MLB: MJs Abenteuer Baseball: Der fast erfüllte Kindheitstraum

Nach drei Titeln in Serie mit den Chicago Bulls schockte Michael Jordan 1993 die Basketballwelt und erklärte seinen Rücktritt. Er wechselte zum Baseball und ging damit einem Kindheitstraum nach. Im Sport selbst blieb der Superstar eine Randnotiz, Baseball aber hinterließ bei MJ wohl bleibenden Eindruck.

Seite 1: Einschneidendes Jahr 1993 führt zu Kindheitstraum

Dieser Artikel erschien erstmals am 16. April 2020 im Rahmen der SPOX-Themenwoche über Michael Jordan.

1993 war ein turbulentes und einschneidendes Jahr in der Karriere und im Leben von Basketball-Megastar Michael Jordan. Im Juni noch hatte er die Chicago Bulls zur dritten Meisterschaft in Serie in der NBA geführt, da kam die Schreckensbotschaft: Sein Vater, James Jordan, wurde tot aufgefunden. Mit Schusswunden im Rücken, leblos an einem Fluss. Das war im August des Jahres. Im Oktober folgte dann für die Öffentlichkeit der vielleicht noch größere Schock: Michael Jordan gab seinen Rücktritt vom Basketball bekannt.

Auf seiner Pressekonferenz wenige Tage vor Saisonstart erklärte er, er habe "das Verlangen zu spielen" verloren. Mehr noch: "Ich kann nicht mehr die Energie aufbringen, zu spielen." Seinerzeit gab er noch nicht bekannt, wie es für ihn weitergehen werde, er erklärte jedoch: "Wenn Sie über neun Jahre eine Achterbahn gefahren sind, wollen Sie dann nicht mal etwas anderes versuchen? Genauso fühle ich mich gerade - ich will mal etwas anderes versuchen."

Bevor MJ an die Öffentlichkeit ging, erfuhren von dieser Nachricht zunächst nur die höchsten Kreise der Bulls - Teameigentümer Jerry Reinsforf und dann freilich Head Coach Phil Jackson, der prompt den Auftrag erhielt, seinem Topspieler dieses Vorhaben wieder auszureden. "Ich war kaum dazu in der Lage, Michael irgendwas einzureden - er macht im Prinzp alles aus freien Stücken und nach seinem eigenen Willen", erinnerte sich Jackson Jahre später in der ESPN-Dokumentation "Jordan Rides The Bus" an die damals erfolglose Unterredung mit Jordan.

Jordan erklärte zudem, dass er "verschlungen war vom Erfolg der vergangenen Jahre und dann ist mein Vater gestorben". Der Vater, mit dem Jordan ein sehr enges Verhältnis hatte und der ihm immer wieder eingeredet hat, dass er ein geborener Baseballspieler wäre. Es war immer der Traum von James Jones, dass sein Sohn eines Tages professionell Baseball spielen würde.

Baseball für Michael Jordan ein Kindheitstraum

Und so schlug Jordan wohl auch zu Ehren seines Vaters eben jenen Weg ein. Es war jedoch mehr als das. Wie Kenny Lofton, ein Outfielder der Cleveland Indians, der 17 Jahre in der MLB aktiv war, gegenüber The Undefeated erklärte: "Michael sagte zu mir: 'Baseball war meine erste Liebe.' Er war zu der Zeit dieser großartige Basketballer und vielleicht hatte er das Gefühl, alles erreicht zu haben, was er erreichen musste. Und dann sagte er sich: 'Lass mich meinen Kindheitstraum erfüllen.'"

Baseball sollte sein nächster Karriereschritt werden und mit Reinsdorf kannte er bereits den Mann, der dies auf kurzem Dienstweg möglich machen konnte - neben den Bulls ist Reinsdorf auch der Besitzer der Chicago White Sox, dem MLB-Team aus dem Süden der Windy City.

Jordan war nicht komplett grün in Sachen Baseball, spielte er doch auf der Laney High School in North Carolina neben Basketball auch Baseball - als Pitcher war er sogar richtig gut, entschied sich nach zwei Spielen zu Beginn seiner Senior-Saison aber dann doch für das orangefarbene Leder.

Im Baseball, anders als in anderen Sportarten, ist es Gang und Gäbe - und auch bitter nötig -, dass Neulinge erstmal das weitläufige Farmsystem eines MLB-Klubs durchlaufen, ehe sie es nach Jahren - wenn überhaupt - in die Big Leagues schaffen. Das galt auch für Basketball-Weltstar Jordan, der im Baseball klein anfangen musste.

Im Februar 1994 unterschrieb er einen Minor-League-Vertrag und erhielt darüber hinaus eine Einladung in das Spring-Training-Camp, die Saisonvorbereitung der MLB, in Florida. Anschließend ging es für ihn, obwohl die Vorbereitung alles andere als rund lief, ins Double-A-Team Birmingham Barons nach Alabama - in die zweithöchste Minor-League-Stufe, gewissermaßen also die dritte Liga des Baseballs.

