MotoGP Spielberg: Wie Lorenzo das "Monster" Marquez bezwungen hat

Mario Fritzsche
MotoGP Spielberg: Wie Lorenzo das "Monster" Marquez bezwungen hat

Nach dem packenden Dreikampf zwischen Andrea Dovizioso, Jorge Lorenzo und Marc Marquez eine Woche zuvor beim Grand Prix von Tschechien in Brünn war es am Sonntag beim Grand Prix von Österreich in Spielberg ein packender Zweikampf, der die Zuschauer am Red-Bull-Ring und vor den TV-Geräten in Atem hielt. Die Protagonisten: Jorge Lorenzo und Marc Marquez.

Nachdem Marquez die erste Rennhälfte bestimmt hatte, holte Lorenzo mit Ducati-Teamkollege Andrea Dovizioso im Schlepptau in der zweiten Rennhälfte auf. In Kurve 1 ging Lorenzo in Führung, doch Marquez konterte nur wenige Meter später in der nach MotoGP-Zählweise als Kurve 3 bekannten, engen Remus-Kurve. Diese Stelle war Marquez' stärkste und Lorenzos schwächste auf dem 4,3 Kilometer langen Alpen-Kurs in der Steiermark.

Fotos: MotoGP in Spielberg

Drei Runden vor Schluss machte Lorenzo in eben jener Kurve 3 einen Fehler und Marquez ging wieder in Führung. Doch wie schon zuvor, holte sich der Ducati-Pilot noch vor Ende der Runde die Spitze von Marquez zurück - mit einem brutalen Manöver in Kurve 9, das man sonst eigentlich nur von Marquez selbst kennt. Der Honda-Pilot wiederum presste sich in der vorletzten Runde in Kurve 3 wieder innen an Lorenzo vorbei.

Eingangs der letzten Runde schlug der Ducati-Pilot seinerseits zurück und war wieder vorn. In Kurve 3 der letzten Runde probierte es Marquez erneut, kam diesmal aber nicht vorbei. Stattdessen wäre er bei dieser Aktion fast gestürzt, blieb aber sitzen. Lorenzo hatte außen mehr Schwung und behielt die Spitze auch im weiteren Verlauf der letzten Runde. Zu einer geplanten Schlussattacke von Marquez in der letzten Kurve kam es nicht mehr, weil er in der vorletzten Kurve leicht die Linie verpasste.

Unterschiedliche Strategie und Reifenwahl

Während sich Marquez an seiner Honda RC213V für die Reifenkombination Medium (vorn) und Hard (hinten) entschieden hatte, hatte Lorenzo auf seiner Ducati Desmosedici GP18 sowohl am Vorder- als auch am Hinterrad die weiche Mischung (Soft) montiert. Mit dieser musste es der dreimalige MotoGP-Weltmeister in der Anfangsphase etwas ruhiger angehen lassen, um die Reifen nicht zu überhitzen.

Im Gegensatz dazu fuhr der viermalige MotoGP-Weltmeister Marquez mit seinem harten Hinterreifen anfangs einen Vorsprung heraus, der jedoch von Lorenzo trotz weicher Reifen eingedampft wurde. Wie haben die beiden das packende Duell rückblickend erlebt?

"Ich holte auf ihn und verkürzte den Rückstand von 1,2 Sekunden auf Null", so Lorenzo und weiter: "Das Problem, wenn man Marc überholt ist aber immer, dass er dranbleibt und bis zum Schluss kämpft. Er probiert alles. Mir war klar, dass ich bis zum Ende gegen ihn würde kämpfen müssen. Genau so war es. Es war ein Kampf zweier ambitionierter Fahrer bis zur letzten Kurve."

"Ich muss es versuchen, denn ich bin Marc"

Marquez, der im vergangen Jahr nach Schlussattacke gegen Dovizioso in der letzten Kurve trotzdem knapp unterlag und sich diesmal dem anderen Ducati-Piloten beugen musste, schildert das Duell gegen Lorenzo aus seiner Sicht: "Natürlich habe ich es probiert. In Brünn probierte ich es nicht, weil ich mich dort nicht wohl fühlte und mehr zu verlieren als zu gewinnen hatte. Heute aber war ich mit anderer Strategie unterwegs. Ich versuchte anfangs zu attackieren, um dann am Ende nur noch gegen eine Ducati kämpfen zu müssen. Das ging auf. Anhand des Rhythmus hatte ich gedacht, dass es 'Dovi' sein würde, aber diesmal war es Jorge."

