiativen für die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und Industrie mit einem Volumen von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr.
Der deutsche KI-Pionier Chris Boos sieht derzeit große Chancen für Veränderung. „Ich spüre gerade einen regelrechten Ruck, der durch unser Land geht“, sagt Boos, der mit seiner Firma Arago unter anderem Plattformen für künstliche Intelligenz entwickelt. Vor allem mehr deutsche Mittelständler wagten sich laut Boos aktuell in das Feld. Ähnlich wichtig wie die Zusammenarbeit von Industrie und Start-ups sei allerdings die Verbesserung der Ausbildung in Deutschland, warnt Boos. Und die müsse bereits in der Schule anfangen.


Das neue KI-Bündnis fordert indes nicht nur Geld, sondern angesichts der Technik-Skepsis zudem mehr Aufklärung der Bevölkerung über die neuen technologischen Möglichkeiten. Auch die Industrie müsse transparenter werden, sagt Bienert, und die Menschen „besser über die Verwendung ihrer Daten aufklären“. Denn klar ist auch: Wenn die Menschen der Technik kritisch gegenüberstehen und ihre Chancen nicht sehen, hat künstliche Intelligenz in Deutschland keine Chance.