MJ: Baseball-Abenteuer stößt nicht nur auf Gegenliebe

Schon früh wurde Jordan klar, dass er mit seinem neuen Engagement nicht nur auf Gegenliebe stoßen würde. Die große Frage, die über allem schwebte, war: Ist dies vielleicht doch nur ein PR-Gag, um Zuschauerzahlen zu pushen und die Aufmerksamkeit für ein sonst eher beschauliches Farmteam zu erhöhen? Selbst Walt Hriniak, der damalige Hitting Coach der White Sox, sah es als nötig an, am ersten Tag des Camps auf Jordan zuzugehen und ihn zu fragen: "Ist es dir überhaupt ernst, hier zu sein?" MJs Antwort: "Todernst!"

Die Presse wiederum war gespalten in dieser Personalie. Die lokalen Medien in Birmingham waren freilich höchst erfreut über die Ankunft des großartigen Sportlers aus Chicago. Einige Sportjournalisten wurden sogar speziell für Jordan nach Alabama beordert. Andere Medien dagegen zeigten ihre Skepsis ganz offen. Besonders Sports Illustrated tat sich als Gegner der Aktion auf. Der Journalist Steve Wulf, mittlerweile bei ESPN tätig, verriet gegenüber seinem neuen Arbeitgeber, dass sein damals markiger Artikel in SI durch eine bewusst provokante Titelzeile noch sehr viel schärfer wirkte als er es selbst intendiert hatte.

Er schrieb: "Die meisten Big Leaguer brauchen 15 Jahre, um zu lernen, wie man einen Baseball schlägt und er kommt einfach an und meint, er könnte das einfach so." Die Titelzeile auf dem Cover des Magazins war: "Pack deine Sachen, Michael!" und der Titel der Story wurde schließlich "Err Jordan". Ein Wortspiel auf "Air Jordan" mit der Botschaft, er irre bei seinem Vorhaben, Baseball zu spielen.

Eines jedoch war gewiss: Aufmerksamkeit erzeugen würde Jordans schiere Anwesenheit in jedem Fall! Die Barons stellten in der Saison 1994 einen Zuschauerrekord für Heim- und Auswärtspartien mit knapp 900.000 Fans im ganzen Jahr auf - bis heute ungebrochen. Zum Vergleich: Die Miami Marlins hatten bei ihren 81 Heimspielen im Jahr 2019 nur rund 811.000 Zuschauer zu verzeichnen!

Seite 2: Bleibende Eindrücke und das abrupte Ende des Abenteuers

Unterm Strich spielte Jordan respektabel für einen 31-Jährigen, der 13 Jahre lang keinen Schläger in der Hand hatte und plötzlich gegen hochveranlagte Talente, die teils zehn Jahre jünger waren, antrat. Seine Zahlen waren objektiv betrachtet nicht der Rede wert, doch zeigte er im Laufe des Jahres eine klare Verbesserung und sah zumindest mal in Ansätzen wie ein professioneller Baseballspieler aus.

Was aber nach all den Jahren wohl viel eher in Erinnerung bleiben wird als seine Produktion auf dem Platz, war sein Wirken daneben. Seine damaligen Weggefährten erinnern sich immer noch gern an die kuriose Zeit zurück.

Der damalige Manager, Terry "Tito" Francona, seines Zeichens nun seit 20 Jahren Manager in der MLB und zweimaliger World-Series-Gewinner mit den Boston Red Sox, erzählte ESPN, wie er Jordan erklären musste, dass das Team nicht von Stadt zu Stadt fliege, sondern mit dem Bus fahre: "Birmingham nach Orlando? Zwölf Stunden."

Sicher ein Kulturschock für Jordan, der Charter- und Privatjets gewohnt war. "Ich hab kein Problem damit, mit dem Bus zu fahren - solange es ein Luxusbus ist", sagte Jordan seinerzeit trocken. Er ließ seinen Worten Taten folgen und organisierte einen Luxusbus der "gut genug für die Partridge Family (amerikanische TV-Serie der 70er Jahre über eine Familienband, Anm. d. Red.) gewesen wäre", wie Francona es umschrieb: "Michael signierte den Bus und so war der Jordancruiser geboren".

Michael Jordan: Baseball-Statistiken bei Birmingham Barons

Jahr Spiele Runs Hits Homeruns RBI Stolen Bases Schlagdurchschnitt
1994 127 46 88 3 51 30 .202

Abgesehen vom Bus gab sich Jordan als angenehmer Teamkollege und verbrachte trotz seines außergewöhnlichen Status viel Zeit mit den Teamkollegen und Coaches. Es wurde Ping Pong oder Karten gespielt, zudem gab es des Öfteren Pickup-Basketball-Spiele im Apartment-Komplex der Spieler in Hoover, südlich von Birmingham - Jordan mit den drei Coachs gegen vier eher größer gewachsene Spieler.

Scott Tedder, einer der Spieler, erzählte gegenüber ESPN: "Ich habe damals vielleicht vier Dreier versenkt. Aber man merkte, dass Michael sich zurückgehalten hat. Als wir dann 15:11 geführt hatten und nur noch einen Korb zum Sieg brauchten, sagte Michael zu mir ganz nüchtern: 'Junge, ihr macht keine Punkte mehr.' Und kurz darauf hatten wir verloren, 15:17 und die Coachs feierten ihren Sieg."