"Ich sagte mir aber sofort, 'Ich muss es versuchen, denn ich bin Marc. Ich muss es versuchen'", so der WM-Spitzenreiter mit einem Lachen. Gegen die Power von Lorenzos Ducati kämpfte Marquez mit seiner Honda aber an einigen Stellen des Red-Bull-Rings auf verlorenem Posten. "Auf jeder kurzen Gerade war er in der Lage, mich zu überholen oder neben mich zu fahren. Es war wirklich schwer, mich zu verteidigen. Trotzdem versuchte ich, eingangs der letzten Runde zu führen. Doch auf der Start/Ziel-Gerade überholte er mich."

"Dann probierte ich es in Kurve 3", so Marquez weiter. "Dort rutschten mir beide Räder weg. Ich war zu schnell und wäre beinahe gestürzt. Ich blieb aber auf dem Bike. Ich weiß nicht warum, aber ich habe es geschafft. Er überholte mich in der Beschleunigungsphase, weil er auf der Außenbahn mehr Schwung hatte. Wenn er mich dort nicht überholt hätte, hätte er mich aber zwischen den Kurven 8 und 9 gepackt. Ich habe es versucht und ich habe es sehr genossen. Ich bin zufrieden, denn der Vorsprung in der Weltmeisterschaft ist größer geworden."

Lorenzos Erleuchtung im dritten Sektor

Sieger Lorenzo, der hinter Valentino Rossi (Yamaha) nun neuer WM-Dritter ist und erstmals seit er für Ducati fährt, nach Punkten vor Teamkollege Dovizioso liegt, macht neben seiner "richtigen Reifenwahl" noch einen anderen Faktor dafür verantwortlich, dass er den anfangs enteilten Marquez wieder einholen und schließlich bezwingen konnte: "Der Schlüssel war die große Verbesserung, die mir im dritten Sektor gelungen ist. Gestern verlor ich dort fast zwei Zehntelsekunden auf Marc und 'Dovi'. Doch am Nachmittag schaute ich mir dann ein paar Videos an und verstand, wie ich meinen Körper auf dem Bike platzieren muss, um an dieser Stelle schneller zu sein. Das hat wirklich gut funktioniert."

Und Dovizioso? Der Italiener, der sich im vergangenen Jahr in der letzten Kurve im Duell gegen Marquez den Sieg geholt hatte, nachdem er eingangs der Kurve von Marquez überholt worden war, kämpfte diesmal mit der falschen Reifenwahl und war beim Duell Lorenzo vs. Marquez nur Zuschauer. Seine Sicht schildert "Dovi" wie folgt: "Ich habe schon ein hartes Manöver erwartet, weil Marc dieses Rennen wirklich unbedingt gewinnen wollte. Aber Jorge war in manchen Teilen der Strecke schneller. Ich rechnete daher mit einem Kampf bis zur letzten Kurve. In Kurve 4 verlor Marc in der letzten Runde zu viel Boden. Er wollte an ihm dran bleiben, aber Jorge war im Mittelteil schnell, speziell Ausgang Kurve 8. Marc bereitete sich auf die letzte Kurve vor, hat aber in der vorletzten zu spät gebremst und ist dadurch weit hinaus gekommen. Daher konnte er keinen finalen Versuch mehr reiten."

Für Lorenzo ist sein dritter Saisonsieg 2018 nach Mugello und Barcelona unterm Strich einer der besten seiner Karriere, wie er sagt. Auf Stufe 1 will der Spanier den Österreich-Sieg aber nicht gleich stellen: "Glücklicherweise habe ich schon viele schöne Siege gefeiert, nicht nur in der MotoGP-Klasse, sondern auch in anderen Kategorien. Wenn man Marc besiegt, ist das aber natürlich immer etwas Besonderes. Genauso wie es etwas Besonderes ist, wenn man mit Ducati gewinnt. Dieser Sieg ist somit einer der besonderen neben dem ersten (mit Ducati; Anm. d. Red.) in Mugello. Ich musste gegen ein Monster wie Marc, einen Kämpfer wie Marc, bis zum Schluss kämpfen. Ich musste hart bremsen und aus meinen Stärken Kapital schlagen. Es war immer schwierig."