Mitarbeiter versammeln sich: Gorillas geht den ersten Schritt zum Betriebsrat

·Lesedauer: 3 Min.
10,50 Euro verdienen Gorillas-Fahrerinnen und Fahrer in Deutschland pro Stunde
10,50 Euro verdienen Gorillas-Fahrerinnen und Fahrer in Deutschland pro Stunde

Berliner, die in den vergangenen Tagen die Gorillas-App benutzten, wurden bereits darauf hingewiesen: Am heutigen Donnerstag ab 12 Uhr mittags stoppt der Blitzlieferdienst seinen Betrieb in der Hauptstadt. Der Grund? Gorillas-Mitarbeiter haben eine Versammlung organisiert, um einen Wahlvorstand für die Betriebsratswahlen zu wählen. Der erste Schritt hin zu einer Arbeitnehmervertretung bei dem jungen E-Commerce-Unternehmen.

Organisiert hat das Ganze das Gorillas Workers Collective, das bisher vor allem über seinen Twitter-Account kommuniziert hat. Wer und wie viele Gorillas-Mitarbeiter hinter dem Kollektiv stecken, ist nicht bekannt. Namentlich sind bislang nur die drei Personen aufgetreten, die die Betriebsversammlung einberufen haben. Die meisten Mitglieder seien bisher anonym geblieben, aus Angst gefeuert zu werden, heißt es vom Kollektiv.

Neu-Unicorn Gorillas mit Wachstumsschmerzen

Lebensmittellieferungen innerhalb von zehn Minuten – mit diesem Geschäftsmodell ist Gorillas erst vor einem Jahr gestartet und hat seitdem ein rasantes Wachstum hingelegt. Dies gehe auf Kosten der Mitarbeitenden, allen voran der Fahrerinnen und Fahrer, argumentiert das Kollektiv. Deshalb wolle man eine Arbeitnehmervertretung, zunächst in Berlin, später in anderen Städten.

Gegenüber dem Magazin Vice berichteten Fahrer kürzlich von einem hohen Stresslevel und sehr viel Druck, der während der Hochzeiten im Lager herrsche. Selbst für den Toilettengang sei kaum Zeit, sagt ein Mitarbeiter. Andere berichten von wütenden Managern. In der Vergangenheit habe es außerdem Probleme mit der Gehaltsabrechnung mancher Fahrerinnen und Fahrer gegeben – Löhne wurden zu spät überwiesen, teilweise für zu wenige Stunden. Das geht aus internen Chatprotokollen hervor, die Gründerszene vorliegen.

Ein weiteres Problem, mit dem viele Fahrerinnen und Fahrer häufig zu kämpfen haben, sind Rückenschmerzen. Das ist auch immer wieder Thema auf der Meme-Seite Gorillasriderlife auf Instagram:

https://www.instagram.com/p/CPc7NjsJ9_f/

Offiziell dürfen die Fahrer nur Einkäufe mit einem Gewicht von zehn Kilo in ihrem Rucksack transportieren. Daran werde sich aber oftmals nicht gehalten, beschweren sich die Fahrer. Das Gorillas Workers Collective fordert deshalb unter anderem die Warenlager mit Waagen auszustatten, um die Bestellungen vorher messen zu können. Außerdem wollen sich die Vertreter für Gepäckträger an den Fahrrädern einsetzen, um die Einkäufe darin verstauen zu können.

Das Kollektiv vertritt in seinen Forderungen bislang vor allem die Belange der Fahrer und sogenannten Picker – derjenigen also, die die Einkäufe zusammenpacken und ausliefern. Zu der Betriebsversammlung sollen aber auch die Angestellten des Startups eingeladen werden, die nicht im direkten Lieferbetrieb arbeiten. Auch Mitarbeiter, die über Zeitarbeitsfirmen bei dem Unternehmen angestellt sind, sollen teilnehmen können. Gorillas-Gründer Kağan Sümer, sein Management und andere Führungskräfte, so wie etwa die Leiter der Warenlager, sind hingegen ausgeschlossen von der Veranstaltung in einem Kongresshotel in Berlin-Neukölln.

Bei der Versammlung sollen insgesamt drei Wahlvorstände gewählt werden. Diese werden direkt im Anschluss damit beauftragt, die Betriebsratswahlen zu organisieren, das dauert normalerweise mehrere Wochen. Nach deutschem Arbeitsrecht genießen die gewählten Wahlvorstände einen besonderen Schutz, sie dürfen in dieser Zeit etwa nicht gekündigt werden. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die in der Vergangenheit etwa auch Fahrer von Durstexpress vertreten hatte, bestätigte gegenüber Gründerszene, dass sie die heutige Veranstaltung begleite.

Betriebsratswahlen sind bei Startups eher ungewöhnlich. Im vergangenen Jahr sorgte der Kampf um einen Betriebsrat bei der Neobank N26 für Schlagzeilen. Das Management hatte zunächst versucht, eine solche Wahl zu verhindern – nach einem Shitstorm lenkten die Gründer ein.