Münster: Verschwörung im Eiltempo

Die Münsteraner werden noch lange brauchen, um das Geschehene zu verarbeiten. Falschmeldungen über die Tragödie verbreiteten sich dagegen in Windeseile (Bild: Reuters)

Die Mechanismen den Internets greifen schnell und zynisch. Die Amokfahrt in Münster, bei der es (einschließlich des Täters) drei Tote und 20 Verletzte gab, zeigt, wie rapide sich Unwahrheiten im Netz verbreiten.

Die tödliche Autoattacke in Münster war nach allen bisherigen Erkenntnissen die Tat eines einzelnen deutschen Staatsbürgers ohne Migrationshintergrund. Alles, was Polizei und Medien bisher über den Täter herausgefunden haben, legt nahe, dass der Mann psychisch erkrankt war und die Tat keinen nachweislich politischen Hintergrund hatte. Zunächst verbreiteten die meisten Medien – journalistisch einwandfrei – nur eine Eilmeldung mit den verfügbaren und belastbaren Tatsachen. Was daraufhin geschah, ist symptomatisch für die voreiligen Schlüsse und Verschwörungstheorien, die inzwischen jede vergleichbare Tat im Netz begleiten. Und die sich danach kaum noch einfangen lassen, auch wenn die Faktenlage recherchiert und belegt ist.

Ähnlich passierte das zum Beispiel bei dem Amoklauf eines Jugendlichen im Münchener Olympia-Einkaufszentrum vor zwei Jahren. Auch da schwappte die Aufregungswelle informationslos so hoch, dass sich noch lange wirre Theorien zum Täter und seinen Motiven hielten. Die vielen Gerüchte, die momentan um den Vorfall in Münster im Netz kursieren, sind ein Paradebeispiel für die Verbreitung von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien.

Tiefsitzendes Misstrauen gegen die Medien

Natürlich ist es auch immer ein Misstrauensbeweis gegenüber den etablierten Medien, wenn sich Verschwörungstheorien auf Augenhöhe mit den tatsächlichen Fakten halten können. Man sollte sich aber immer genau angucken, woher die „alternativen Fakten“ stammen und wie sie verbreitet werden. Manche User misstrauen den öffentlichen Informationen soweit, dass sie „erst die Leiche sehen wollen“ bevor sie den bisherigen Kenntnisstand akzeptieren. Dieses Misstrauen führt dazu, dass dann selbst präsentierten Beweisen nicht geglaubt wird. Im Gegenteil, sie können sogar als Gegenbeweis betrachtet werden.

Wenn also nach so kurzer Zeit ein „biodeutscher“ Täter öffentlich gemacht wird, so die Logik, könne dies nur heißen, dass die wahren Täter verheimlicht würden und der Staat oder wahlweise die „Systemmedien“ etwas zu vertuschen haben. In einem Fall wie dem in Münster ist es keine Überraschung, dass der Täter so schnell benannt werden konnte, Jens R. kam bei seinem Anschlag selbst ums Leben und war so schnell für die Behörden zu identifizieren.

Befeuert werden solche Theorien auch aus vorschnellen Reaktion der Politik, der AfD-Abgeordnete Gunnar Lindemann twitterte: „Wann wird die Bevölkerung informiert ??? Oder muss erst noch etwas “zurechtgebogen” werden?“ Der Tweet kam um 17:16, also kurz nach der Tat und heizte so die Verschwörungstheorien zusätzlich an. Dabei wird in der Regel mittlerweile die Nationalität der Täter sofort veröffentlicht, sobald diese bekannt ist. Im Falle des Weihnachtsmarkt-Attentäters von Berlin wurde seine tunesische Staatsbürgerschaft beispielsweise schon früh in den Medien bekannt gegeben. Vollständige Namen oder Fotos werden von deutschen Behörden dagegen nur veröffentlicht, wenn nach einem Verdächtigen öffentlich gefahndet wird.

