Wie Mittelständler mit Digitalisierung umgehen

Früher galt Deutschlands Mittelstand als Synonym für Innovation, heute blicken alle ins Silicon Valley. Beim Weltmarktführer-Gipfel der WirtschaftsWoche diskutieren Mittelständler die Disruption des eigenen Geschäfts.

Es ist eine schwierige Lage: Innovation – vor allem bei Hardware – hat den deutschen Mittelstand groß gemacht. Sehr groß. 56 Prozent des deutschen BIP kommen aus dem Mittelstand.

Doch redet man heute über Innovationen, fallen nicht mehr Stichworte wie Präzision, Qualität oder deutsche Wertarbeit. Die Keywords sind Disruption, Silicon Valley, Digitalisierung und Globalisierung.

Das ist auch auf dem Weltmarktführer-Gipfel der WirtschaftsWoche in Schwäbisch Hall zu spüren. Noch vor wenigen Jahren hätte Till Reuter als Chef des Augsburger Roboterherstellers Kuka wohl darüber gesprochen, wie er die Produktion für seine Kunden effizienter gestalten kann. Eine inkrementelle Verbesserung des über Jahre etablierten Produkts stand im Mittelpunkt des Handelns in den meisten Chefetagen.


Heute klingt das anders. „Wir suchen immer die Killer-Applikation“, sagt Reuter im Gespräch mit WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel. „Wo steckt eine Funktion, die wir millionenfach einsetzen können?“ Reuter sucht die Disruption des eigenen Geschäfts. Bevor es ein anderer tut.

Hagen Rickmann hat Disruption am eigenen Leib erfahren. Die Deutsche Telekom war in Deutschland unangefochtener Marktführer bei SMS-Kurznachrichten. Ein Angebot, bei dem kleinen Dienst WhatsApp einzusteigen, haben die Bonner damals abgelehnt. „Quasi mit einem Fingerschnipp hat ein Unternehmen mit damals 46 Mitarbeitern uns innerhalb weniger Jahre ein Multi-Millionen-Geschäft weggenommen“, sagt der Geschäftsführer Geschäftskunden bei der Telekom Deutschland GmbH.

„Im Silicon Valley herrscht ein Gedanke vor: Wie kann ich die Strukturen kreativ zerstören und mit Technologie den Kunden ein besseres Erlebnis bieten?“, sagt Rickmann. „Damit setze ich mich an die Spitze der Nahrungskette.“ Und an der Spitze gibt es die höchsten Umsätze und größere Chancen auf Wachstum.


Ähnliches treibt auch Maximilian Viessmann an. Als Co-CEO des Heiztechnik-Spezialisten Viessmann könnte er sich mit einer besonders energieeffizienten Heizung beschäftigen – das Geschäft brummt, zuletzt mit 2,25 Milliarden Euro Umsatz. Doch stattdessen treibt der 28-Jährige zusammen mit seinem Vater Martin die Digitalisierung im Unternehmen voran.

„Wenn sich der Kontext verändert, muss man andere Entscheidungen treffen“, sagt Viessmann auf der Bühne in Schwäbisch Hall. „Durch die Digitalisierung hat sich der Kontext für unser Unternehmen enorm geändert. Deshalb brauchen wir auch neues Knowhow – in der Unternehmensführung, Entwicklung und Produktion.“

Das hat im vergangenen Jahr zu der größten Einzelinvestition in der über 100-jährigen Unternehmensgeschichte geführt: Im April 2017 hat Viessmann im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel an seinem Stammsitz im nordhessischen Allendorf das neue Entwicklungszentrum „Technikum“ eröffnet. In dem für 50 Millionen Euro errichteten Gebäude arbeiten 100 Entwickler an Heiz-, Industrie- und Kühlsystemen der Zukunft. Bei Bedarf können sie teamübergreifend von 60 weiteren Mitarbeitern unterstützt werden. Viessmann selbst feiert das als „Meilenstein für die interdisziplinäre Entwicklung von Innovationen“.