Jordan zeigt ansteigende Form im Laufe des Sommers

Auf dem Baseball-Feld steigerte Jordan seine Leistung über den Sommer und schlug sogar drei Homeruns, allesamt magische Momente im Ballpark. Darüber hinaus sorgte er für 51 RBI - er schlug also sich selbst oder seine Teamkollegen nach Hause - und stahl 30 Bases, was damals wie heute eine beeindruckende Zahl war. Und zumindest eine davon offenbarte, wie grün Jordan doch noch war im Baseball. Als die Barons eines Tages 11:0 gegen die Chattanooga Lookouts vorn lagen, stahl Michael nach einem Double die dritte Base. Ein absolutes No-Go für Baseball-Traditionalisten.

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass man bei klarer Führung gewissermaßen nur noch Dienst nach Vorschrift macht, sprich: Normal schlagen an der Platte ist okay, aber Bases stehlen und andere extravagante Dinge tun, eben nicht. Es ist ein wenig mit Football zu vergleichen, wo ein Team bei klarer Führung letztlich das Passspiel einstellt und nur noch läuft, um die Zeit herunterzuspielen.

Francona erinnerte sich im Interview mit Scott Wulf: "Ich habe dann eine entschuldigende Geste zum anderen Manager gemacht, der nur lachte. Nachdem Michael dann zur Bank kam, sagte sich: 'Was macht du da, willst du uns killen?' Und er sagte: 'Nun, wenn du in der NBA mit 20 Punkten führst, versucht du auf 30 zu erhöhen.'"

Später verriet Jordan, dass er genau solche Dinge gerade von seinen Teamkollegen gelernt habe, obwohl eben jene sehr viel jünger waren als er selbst. Andersherum aber betätigte er sich als Mentor in anderen Belangen. Dem dominikanischen Catcher Rogelio Nunez etwa brachte er beim Ping Pong nebenbei Englisch bei - eine Vokabel pro Tag. Als Belohnung gab es für jedes erlernte Wort 100 Dollar - im Ping Pong gewann aber Jordan.

Nach der Saison stand Jordan in der Fall League auf dem Rasen, die Talente-Liga im Herbst in Orten wie Arizona oder Cape Cod an der Ostküste, an der normalerweise nur die hochveranlagten Prospects teilnehmen. Er steigerte seinen Schlagdurchschnitt um sagenhafte 50 Prozentpunkte im Vergleich zur Saison, doch zu einer ausgedehnten Baseball-Karriere kam es nicht.

Spielerstreik verhindert Baseballkarriere von Michael Jordan

"Meiner Meinung nach hätte er mit 1.500 mehr At-Bats einen Weg in die Major League gefunden", konstatierte Francona in der ESPN/Netflix-Doku "The Last Dance". Doch es hatte nicht sollen sein. Äußere Umstände machten ihm und dem Baseball einen Strich durch die Rechnung: Ende der Saison 1994 kam es zum bis heute längsten Spielerstreik in der Geschichte der MLB, sogar die World Series fiel aus.

Der Streik erstreckte sich bis ins Frühjahr 1995. Jordan wurde sogar gebeten, als eine Art Ersatzspieler zu fungieren und für die White Sox in der MLB zu spielen - als Minor-League-Spieler war er kein Mitglied der Spielergewerkschaft und wäre daher spielberechtigt gewesen.

Doch Jordan, der Spielervertreter in der NBPA war, wollte nichts davon wissen, Streikbrecher wollte er nicht in seiner Vita stehen haben. MJ selbst bestätigte dies in seiner Biographie "Driven From Within" (2005): "Ich hatte keinen Gedanken daran, zurückzukehren. Ich denke nicht, dass ich ohne den Streik zurückgekommen wäre."

Michael Jordan und sein berühmtes Fax: "I'm back!"

Und so gab er im März 1995 zunächst seinen Rückzug vom Baseball bekannt und rund eine Woche später erschien in nahezu allen relevanten Medien sein berühmtes Statement mit den Worten: "I'm Back!" Jordan war zurück bei den Bulls, mit denen er von 1996 bis 1998 noch drei weitere Meisterschaften gewinnen sollte.

Doch was bleibt von Jordans Abstecher in die Baseballwelt? Sicherlich die Frage, was hätte sein können. Hätte er es tatsächlich in die MLB geschafft? Als Extra-Outfielder oder gar als Starter? Diese Frage wird für immer unbeantwortet bleiben. Doch Baseball hinterließ bei Jordan sicherlich einen bleibenden Eindruck.

"Baseball war nicht das einzige, was er bei uns gelernt hat. Ich glaube wirklich, dass er sich selbst neuentdeckt hat, seine Freude am Wettbewerb. Wir haben dafür gesorgt, dass er wieder Basketball spielen wollte", konstatierte Francona, der hinzufügte: "Und er machte aus mir einen besseren Manager."

Mehr bei SPOX: Der erste Sportstar der Welt: Babe Ruth