Mordkommission Königswinkel: Krimi aus der Klischeekiste

Die Kommissare Julia Bachleitner (Lavinia Wilson, r.) und Thomas Stark (Vladimir Burlakov, l.) bei ihren Ermittlungen

Kaum zu glauben: Es ist Sommer in Deutschland und das ZDF präsentiert ausnahmsweise zur Primetime nicht die Wiederholung eines Krimis oder einer Rosamunde-Pilcher-Schmonzette. Für das Zweite ein geradezu revolutionärer Akt. Normalerweise kramen die Öffentlich-Rechtlichen in der Sommerpause ihre Stangenware aus den Vorjahren aus dem Archiv. Andererseits: Es wäre wohl auch vermessen, für die läppischen 4,3 Milliarden Euro, die das ZDF jährlich an Rundfunkbeitrag kassiert, ständig ein neues Programm zu erwarten.

Immerhin startete das ZDF am Montagabend die Krimiserie „Mordkommission Königswinkel”. Die Geschichte der ersten Folge ist schnell erzählt: In der Postkartenidylle Füssen im Oberallgäu stirbt ein Lokaljournalist, der über die Mafiaverstrickungen der örtlichen Schickeria recherchiert hat. Hauptkommissarin Julia Bachleitner (Lavinia Wilson) übernimmt die Ermittlungen, unterstützt von Thomas Stark (Vladimir Burlakov). Stark wurde frisch aus der Haft entlassen und ist direkt in seine alte Abteilung zurückkehrt. 

Erstaunlich. Denn Polizist Stark saß wegen Mordes an einem früheren Kollegen, der ebenfalls die Mafia im Visier hatte. Obwohl Starks Unschuld auch nach seiner Entlassung nicht zweifelsfrei feststeht und einer der Hauptverdächtigen sein bester Freund ist, darf er munter mit ermitteln. Soweit, so unlogisch.  

Noch ärgerlicher, als die hanebüchene Story, sind die vorhersehbare Dramaturgie, die abgegriffenen Dialoge und langweilige Bildsprache. Warum wärmen Regisseur und Produzent die immer gleichen Klischees auf? Schon das Ausgangs-Setting ist alles andere als innovativ: Eine pittoreske Landschaft als Kulisse für Verbrechen. Tausendmal gesehen. Wie in gefühlt 99 Prozent aller deutscher Krimis werden die Polizisten gleich zu Beginn zu einem Tatort gerufen. Im Königswinkel dauert es 40 Sekunden, bis eine Leiche ästhetisch ansprechend flussabwärts durchs Bild trudelt. Dazu gibt es Wälder, Berge, Höfe und Kühe. Die übliche Bayern-Folklore.

Der kräftige Bauer heißt natürlich Breitkreuz, der knallharte Kommissar heißt Stark. Wenn Stark seinen Anwalt trifft, der ihn aus dem Knast geholt hat, knödelt im Hintergrund ein Schlagerbarde: „Du allein kannst mich verstehen.” Wenn Stark nach der Haft erstmals seine Tochter trifft, untermalen gefühlige Streicherklänge die Szene.

Ähnlich vorhersehbar sind die Dialoge. Die Leiche „weist Abschürfungen auf”, der „Todeszeitpunkt ist schwer bestimmbar” und „der Durchsuchungsbeschluss ist in Arbeit.” Kommissarin Bachleitner fragt: „Hat sich Ihr Mann in letzter Zeit anders benommen?” (Natürlich nicht.) und Kollege Stark barmt, nachdem ihn seine Frau verlassen hat: „Ich brauche eine Flasche Grappa und einen Freund, der sie mit mir trinkt.” (Natürlich Grappa. Geht ja um die Mafia.).

Wahrscheinlich muss man sich das so vorstellen: Tief unter dem Mainzer Lerchenberg, in den Katakomben des Zweiten, ruht eine riesige Truhe voller Textbausteine - das geheime Phrasenarchiv des ZDF. Auserwählte Drehbuchautoren dürfen über steile Treppen abwärts steigen, einige Dutzend Floskeln entnehmen und daraus unter Anleitung einen Film formen. Motto: Die Zuschauer bloß nicht überfordern. Mit „Mordkommission Königswinkel” ist das einmal mehr gelungen.

Autor: Frank Brunner

Foto: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg