Warum die Regionalwahl in Indien so wichtig für Modi ist


Auf einem staubigen Feld am Rand der indischen IT-Metropole Bangalore wartet Anil Jagadeesh auf den Mann, den er für einen Heilsbringer hält. Es ist später Nachmittag, eine drückende Hitze liegt über der Stadt. Das Rotorgeräusch eines Hubschraubers kündigt an, dass es gleich losgeht. Aus der Armeemaschine klettert Regierungschef Narendra Modi. Jagadeesh steht mitten in der Menschenmenge, die dem Politiker zujubelt wie einem Bollywood-Star. „Modi, Modi, Modi“, skandieren Tausende. Sie tragen safranfarbene Schals und Hüte – die Parteifarbe von Modis Partei BJP. Es sind keine Anhänger, die den Premier empfangen. Es sind seine Fans.

Modi macht sich bei ihnen alles andere als rar: Im Bundesstaat Karnataka, der mit seinen 64 Millionen Einwohnern ungefähr so groß ist wie Frankreich, hielt er Anfang Mai innerhalb von anderthalb Wochen 17 Großkundgebungen ab. Karnatakas Bürger wählen an diesem Samstag nämlich ein neues Regionalparlament – und der populäre Modi soll der BJP zum Sieg verhelfen. Er will der oppositionellen Kongresspartei den letzten großen Bundesstaat entreißen, den sie noch kontrolliert. Umfragen sagen bei dem wichtigsten Stimmungstest ein Jahr vor der landesweiten Parlamentswahl ein äußerst knappes Ergebnis voraus.


Wenn es nach Anil Jagadeesh geht, liegen die Meinungsforscher aber weit daneben. Der 37-Jährige vertraut lieber seinem Bauchgefühl: „Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass die BJP gewinnen wird“, sagt der Immobilienunternehmer, der bei der letzten Wahl noch für die Kongresspartei gestimmt hat. „Da wusste ich noch nicht, wie gut Modi ist. Er ist der beste Manager für unser Land.“ In Indien kommt es immer wieder vor, dass Parteien für die Teilnahme an Kundgebungen bezahlen. Doch bei Modi seien die Sympathiebekundungen echt, beteuert Jagadeesh: „Wir alle sind freiwillig hier.“

Frei von geschickter politischer Inszenierung ist aber auch Modis Auftritt nicht: Auf der Straße zum Veranstaltungsgelände hängen lebensgroße Pappfiguren mit Modis Antlitz an jedem Laternenpfahl. Modi-Masken werden im Publikum verteilt – das perfekte Accessoire für die Facebook- und Instagram-Selfies seiner Unterstützer. Auf der Bühne verzichtet der Premier dann aber auf Effekte und vertraut auf seine Wortgewalt: „Die Kongresspartei hat aus der Computer-Metropole Bangalore die Hauptstadt der Kriminalität gemacht“, ruft er in die Menge.

Mit den markigen Sprüchen bereitet sich Modi auf die harte Auseinandersetzung mit der Opposition vor, die ihn im kommenden Jahr im Wahlkampf um eine zweite Amtszeit erwartet. Herausgefordert wird er dann von Rahul Gandhi, dem Chef der Kongresspartei, dessen Familie Indiens Politik über Jahrzehnte prägte. Auch Gandhi nutzte den Wahlkampf in Karnataka, um sich warmzulaufen. Er gab sich als betont volksnah – bei Essen in Dorfrestaurants und bei Fahrradtouren durch Bangalores Vorstädte. Er warf Modi vor, mit umstrittenen Reformen Indiens Wirtschaft nachhaltig geschadet zu haben. Gandhi bezog sich dabei auf die holprige Einführung einer landesweiten Mehrwertsteuer und die Entscheidung der Regierung vor anderthalb Jahren, rund 90 Prozent des Bargeldvolumens über Nacht für ungültig zu erklären. Das Wachstum des indischen Bruttoinlandsprodukts brach darauf ein.


Doch Modis Wähler scheinen ihm das kaum übel zu nehmen. In Karnataka, dessen Politik jahrzehntelang von der Kongresspartei dominiert war, kann Modis BJP auf deutliche Zugewinne hoffen. Sie liegt Umfragen zufolge fast gleichauf mit Gandhis Kongress. Erwartet wird, dass dieses Mal keine der beiden großen Parteien auf eine Mehrheit der Sitze kommt. Die Regionalpartei JD (S) könnte damit bei der Regierungspartei zum entscheidenden Faktor werden – und sie tendiert offenbar zu Modis BJP.

Bekanntgegeben wird das Wahlergebnis am Dienstag. Sollte es Modi tatsächlich gelingen, der Opposition eines ihrer letzten Machtzentren zu nehmen, erhoffen sich seine Fans davon einen kräftigen Schub für die Wiederwahlkampagne des Premiers. Die Erwartungen an ihn sind hoch: „Modi wird Indien so erfolgreich machen wie Amerika“, schwärmt Srikanth, einer der Zuhörer beim Bangalore-Auftritt des Regierungschefs. Auch von der Geschwindigkeit des Wandels hat er eine klare Vorstellung: „Modi schafft das in fünf Jahren.“