Von wegen mieser September

Der September gilt als der schwierigste aller Handelsmonate. Doch für 2017 irrt die Börsenweisheit. Mit dem Aufschlag von heute kommt der Dax auf ein Plus von sechs Prozent. Bis zum Rekordhoch fehlen keine 150 Punkte.


Der Dax ist auch am Freitag weiter vorgerückt. Mit einem Plus von genau einem Prozent ging er bei 12.828 Punkten ins verdiente Wochenende. In den vergangenen zehn Handelstagen schloss der Leitindex nur einmal im leichten Minus. Die Schritte, die die Anleger machen, sind keine großen. Nicht selten schien es in den vergangenen Wochen so, als ob sich im Handel nichts rührte. Doch die vorsichtige Pirsch trägt Früchte. Plötzlich steht der Dax so weit oben wie seit drei Monaten nicht mehr. Und der Begriff des Allzeithochs macht im Flüsterton die Runde übers Parkett.

Im Juni hatte der Frankfurter Platzhirsch den Höchststand von 12.951 Punkten erklommen, es war ein überschwänglicher und einfacher Frühsommer an den Börsen. Nun fehlen knapp 150 Punkte. Und das ausgerechnet im September, der in der Finanzwelt so verschrien ist. Den schlechten Ruf hat der Herbstmonat nicht umsonst. Die Statistik offenbart: Egal ob Wall Street oder Europa, im September gab es über die Jahrzehnte die häufigsten und stärksten Verluste.


2017 ist das anders. Der Dax hat in den vergangenen Wochen knapp sechs Prozent zugelegt, sein europäischer Pendant, der Euro-Stoxx-50, viereinhalb. „Die Skeptiker müssen auf den fahrenden Zug aufspringen, um nicht abgehängt zu werden“, wagte sich Jochen Stanzl von CMC Markets hervor. Das könne den Dax schnell auf die nächste runde Marke von 13 000 Punkten befördern - womit ein neues Rekordhoch erreicht wäre. Getreu der alten Börsenweisheit: Die Hausse nährt die Hausse. Erfreuliche Töne für das neue Quartal, das mit dem Oktober am Sonntag beginnt.

Auch andere Experten äußern sich zuversichtlich: „Jetzt besteht eine gute Chance, dass der Index den Rückstand zu den US-Börsen aufholen kann“, meint etwa Analyst Milan Cutkovic vom Handelshaus AxiTrader. Ende letzten Jahres hatte die Rally ihren Ursprung in der Trump-Wahl und in der Geldpolitik der wichtigsten Notenbanken EZB (Euro-Raum) und Federal Reserve (USA).

Einige Monate kletterten die beiden Seiten des Atlantiks lange Zeit gemeinsam in neue Höhen. Doch während der Dow Jones in New York eine Tausendermarke nach der anderen erklomm, geriert der europäische Aktienmarkt ins Stottern.


Was entscheidend sein wird: Die Entscheidungen der Notenbanken in den nächsten Wochen. Wie das ablaufen wird, darauf gaben die Verbraucherpreise des Euro-Raums vor dem Wochenende einen kleinen Vorgeschmack. Die Teuerungsrate im September ist mit 1,5 Prozent etwas geringer ausgefallen als von Experten erwartet, sie sahen die Entwicklung der Preise im Vergleich zu September des letzten Jahres um 1,6 Prozent gestiegen. Für die Bundesrepublik ergab sich eine Inflation von 1,8 Prozent, in einigen Ländern ist sie tiefer, in anderen höher. Die baltischen Staaten etwa führen mit Preissteigerungen von mehr als drei Prozent die Liste an.

Die konkreten Zahlen sind deswegen so wichtig, weil die Europäische Zentralbank ihr Handeln maßgeblich von der Inflation abhängig macht. Mit ihrer Geldpolitik strebt sie einen Zielwert von knapp unter zwei Prozent an, wie viele andere Notenbanken auch. Ginge es ausschließlich nach diesem Kriterium, müsste die EZB ihre ohnehin schon weit aufgerissenen Geldschleusen weiter öffnen. Je lockerer die Politik der Notenbank, umso höher die Teuerungsrate. Doch die Inflation zieht nur langsam an. Und in der Öffentlichkeit wird schon lange über eine Abkehr vom zügellosen Kurs diskutiert.


Volkswagen sorgt mit Gewinnwarnung für Wirbel


EZB-Präsident Mario Draghi vertröstete bisher auf die Herbsttermine des EZB-Rats. Zur Oktobersitzung könnte der oberste Währungshüter einen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik skizzieren. Manch einer in der Finanzwelt spekuliert auf den Beschluss für ein erstes schrittweises Zurückfahren der monatlichen Milliardenkäufe von Staats- und Unternehmensanleihen.