Aus Vorurteilen werden gefühlte Wahrheiten

Obwohl die Polizei Münster auf Twitter eindrücklich darum bat, keine Spekulationen und Theorien in den sozialen Medien zu verbreiten, entstanden innerhalb kürzester Zeit diverse Falschmeldungen, die sich online verselbstständigten. So hieß es in sozialen Medien zum Beispiel, der Täter sei zwar Deutscher, sei aber zum Islam konvertiert. Beweise oder auch nur Hinweise dafür gab es nicht. Es reichte die Twitter-Spekulation, der Täter sei „bestimmt Muslim“ gewesen, befeuert durch zahlreiche gefälschte Fotos, die im Netz verbreitet wurden.

In einem besonders perfiden Fall wurde dabei ein Bildschirmfoto aus der aktuellen Berichterstattung von „oe24.tv“ aus dem Kontext gerissen, das lediglich einen Telefon-Interviewpartner zeigte, der als Ortskundiger zu den Gegebenheiten in Münster befragt wurde. Dazu machte der Urheber der Falschmeldung seinen Screenshot genau in einem Moment, in dem diese Information gerade nicht eingeblendet war.

Unzuverlässige Zeugen und andere Schnellschüsse

Kurz nach dem Amoklauf gab es das Gerücht, dass der Täter noch zwei weitere Mitfahrer hatte, denen die Flucht gelungen sei. Dies beruhte auf einer frühen Zeugenaussage, die sich am Ende als nicht haltbar erwies. Dahinter steckt vermutlich keine bewusste Falschaussage, man muss aber, ob als Polizist oder als Medienvertreter, immer berücksichtigen, dass die Augenzeugen ebenfalls großem Stress ausgesetzt sind. Wer gerade eine solch furchtbare Situation miterlebt hat und sich dann kurz danach an genaue Details erinnern soll, ist nicht immer besonders zuverlässig.

Dennoch reicht das aus, damit in minutenlangen Youtube-Videos die „Ungereimtheiten“ des Falles erklärt werden, in denen schnell von „Mindcontrol“ und Gehirnwäsche die Rede ist. Immerhin 60.000 Views hat das Video, in dem 9/11 als eindeutiger Beleg für staatliche Manipulation genannt wird. Es zeigt, wie kurz der Weg vom Gerücht zur vollständig ausgebauten Verschwörungstheorie ist und wie leicht die Grenzen zwischen Fakten, Vermutung und reiner Spekulation in den sozialen Medien verschwimmen.

Ein rumänischer Sender berichtete kurzzeitig, dass es sich bei dem Täter um einen Kurden handele. Ausgangspunkt dürften frühe Spekulationen gewesen sein, weil am Samstagnachmittag in Münster eine kurdische Demonstration geplant war. Tausende demonstrierten friedlich in der Stadt. Der Täter hatte aber keinerlei Verbindungen zu kurdischen oder türkischen Organisationen. Es erklärt aber, warum so viele Polizisten in der Nähe und schnell am Tatort waren. Das Gerücht aus dem rumänischen Fernsehen hält sich dennoch und taucht in verschiedenen Videos und Tweets wieder auf.

Keine Hinweise auf politisches Motiv

Ebenfalls nicht belegbar ist bisher das Gerücht, dass Jens R. Einen rechtsextremen Hintergrund gehabt haben könnte. Einige Medien hatten dies für kurze Zeit nach der Durchsuchung zweier Wohnungen in Ostdeutschland, die dem Täter gehörten, vermeldet. Dort wurde unter anderem eine Art Lebensbeichte des 48-Jährigen sicher gestellt. Die 18 Seiten weisen aber nach den bisher bestätigten Informationen eher auf eine psychische Erkrankung des Täters hin, von Politik ist dort nicht die Rede.

Im Fall Münster sind auch nach Tagen noch viele Dinge ungeklärt. Sie betreffen den Tathergang, die Motivation und den persönlichen Hintergrund des Täters und können vielleicht nie abschließend beantwortet werden. Wie gefährlich aber die Spekulation und das Verbreiten von Verschwörungstheorien im Internet sind, hat sich am Wochenende wieder gezeigt.