Morphosys Finanzvorstand Jens Holstein im Interview: "Noch einmal deutlich mehr Potenzial"

Marion Schlegel

Herr Holstein, im vergangenen Jahr hat Guselkumab/Tremfya die Zulassung erhalten. Derzeit laufen weitere Studien. Wie sehen sie das weitere Potenzial?

Jens Holstein: Unser Partner Janssen führt derzeit eine Reihe von weiteren Phase-3-Studien in den Indikationen Schuppenflechte und psoriatische Arthritis durch, weitere sind bei Morbus Crohn geplant. Das ist natürlich vielversprechend und erhöht auch das Potenzial für uns. Natürlich werden wir hier nicht von heute auf morgen Ergebnisse sehen, aber es verdeutlicht die umfangreichen Möglichkeiten des Wirkstoffs. Langfristig erhoffen wir uns davon, dass wir mit den Tantiemen von Tremfya die Einnahmen aus unserer Novartis-Partnerschaft noch deutlich übertreffen werden. Das Potenzial ist in jedem Fall sehr groß.

 

Wie sehen Sie das Potenzial von MOR208 im Vergleich zu Tremfya?

Da sehen wir noch einmal deutlich mehr Potenzial. Der Anteil, den wir hier für uns selber vereinnahmen können ist deutlich größer als bei Tremfya, bei dem wir ja nur Royalty-Zahlungen im mittleren einstelligen Bereich erhalten. Bei Tremfya handelt es sich um ein Partner-Programm. Bei diesen Programmen haben wir relativ wenig Einfluss auf die weitere Entwicklung, aber dafür auch keine eigenen Kosten. Das hängt allein von den Fähigkeiten und Strategien unserer Partner ab, wie sie den jeweiligen Wirkstoff entwickeln wollen, in welchen Indikationen oder wie breit.

Bei MOR208 haben wir das selber in der Hand, da der Wirkstoff aus unserer firmeneigenen Pipeline stammt. Natürlich ist deswegen der Wertanteil, den wir erhalten, dann auch um ein vielfaches höher und nicht im einstelligen Prozentbereich wie in der Regel bei den Partnerprogrammen. Natürlich müssen wir auch Investitionen tätigen. Der Vorteil des Blutkrebsmedikaments MOR208 ist aber, dass es gegen Indikationen eingesetzt werden soll, wo die Patienten in wenigen hochspezialisierten Kliniken behandelt werden. Deshalb ist hier unserer Einschätzung nach keine große Vertriebsorganisation nötig – im Gegensatz zu beispielsweise Schuppenflechte oder Rheuma.

 

Sie wollen MOR208 in den USA selber vermarkten. Aber man hörte, dass vielleicht doch ein Partner mit an Bord geholt werden soll. Laufen schon Gespräche oder ist das Zukunftsmusik?

Wir haben immer gesagt, dass wir nicht zu früh in eine Partnerschaft eintreten wollen. Das war auch eine gute Entscheidung. Denn je später wir eine Kooperation schließen, desto höher wird auch der Anteil sein, den wir für uns behalten können. Und wir sind ja solide finanziert, dass wir das auch stemmen können. Für uns sind weniger die Kosten ein Thema als wie schnell es möglich ist, Umsätze zu generieren. Und hier müssen wir sehen, ob es sinnvoll ist, zusätzlich einen Partner für die Kommerzialisierung zu haben. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Morphosys könnte gewisse Länder alleine bearbeiten, andere gibt man zu 100 Prozent ab oder man teilt komplett. Da muss man sehen.

Für uns ist es in jedem Fall strategisch wichtig, dass wir mit MOR208 einen Wirkstoff haben, für den wir eine Sales-Organisation aufbauen können. Und darauf aufbauend lässt sich möglicherweise der ein oder andere weitere Wirkstoff mit der gleichen Sales-Organisation zukünftig auch vermarkten. Und das ist unserer Strategie: Wir wollen nicht nur auf einem Bein stehen mit einem Wirkstoff, sondern langfristig weitere Wirkstoffe ergänzen können, wenn wir eine solche Sales-Organisation haben.

 

Bereits in unserem letzten Gespräch haben Sie gesagt, dass Morphosys sich verstärkt auf eigene Projekte konzentrieren möchte. Dies scheinen Sie ja jetzt zu forcieren – auch im Hinblick auf die anderen Projekte?

Unser Fokus liegt ganz klar auf den eigenen Programmen. Bei den Wirkstoffen, in die man selber investiert, sind die späteren Einnahmen deutlich höher. .Das haben wir ja bereits bei MOR103, bei MOR202 und jetzt auch bei MOR208 gesehen. Man hat natürlich immer auch das Risiko, dass ein Projekt scheitert, aber die Gewinnchancen sind im Erfolgsfall ungleich höher. Bei MOR202 haben wir bereits mehr als 140 Millionen Euro an Cash generieren können. Bei MOR103 haben wir über die finanziellen Rahmenbedingungen gestaffelte zweistellige Tantiemen sowie Meilensteinzahlungen in einer Größenordnung von mehr als 400 Millionen Euro vereinbart, wenn das Produkt die Zulassung erhält. Das ist ganz klar unsere Strategie und sie macht sich auch bezahlt. Schließlich haben wir mit MOR106, das wir zusammen mit Galapagos gegen atopische Dermatitis entwickeln, ein weiteres spannendes Programm, das wir in Kürze in die Phase 2 bringen wollen.

 

Sie verfügen traditionell über einen hohen Cash-Position. Wie hat sich dieser zuletzt entwickelt, was ist damit geplant?

Wir sind in der Vergangenheit immer gut gefahren, dass wir solide finanziert sind. Der Cash-Bestand hat sich von 360 Millionen Ende 2016 auf 312 Millionen Euro Ende 2017 etwas verringert. Der Cash-Betrag ist natürlich nicht nur dazu da, uns ein gutes Gewissen zu geben, sondern vor allem, dass wir ihn entsprechend in unsere aussichtsreichen Forschungsprojekte investieren, ohne aber in finanzielle Engpässe zu geraten.

Herr Holstein, vielen Dank für das Gespräch.