Mut statt Wahnsinn


Schuster, bleib bei deinen Leisten. Ist mir gerade so eingefallen. Dabei ist das eigentlich gar nicht meine Haltung. Ich finde: Wenn nicht ab und an mal einer mit vollem Karacho aus den eingefahrenen Spuren ausbrechen würde, wenn sich nicht hin und wieder mal einer aber so was von grandios überschätzen würde – dann wäre die Welt ein bisschen langweiliger und ein paar echt gute Ideen wären nie wahr geworden. Insofern also: Mut zum Wahnsinn? Ja, bitte!

Das ist die eine Seite der Medaille. Dann gibt es da aber auch noch die andere. Auf dieser Seite steht: Realitätsabgleich. Wir sind hier nicht in der Langweiler-Ecke bei den Bedenkenträgern, die was dagegen haben, dass einer mal einfach was probiert, spektakulär scheitert und dann etwas Neues probiert. Nein, ich appelliere einzig und allein dafür, dass jeder, der etwas echt Außergewöhnliches starten will, vorher eben schnell in sich geht (meinetwegen mit Yoga) und genau prüft: Entspricht das, was ich da vorhabe, denn auch meinen ganz persönlichen Fähigkeiten und Neigungen?

Das würde auch mir persönlich das Leben erleichtern. Ich lasse es ja immer mal ganz gern – mehr oder weniger dezent – in meine Verlautbarungen einfließen: Ich bin Gründerin und Inhaberin eines Unternehmens, dass Spitzenmanager auf Auftritte vorbereitet. Das ist, können Sie sich vorstellen, ein anspruchsvolles Geschäft. Abstriche in der Qualität gibt es da nicht.


Ich halte es gern mit dm-Chef Götz Werner, der sich vor langer Zeit mit folgender Aussage zitieren lies: „Ich habe jeden Job bei dm schon gemacht. Aber wirklich groß ist mein Unternehmen geworden, weil ich für jede Position jemanden gefunden habe, der es noch besser kann als ich.“ Heißt: Ich kann schon einiges reißen, aber wenn ich gute Leute habe, potenziert sich das Ganze und nur so werden Erfolgsgeschichten geschrieben.

Nun bewirbt sich gelegentlich mal jemand proaktiv um einen Job als Executive Coach. Das befremdet mich, weil es doch auf der Hand liegen sollte, dass man sich um eine solche Rolle nicht bewirbt wie um eine Planstelle auf dem Amt für Schifffahrt und Wasserstraßen. Wer dann also echt die Chuzpe zeigt, sich bei mir zu bewerben, von dem denke ich dann: Der muss es draufhaben. Sonst würde der doch erst mal eine Stufe weiter unten anfangen.

Allzu oft sieht die Sache dann auch auf dem Papier soweit richtig gut aus. Ich lasse mich also verleiten, die betreffende Person einzuladen. Und dann habe ich es, das ist jetzt ein Erfahrungswert, in den meisten Fällen mit einer höchst spleenigen Persönlichkeit zu tun. Finde ich – siehe oben – eigentlich gut, unterhalte mich und komme nicht drauf: Irgendwas stimmt hier nicht. Was ist das nur. Ich hab es gerade rausgefunden. Eine Bewerberin ist, nachdem sie sich erfolglos als Executive (!) Coach beworben hat, inzwischen Vorleserin geworden. Vorleserin. Ja, wollte die denn den Dax-Chefs etwas vorlesen?

Ich bin ein bisschen froh. Denn die Bewerberin hat sich im Austausch mit Trainer-Kollegen zickig, bockig und überheblich benommen. So habe ich erst einmal von einer Zusammenarbeit abgesehen – und weiß nun: Sie ist ja auch nie Executive Coach gewesen. Sondern eben Vorleserin.

Sabina Wachtel berät Manager. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive mit den Labels ManagerOutfit.de und MEMBER OF THE 55. Außerdem ist sie Autorin.