Modernisierer, Polemiker, Querdenker: Ehemaliger CDU-Generalsekretär Geißler tot

Geißler 1986 in Bonn

Er war ein Bewahrer und Modernisierer, ein Polemiker und Versöhner: Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist tot. Er starb im Alter von 87 Jahren, wie die CDU am Dienstag mitteilte. Politiker aller Parteien würdigten ihn als außergewöhnliche Persönlichkeit. Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte: "Er wird mir auch ganz persönlich sehr fehlen."

Geißler war von 1977 bis 1989 Generalsekretär der CDU - und damit der am längsten amtierende Generalsekretär der Partei. "Er war maßgeblich und mit großem Erfolg daran beteiligt, aus der Honoratiorenpartei CDU eine echte Mitglieder- und Programmpartei zu machen", sagte Merkel. In seiner Amtszeit wurde das erste Grundsatzprogramm der Partei beschlossen.

Geißler polarisierte - sein Leben lang. In Schubladen ließ er sich kaum einsortieren. Der Sohn eines zur Zentrumspartei gehörenden Oberregierungsrats legte sich von seinem Eintritt in den Bundestag im Jahr 1965 bis zu seinem Ausscheiden dort 2002 mit politischen Gegnern wie Parteifreunden an. Für die CDU verfolgte Geißler teils gegen erhebliche Widerstände einen Kurs der Mitte. Gegen die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre wetterte er. Als Bundesfamilienminister sorgte er mit für die Einführung von Erziehungsgeld und Elternzeit.

Sein Verhältnis zum früheren Bundeskanzler Helmut Kohl war voller Spannungen. Der damalige CDU-Chef Kohl machte den Jesuitenschüler 1977 zu seinem Generalsekretär. Geißler organisierte danach unter anderem erfolgreich mehrere Wahlkämpfe. 1989 kam es zum offenen Bruch. Zu Kohls Beerdigung im Juli dieses Jahres in Speyer kam Geißler dennoch - im typischen Rollkragenpullover unter dem Sakko.

Auch nach seiner Zeit in der aktiven Politik blieb der passionierte Gleitschirmflieger eine wahrnehmbare Stimme. Seit 2007 war er Mitglied des globalisierungskritischen Netzwerks Attac - und gern gesehener Gast in Talkshows. Mehrfach wurde er als Schlichter in Tarifkonflikten eingesetzt. Eine seine letzten großen Aufgaben war die Moderation im erbitterten Streit um das Bahnprojekt "Stuttgart 21".

Geißlers Tod wurde parteiübergreifend mit Trauer und Respekt aufgenommen. SPD-Außenminister Sigmar Gabriel nannte ihn eine "prägende politische Gestalt der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik". Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte die "Leidenschaft" und "Hingabe", mit der Geißler sich für das Gemeinwesen eingesetzt habe. Steinmeier verschwieg auch Geißlers "polemische Begabung" nicht, würdigte aber zugleich seinen Einsatz für den Ausgleich beim Streit um Stuttgart 21.

In sehr persönlichen Worten würdigte Merkel die Verdienste Geißlers sowie dessen "Mut, Unerschrockenheit und Humor". Er habe "immer den Menschen zugewandt" gehandelt. "Er war mir Ratgeber und Stütze bis zuletzt", sagte Merkel, die nach ihren eigenen Worten zuletzt vor einer Woche mit Geißler telefoniert hatte.

CDU-Vizechefin Ursula von der Leyen hob insbesondere Geißlers Einsatz für die Interessen von Frauen und Familien hervor. Die Grünen nannten Geißler einen "echten Freigeist" und "klugen Demokraten". Er sei den Grünen "mit den Jahren immer näher" gekommen, erklärten die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir. Linkspartei-Chefin Katja Kipping schrieb im Kurzbotschaftendienst Twitter: "Ein Mahner, ein Streitschlichter, ein Humanist, ein Konservativer - einer, den wir alle gerade in diesen Zeiten vermissen werden".