Viessmann Junior sieht seine Rolle beim Innovationsmanagement eher in der Organisation: „Man selbst kann Impulse setzen. Um das umzusetzen, braucht man aber ein sehr starkes Team.“

Kuka-Chef Reuter würde diese Aussage wohl um „starke Partnerschaften“ ergänzen. „Viele Innovationen kommen aus unseren gewachsenen Partnerschaften, direkt von unseren Kunden aus der Autoindustrie“, sagt Reuter. „Davon können auch andere Bereiche profitieren.“ Sprich: Wird etwa für einen Autobauer eine Roboterhand entwickelt, die ohne Schutzkäfig mit einem Produktionsarbeiter zusammenarbeiten kann, dient das womöglich als Basis für einen Assistenzroboter in einem OP-Saal.



Roboter und Automatisierung


Vor zehn Jahren waren 40 Prozent des Robotik-Weltmarkts Geschäfte mit der Autobranche. Heute sind es nur noch 15 Prozent, es sind andere Bereiche gewachsen und entstanden – etwa die Cobots, also kollaborative Roboter, die direkt mit Menschen zusammenarbeiten. „Hier sehen wir enorme Potenziale“, sagt Reuter.

Roboter und Automatisierung sind große Trends, die auch die anwesenden Vertreter mittelständischer Unternehmen beim Weltmarktführer-Gipfel weiter beschäftigen werden – schließlich gilt die Automatisierung als einer der wichtigsten Wege, die Produktionskosten in Europa auf ein vergleichbares Niveau mit Low-Cost-Ländern zu bringen. Doch was ist das nächste große Ding?

„3D-Druck wird die Lieferketten und Logistik verändern“, sagt Telekom-Manager Rickmann. „Das Potenzial von 3D-Druck muss aber erst noch erschlossen werden.“ Er geht davon aus, dass sich der Markt in den kommenden drei Jahren verdoppeln wird – auf fast 30 Milliarden Euro.


Eine weitere große Aufgabe für die Unternehmen: Wie erreiche ich meinen Kunden? „Viele unserer Produkte in Deutschland sind Top“, sagt Rickmann. „Doch die „Empfehlungsmaschine“ von Google oder Amazon entscheidet, welches Produkt nicht das Beste ist, sondern das am besten verfügbare oder ein kleines bisschen billigere. Da müssen wir nach vorne kommen.“

Doch viele der Mittelständler verkaufen nicht über Amazon an Endkunden, sondern innerhalb der Industrie. Aber auch dort wird sich die Grundlage für das Geschäft der Zukunft verändern. „Wir müssen unser Knowhow schnell genug in die digitale Welt bringen“, sagt Kuka-Chef Reuter. „Wenn andere damit schneller sind – auch auf Basis unseres Knowhows – entgleitet uns die Basis für künftige Geschäftsmodelle.“

Angesichts des schnellen und unaufhaltsamen Wandels bei Produkten und Geschäftsmodellen dürfen die Unternehmen nicht nur auf Berater, Investoren und Bilanzen hören, sondern müssen auch die Mitarbeiter vom Wandel überzeugen. Und auch dort kann man disruptiv denken. „Es gibt in so alten Unternehmen wie unserem festgefahrene Strukturen – eine breite Kommunikation gehört bei Familienunternehmen meist nicht dazu“, sagt Maximilian Viessmann.


Die Mitarbeiterkommunikation hat Viessmann vor drei Jahren in eine eigene App ausgelagert. Statt über eine halbjährlich erscheinende Mitarbeiterzeitschrift und Aushänge werden die Meldungen auf den Smartphones der Mitarbeiter ausgespielt – in sieben Sprachen, um alle der 12.000 Angestellten weltweit zu erreichen. Die App ist keine Einbahnstraße: In einem Forum können sich die Mitarbeiter zu Wort melden. „Wir haben erkannt, dass wir das ändern müssen, um unsere Mitarbeiter in der Breite mitzunehmen“, sagt Viessmann. „Die App hilft uns dabei, standortübergreifend zu kommunizieren, Fragen und Sorgen zu klären und so Transparenz zu schaffen.“

Egal ob eine smarte Heizung, ein Assistenz-Roboter in jedem Haushalt oder eine schnelle Internetanbindung für Unternehmen: „Am Ende des Tages zählt die Umsetzung und nicht das intellektuelle Konstrukt“, sagt Viessmann. „Wir müssen die Kompetenzen, die wir dafür brauchen, ins Unternehmen holen. Das erfordert natürlich hohe Investitionen.“