Motiva schließt größte Ölraffinerie der USA


In den Überflutungsgebieten von Texas fürchten nach dem Tropensturm „Harvey“ hunderttausende Menschen um ihre Existenz. Aber auch die Ölindustrie leidet unter dem Unwetter. Motiva Enterprises wird den Betrieb der größten Raffinerie der USA im texanischen Port Arthur einstellen. Das Management habe sich am Mittwoch zur Schließung entschieden, berichtete der Fernsehsender CNN.

Bereits am Dienstag hatte das zu Saudi Aramco gehörende Unternehmen eine Produktionsverringerung um 40 Prozent bekannt gegeben. Beim Zufluss von Rohöl und dem Abtransport von Ölprodukten wie Benzin durch Pipelines und Häfen komme es zu Behinderungen, teilte Motiva mit.

Damit reiht sich das Unternehmen in eine lange Liste von Raffinerieschließungen ein, der auch Anlagen von Exxon Mobil, Valero oder Shell angehören. Mittlerweile sei eine Raffineriekapazität zwischen drei und vier Millionen Barrel pro Tag stillgelegt, schätzt Artem Abramov vom Energieanalyseunternehmen Rystad Energy. Damit ruht bis zu ein Viertel der Raffinerien in den USA. Allein die Motiva-Raffinerie in Port Arthur besitzt eine Kapazität von 636.500 Barrel Öl pro Tag.


Sorgen bereiten den Unternehmen zudem mögliche Umweltschäden: Von Exxon, Shell und anderen Unternehmen betriebene Raffinerien hätten Berichten zufolge Schadstoffe freigesetzt, nachdem sintflutartige Regenfälle Speichertanks und andere Einrichtungen an der texanischen Küste beschädigten. Bislang gebe es aber noch keine Berichte von Schäden an Öltanks oder gar Öllecks, teilt S&P Global Platts mit.

Unterdessen bleiben zahlreiche Häfen geschlossen, unter anderem in Corpus Christi oder jene rund um Houston. Im Golf von Mexiko entfällt aufgrund des Sturms derzeit die Produktion von 320.000 Barrel Öl. Auch an Land ruht die Produktion einiger Schieferölunternehmen in der Eagle Ford Region.

Obwohl die bedeutendste Schieferöl-Region Permian im Westen von Texas von Harvey verschont blieb, bekommen die Förderer auch dort die Folgen zu spüren: „Da eine große Zahl an Raffinerien an der Golfküste geschlossen wurde, müssen wohl auch einige Ölförderer im Permian-Becken ihre Produktion stilllegen“, sagt Abramov. So suchten etwa viele nach Abnehmern oder Lagermöglichkeiten, wie etwa in Cushing im Bundesstaat Oklahoma im Landesinneren. „Die Pipeline-Kapazität dorthin ist bereits vollständig ausgelastet“, erklärt Abramov.

Noch sei es zu früh, um die Summe der Schäden durch Harvey abzuschätzen, die der Ölindustrie entstanden sind. Die Konsequenzen bekommen die Produzenten aber schon jetzt zu spüren: Aufgrund des Mangels an abnehmenden Raffinerien besteht ein Überangebot auf dem amerikanischen Markt. Der Preis für ein Barrel des nordamerikanischen Leichtöls WTI ist am Mittwoch zeitweise unter 46 Dollar gefallen. Die Preisdifferenz zur zweiten großen Leitmarke am Ölmarkt, dem Nordseeöl Brent, betrug damit fast sechs Dollar. So groß war der Unterschied seit zwei Jahren nicht mehr.


Und auch bei den Verbrauchern kommen die Folgen der geringeren Rohölverarbeitung an. „Wegen der geringeren Rohölverarbeitung steigt in den USA die Knappheit von Benzin und sorgt auf beiden Seiten des Atlantiks für kräftig steigende Benzinpreise. Da die USA Benzin aus Europa importieren könnten, ziehen auch die Benzinpreise in Europa an“, erklären die Rohstoffanalysten der Commerzbank. In den USA verteuerte sich eine Gallone Benzin innerhalb der vergangenen Woche um 20 Prozent auf derzeit 1,90 Dollar.

KONTEXT

Fragen und Antworten zur Entwicklung des Ölpreises

Warum fallen die Preise, obwohl die Opec weniger fördert?

Im Vorfeld der Entscheidung der Opec und ihrer Partnerländer wie Russland waren die Anleger schon auf die Verlängerung der seit Januar geltenden Förderbremse bis März 2018 vorbereitet worden. Einige hatten aber auf eine deutlichere Verlängerung und stärkere Kürzungen spekuliert.

