Missstände in der Pflege: Azubi hakt bei Merkel nach

Angela Merkel stellte sich den Fragen der Zuschauer (Bild: Screenshot/Das Erste)

Gibt es eigentlich jemand, der all diese TV-Wahlsendungen zählt, in denen Merkel, Schulz, Wagenknecht, Lindner, Özdemir und Weidel aus den immer gleichen Wortbausteinen ihre Wahlversprechen zimmern? ARD, ZDF, RTL, SAT1 – kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Sender irgendeinen Kandidaten ins Rampenlicht rückt. Andererseits kann man das auch positiv sehen: Jeder Wähler hat die Chance sehr genau zu prüfen, wem er seine Stimme schenkt.

Am Montagabend bestand für die Wähler diese Gelegenheit in der ARD. „Wahlarena“, nannte der Sender die Sendung. 150 Bürger hatten die Chance, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu befragen. Zunächst stellte Moderatorin Sonia Mikich klar, dass Merkel die Fragen vorab nicht kannte. Ein Teil der Studiogäste habe sich selbst gemeldet, ein anderer Teil sei von einem Meinungsforschungsinstitut ausgewählt worden, so Mikich. Tatsächlich waren die Zuschauer ein Gewinn. Sie machten aus der Sendung eine besondere Sendung. Und das lag vor allem an den jungen Leuten im Studio. Wer behauptet, die Jugend sei politisch desinteressiert und kümmere sich nur um das eigene Fortkommen, der sah sich eines Besseren belehrt. Schon der Beginn war erfrischend.

Ein 18-Jähriger aus Würzburg sagte: „Ich will zur Wahl gehen und finde Sie ganz gut, aber ich könnte als Bayer nur CSU wählen. Die CSU kann ich jedoch nicht unterstützen, wegen der Obergrenze für Flüchtlinge.“ Merkel hoffte offenbar, den Erstwähler mit einigen Phrasen zufrieden zu stellen. Sie sagte: „Wenn Sie mich weiter als Bundeskanzlerin wollen, dann bitte ich Sie, mich zu wählen.“ Der junge Mann schaute skeptisch. Deshalb legte Merkel nach: „Meine Meinung zur Obergrenze ist bekannt, ich will sie nicht, sie ist nicht praktikabel.“ Eine klare Distanzierung von der Schwesterpartei CSU. Mal sehen, wie Seehofer darauf reagiert. Und vor allem: Mal sehen, wer von beiden sich in den Koalitionsverhandlungen durchsetzt. Merkels Beruhigungspille stellte den jungen Mann gar nicht zufrieden. „Die gleiche Situation hatten wir mit der Maut auch“, konterte er. Eine Anspielung auf Merkels Satz, dass es mit ihr keine Pkw-Maut geben werde. Nun gibt es die Maut doch. Merkel sagte: „Ich habe damals gesagt, Inländer werden nicht zusätzlich belastet.“ Wirklich überzeugt wirkte der Jungwähler nicht von Merkels semantischen Feinheiten.

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Eine Frau, ebenfalls 18 Jahre alt, die gerade in den Beruf startet, fragte: „Wird das Rentenalter soweit angehoben, dass ich gar nicht mehr in den Genuss der Rente komme?“. Merkel versprach: „Ich habe nicht vor, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen.“ Immerhin eine klare Aussage. Schauen wir mal, wie lange das gilt.

Pflege-Azubi bohrt nach, Merkel weicht aus

Ein Azubi, der sich momentan zum Krankenpfleger ausbilden lässt, nahm Merkel hart ins Kreuzverhör: „Im Grundgesetz steht, dass die Würde des Menschen unantastbar ist, aber ich sehe jeden Tag Patienten, die stundenlang in ihren Ausscheidungen liegen. Sie regieren seit zwölf Jahren und nichts hat sich daran geändert. Warum ist es nicht möglich, mehr Geld in die Pflege zu stecken?“ Merkel erwiderte: „Wir haben in den letzten vier Jahren den Pflegesicherungsbeitrag erhöht und deshalb ist mehr Geld im System.“ Mancher Journalist hätte sich wahrscheinlich damit zufrieden gegeben. Nicht der Krankenpflege-Lehrling. „Das kann gar nicht funktionieren, solange tausende Pflegekräfte in Deutschland fehlen und dann kommen immer mehr Pflegebedürftige dazu.“ Und was sagte Merkel? „Der Pflegeberuf muss attraktiver gemacht werden.“ Richtig. Nur wie? Merkels Antwort half weder Pflegern, noch Patienten.

Beispiel Integration: Ein Student, der an der TU München Wirtschaftsingenieurwesen studiert, und dessen Eltern vor 40 Jahren aus dem Iran nach Deutschland eingewandert sind, kritisierte: „Ich werde an der Haltestelle gefragt, welcher Terrorzelle ich angehöre oder gebeten, ich solle nicht in den Bus einsteigen. Nur wegen meines Aussehens. Das ist Ausgrenzung. Frau Merkel, was wollen Sie gegen Rassismus tun?“. Merkel ermunterte: „Lassen Sie sich nicht Ihren Schneid abkaufen, wir dürfen Menschen nicht nach ihrem Aussehen beurteilen.“ Ebenfalls richtig. Beantwortete aber nicht die Frage des jungen Mannes.

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Fazit: Zumindest ein Teil der Jugend in Deutschland ist besser als sein Ruf, nämlich interessiert, informiert, hartnäckig und unsere Politiker müssen Erstwählern mehr bieten, als Worthülsen. Denn es ist nicht souverän – wie manche Kommentatoren behaupten – wenn Merkel jegliche Kritik an sich abprallen lässt und konkrete Fragen von Bürgern in einem Wattebausch aus Floskeln beerdigt. Kommende Woche ist SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz an gleicher Stelle in der ARD zu Gast. Schauen wir mal, ob er es besser kann.

(Autor: Frank Brunner)

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