Mit '3 Tage in Quiberon' zur Schauspielerin des Jahres: Marie Bäumer

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino
Marie Bäumer auf der Pressekonferenz zu ‘3 Tage in Quiberon’ bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin (Bild: AP Photo/Markus Schreiber)

Die schauspielerischen Qualitäten Marie Bäumers standen immer außer Frage. Doch trotz überzeugender Auftritte in einer Reihe gelungener Filme und Serien war ihr der Aufstieg in die A-Riege deutscher Schauspieler nie recht gelungen. Das hat sich spätestens mit “3 Tage in Quiberon” geändert. Bäumers Leistung in dem Romy-Schneider-Film qualifiziert sie für uns zur deutschen Schauspielerin des Jahres. Ein Porträt.

Zumindest mir geht es so: Ich komme nicht umhin, beim Gedanken an Marie Bäumer zugleich an den Karriereverlauf Christoph Waltz’ zu denken. Waltz spielte bekanntlich jahrelang eine Rolle nach der anderen, mal war er in besseren, mal in schlechteren Filmen zu sehen, von denen die meisten jedoch Fernsehproduktionen waren. Der große Durchbruch schien nicht in Sicht. Bis ein einziger Film, Quentin Tarantinos preisgekrönte Kriegssatire “Inglourious Basterds”, seine Karriere komplett umkrempelte.

Anders als Waltz wird Bäumer für “3 Tage in Quiberon” vielleicht keinen Oscar bekommen und auch nicht den Durchbruch in Hollywood schaffen. Eine Zäsur in ihrer Karriere markiert das Schwarz-Weiß-Drama über Romy Schneider dennoch. Dieser Umstand des Davor und Danach mit einem entscheidenden Film in der Mitte ist der Grund, warum wir uns für Marie Bäumer und nicht etwa für Paula Beer, die es ebenfalls verdient hätte, als beste deutsche Schauspielerin 2018 entschieden haben.

Marie Bäumer in der Rolle ihres Lebens: In “3 Tage in Quiberon” spielt sie die Filmikone Romy Schneider (Bild: Prokino Filmverleih)

Mehr Fluch als Segen: Vergleich mit Romy Schneider

Dies vorausgeschickt, sollte man mit dem Vergleich zwischen Bäumer und Waltz doch etwas zurückrudern. Denn während man beim Österreicher vor “Inglourious Basterds” tatsächlich das Gefühl hatte, dass er schauspielerisch in eine Sackgasse geraten ist, war Bäumer vor ihrem Durchbruch als Romy Schneider in nicht wenigen beachtlichen Film- und Fernseh- aber auch Bühnenrollen zu sehen. Schon ihr erster Auftritt in einem Kinofilm, Detlev Bucks “Männerpension”, brachte ihr Lob und Beachtung ein. Bäumer wurde aber auch schnell in eine Schublade gesteckt, sie galt ihres Äußeren aber auch ihres Talents wegen als die neue Romy Schneider.

Vielleicht war das der Grund, wieso sie sich in den folgenden Jahren schauspielerisch so breit aufstellte. Bäumer war in Blockbustern ebenso zu sehen wie in anspruchsvollen Kino- und Fernsehproduktionen. Sie spielte in Michael Herbigs Klamotte “Der Schuh des Manitu” mit, war in den aufwändigen Fernsehfilmen “Dresden” und “Das Adlon. Eine Familiensaga” dabei, wirkte in Sebastian Schippers ambitioniertem Drama “Mitte Ende August” mit und bekam Rollen in ausländischen Filmen wie dem französischen Drama “Im Gleichgewicht”. Der Aufstieg zum sprichwörtlichen Zugpferd deutscher oder gar internationaler Produktionen blieb ihr allerdings versagt. Daran änderten selbst hochgelobte Projekte nichts wie Oscar Roehlers Drama “Der alte Affe Angst” und Dominik Grafs Gangster-Serie “Im Angesicht des Verbrechens”.

Im Fokus: Marie Bäumer als Romy Schneider in “3 Tage in Quiberon” (Bild: Prokino Filmverleih)

Mehr Segen als Fluch: “3 Tage in Quiberon”

Trotz guter Filme und Serien also, in denen Bäumer überzeugend und nicht selten preisgekrönt schauspielte, hatte sie ausgerechnet mit dem Romy-Scheider-Film “3 Tage in Quiberon” den durchschlagenden Erfolg. “Ausgerechnet” deshalb, weil an ihr der Vergleich mit dem Weltstar so sehr und sicher manchmal auch lästig klebte wie an der Schneider einst das Sissi-Image. Und weil Bäumer immer wieder abwinkte, wenn ihr angeboten wurde, die Kinolegende in einem Film darzustellen.

Bei “3 Tage” sagte sie zu, offenbar weil sie zusagen musste. Der Stoff war zu interessant, um ihn beiseite zu fegen. Hier fand Bäumer, was die vorausgegangenen Angebote offenbar nicht geboten hatten: eine “Verdichtung” aufs Wesentliche, wie sie einmal in einem Interview mit der FAZ sagte. Der Film, der das legendäre, drei Tage dauernde Interview nacherzählt, das die alkohol- und tablettensüchtige Schauspielerin 14 Monate vor ihrem Tod dem Magazin Stern gab, sei “ein Zoom” am Ende von Schneiders Leben, durch den man zu der Ikone durchdringen könne, so Bäumer. Dass ihm dies gelungen ist, nämlich zum Charakterkern des Weltstars “durchzudringen”, verdankt sich auch und vor allem dem überzeugenden Spiel Bäumers, über deren Karriere der Vergleich mit Romy Schneider lange wie ein Damoklesschwert hing, die sich mit der Rolle aber auch endgültig aus dem Schatten des berühmten Vorbildes gespielt haben dürfte.