Unter den deutschen Bluechips war Volkswagen das Gesprächsthema Nummer eins. Mit einer Gewinnwarnung erwischten die ihre Anleger am Freitag auf dem falschen Fuß. Die Aktien rutschten zeitweise um vier Prozent auf ein Zweieinhalb-Wochen-Tief von 132,85 Euro ab und waren mit Abstand größter Verlierer im Dax. Am Ende kamen die Papiere mit einem Abschlag von 0,3 Prozent glimpflich davon. Der Autokonzern stockte seine Vorsorge für den Vergleich mit geschädigten Autobesitzern in den USA auf und rechnet im dritten Quartal deshalb voraussichtlich mit einer Belastung von rund 2,5 Milliarden Euro.

„Da sieht man, dass die Diesel-Affäre noch lange nicht ausgestanden ist“, sagte ein Händler. Ein anderer Börsianer betonte, mit der Gewinnwarnung habe niemand gerechnet. „Da stellt sich die Frage, inwiefern das ein Fass ohne Boden ist.“

Insgesamt kostet der Skandal um die Manipulation von Dieselabgaswerten in den USA Volkswagen bereits mehr als 20 Milliarden Euro.


Für einiges an Aufmerksamkeit sorgte auch die Deutsche Bank. Die Experten der Ratingagentur Fitch stuften die Bonitätsnote für die Bank auf „BBB+“ von „A-“ zurück, weil sie einen anhaltenden Druck auf die Geschäftsergebnisse sehen. Am Donnerstag waren Deutsche-Bank-Titel mit einem Kursplus von 2,7 Prozent noch größter Gewinner im Dax. Heute gehörten sie lange Zeit mit moderaten Abschlägen von einem halben Prozent schon zu den schlechtesten Papiere. Am Ende wendeten die Papiere aber und gingen 1,8 Prozent fester aus dem Handel.

Steil bergauf ging es für die Aktien von Covestro, sie starteten 4,1 Prozent höher und waren größter Gewinner im Nebenwerteindex MDax. Der Pharma- und Chemieriese Bayer trennte sich von weiteren Covestro-Anteilen und hält nun noch 24,6 Prozent an dem Kunststoffhersteller. Für Covestro verbessern sich damit die Perspektiven auf einen Aufstieg in den Dax.

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KONTEXT

Welche politische Risiken Anlegern 2017 noch drohen

Mueller-Ermittlungen

Die andauernden Untersuchungen des US-Sonderermittlers Robert Mueller stellen eine latente Bedrohung für die Aktienmärkte dar. Seit dem 17. Mai geht der frühere FBI-Direktor möglichen Verbindungen von US-Präsident Donald Trump zu russischen Regierungskreisen nach. Über den momentanen Stand der Ermittlungen lässt sich nur mutmaßen - Mueller gibt keine öffentlichen Stellungnahmen ab.

Quelle: Die japanische Bank Nomura hat die politischen Risiken für die Märkte in den kommenden Monaten erfasst.

politischen Risiken für die Märkte

Bundestagswahl

Auch wenn ein Kanzlerwechsel hierzulande derzeit unwahrscheinlich erscheint: Die Bundestagswahl am 24. September wird an den Börsen genau beobachtet werden. Denn eine Veränderung der bestehenden Regierungskoalition sowie das Erstarken populistischer Kräfte könnte auf Anlegerseite ebenso zu Unsicherheiten führen.

EZB-Sitzungen

Tagt der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), spitzen alle Börsianer ihre Ohren. Was EZB-Chef Mario Draghi bei der obligatorischen Pressekonferenz verkündet, hat mitunter gravierende Auswirkungen auf den Kursverlauf. Derzeit steigt der Druck auf die Notenbanker ihre ultralockere Geldpolitik - ob der guten Wirtschaftslage - zu beenden. Konkrete Ankündigungen werden im Herbst erwartet, nachdem Draghi Anleger auf der Sitzung Anfang September erneut vertröstet hatte.

BoE Inflation Report

Im Zuge der Brexit-Verhandlungen kommt den Berichten der Bank of England (BoE) besondere Bedeutung zu. Der nächste vierteljährliche Inflationsreport der britischen Zentralbank erscheint am 2. November. Laut dem Finanzinstitut würden die Auswirkungen des Brexit für britische Bürger schon jetzt durch steigende Lebensmittelpreise spürbar. Zuletzt hatte die Bank die Aussicht auf Wirtschafts- und Einkommenswachstum zurückgeschraubt und die Inflationsprognose auf 2,7 Prozent erhöht.

OPEC-Sitzung

Am 30. November findet die nächste Tagung der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) statt - ein Schicksalstag für alle Anleger. Zuletzt hatte die OPEC eine gemeinsame Produktionskürzung beschlossen, um den Ölpreis zu stabilisieren und eine Übersättigung zu verhindern. Die Vereinbarung - mit einer Laufzeit bis Ende März 2018 - wurde jedoch nicht von allen Ländern eingehalten.

Fed-Spitze

Die erste Amtszeit der derzeitigen Fed-Chefin Janet Yellen endet im Februar 2018. Ob US-Präsident Donald Trump ihr eine zweite zugesteht, ist ungewiss. Lange Zeit galt Trump als harscher Kritiker von Yellens Niedrigzinspolitik. Neben Yellen wird der Ex-Vizechef von Goldman Sachs, Gary Cohn, als aussichtsreicher Kandidat für den Fed-Chefposten gehandelt.