Was bezweckt die Opec mit der niedrigeren Förderung?

Das Kartell und seine Partner, darunter Russland, wollen das Überangebot auf dem Weltmarkt schmälern und damit die Preise stützen. Erklärtes Ziel ist es, die Ölvorräte von einem aktuellen Rekordhoch von drei Milliarden Fässern auf 2,7 Milliarden Fässer zu senken - dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Das für die Finanzmärkte richtungsweisende Nordseeöl Brent kostet derzeit gut 50 Dollar - im Sommer 2014 war der Preis mit 115 Dollar noch mehr als doppelt so hoch.

Wie wird sich der Preis jetzt entwickeln?

Das hängt davon ab, wie viel Öl tatsächlich vom Weltmarkt verschwindet. Und genau das ist der Haken. Die US-Ölindustrie dürfte in die Bresche springen und die Lücke schließen, die durch den Opec-Beschluss von Donnerstag entsteht.

Gibt es besondere Preis-Marken?

Ja. Umkämpft ist fast jede runde Marke - auch aus psychologischen Gründen. Doch in der Vergangenheit waren stets zwei Preis-Marken wichtig: die 30-Dollar-Marke und die 50-Dollar-Marke. Die erstere wurde Anfang 2016 erstmals seit 2003 wieder unterschritten, was letztlich die Opec auf den Plan rief. Nachdem das Kartell im November erstmals wieder eine Förderkürzung beschloss, kletterte der Preis wieder über 50 Dollar und hat sich seither mehr oder weniger darüber behauptet.

Welche Rolle spielen die US-Ölkonzerne

Die USA machen bei der Förderkürzung nicht mit - dürften sie aus rechtlichen Gründe vermutlich auch gar nicht. In den USA ist die Ölindustrie zudem nicht staatlich organisiert wie in vielen anderen Förderländern. Von Texas bis in die Dakotas feiert das Fracking seit Mitte 2016 ein Comeback. Die US-Ölindustrie pumpt derzeit wieder so viel Öl an die Oberfläche, wie vor einigen Jahren, als die Ölschwemme erstmals die Preise ins Rutschen brachte.

Ist Fracking nicht ein sehr kostspieliges Verfahren?

Ja und nein. Denn während des Preisverfalls der vergangenen beiden Jahre hat die Branche nicht geschlafen. In Texas und anderen US-Regionen sind die Förderkosten inzwischen teilweise so niedrig wie in Nahost. Der technische Fortschritt macht Fracking wieder profitabel. Machten US-Firmen vor einigen Jahren erst ab einem Ölpreis von 60 Dollar Profit, reichen ihnen inzwischen schon 30 Dollar.

Was macht die Opec denn jetzt?

Bis März 2018 kürzt die Opec die Produktion um 1,8 Millionen Barrel täglich. Am 30. November kommen die Mitglieder erneut in Wien zusammen, um die Lage zu beraten. Außerdem wollen sie enger mit den Nicht-Opec-Partnern - sprich Russland - zusammenarbeiten. Saudi-Arabien will zudem seine Exporte in die USA verringern. Doch das ist nicht ohne Risko: Die Opec-Länder und Russland drohen Marktanteile an die US-Ölkonzerne zu verlieren.

Wer sind die größten Ölförderer der Welt?

Die Opec steht für rund ein Drittel des weltweiten Rohöl-Angebots. Neben dem Kartell-Mitglied Saudi-Arabien sind Russland und die USA mit großem Abstand und einer Förderung von je etwa neun bis zehn Millionen Fässern Öl am Tag die größten Ölproduzenten der Welt.

Welche Folgen hätte ein neuerlicher Ölpreisverfall für die Weltwirtschaft?

Wenn der wichtigste Schmierstoff für die Produktion nicht viel kostet, ist das generell gut für die Konjunktur und den Geldbeutel des Verbrauchers, der beim Benzin spart. Aber es gibt auch Kehrseiten - beispielsweise für die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn sie kämpft seit Jahren gegen eine zu geringe Inflation, was auf Dauer für die Konjunktur schädlich ist. Erwarten Verbraucher und Firmen fallende Preise, halten sie sich mit Käufen und Investitionen zurück. Der niedrige Ölpreis dämpft zudem in einigen Förderländern die wirtschaftliche Dynamik. Vielerorts werden Investitionen zurückgestellt.