Mister Spex greift Optiker-Riesen Fielmann auch im Filialgeschäft an


Es ist eine gepflegte Feindschaft: Dirk Graber, Gründer des Onlineoptikers Mister Spex, gibt gern mal eine Pressemitteilung heraus, wenn der große börsennotierte Konkurrent Fielmann seine Jahreszahlen vorlegt. Inhalt: Fielmann verpasse die Digitalisierung, Mister Spex sei da weit vorn. Im Gegenzug nennen Fielmann-Gründer Günther Fielmann und sein Sohn Marc die Brille aus dem Netz regelmäßig ein „Zufallsprodukt“ mit mangelhafter Qualität.

In diesen Tagen krachte die Fielmann-Aktie jedoch auf den niedrigsten Wert seit vier Jahren. Auslöser war eine Gewinnwarnung wegen Mehrausgaben unter anderem für die Digitalisierung. Zugleich hat Mister Spex ebenfalls seine Pläne geändert: Die Berliner wollen die Konkurrenz aus Hamburg nun auch im Filialgeschäft attackieren.

Das eigene Netz solle von zehn Filialen auf eine dreistellige Zahl im deutschsprachigen Raum ausgebaut werden, kündigte Graber im Gespräch mit dem Handelsblatt an. Dafür hat er die noch Ende 2015 verkündeten Pläne, Mister Spex bis Herbst 2018 an einen großen Branchenspieler zu verkaufen oder an die Börse zu bringen, auf unbestimmte Zeit verschoben.


Graber hat Mister Spex vor zehn Jahren als Onlineoptiker gegründet. Seit 2011 arbeitet er mit selbstständigen Optikern zusammen, die Sehtests und Nachbetreuung übernehmen. 2016 testete er seinen ersten eigenen Laden in Berlin, diese Woche eröffnet die zehnte Filiale.

Zudem kaufte Mister Spex 2013 den schwedischen Onlinerivalen Love Eyewear, der inzwischen auf die eigene Marke umgestellt ist. Hinter dem Optiker stehen vor allem institutionelle Investoren wie Goldman Sachs und Scottish Equity Partners (SEP). Das Management hält knapp ein Fünftel der Anteile.

2017 haben die Investoren 15 Millionen Euro nachgeschossen – und ermöglichen so die Expansion in die Einkaufsstraßen. 2015 war Goldman Sachs hinzugekommen und hatte 32 Millionen Euro Eigenkapitalfinanzierung mitgebracht.

Nun will Graber in mehr eigenen Läden vor allem die für Optiker wichtige Zielgruppe älterer Kunden für sich gewinnen, die sich häufiger scheut, online einzukaufen. Damit dürften auch mögliche Ambitionen beendet sein, Mister Spex als funktionierendes Onlinemodell an einen bestehenden Spieler auf dem deutschen Markt zu verkaufen.


Graber selbst spricht inzwischen weniger offen über ein Exit-Szenario, meint aber: „Mister Spex wird mit eigenen Läden sicherlich nicht unattraktiver für unsere Investoren.“

Die beiden großen Investoren Goldman-Sachs und SEP äußerten sich auf Anfrage nicht. „Wir schließen nicht aus, dass wir noch mal Geld von Investoren aufnehmen für die Eröffnung weiterer Läden“, sagt Graber. Auch die Managementkapazität hat er dafür erhöht, indem er vor knapp drei Jahren den ehemaligen Chef der Kette Eyes + More an Bord holte, um die Ladenexpansion zu steuern.

Fielmann entdeckt die Digitalisierung

Und während Mister Spex am Ausbau des Filialnetzes arbeitet, hat Konkurrent Fielmann mit dem Generationswechsel vom 78-jährigen Günther Fielmann zum 50 Jahre jüngeren Sohn Marc die Digitalisierung entdeckt. Der junge Manager, der seit April Co-Vorstandschef ist, hat eine umfangreiche Digitalabteilung aufgebaut, die auch an neuen Technologien etwa für Sehtests im Internet forscht.

Zwei Millionen Euro mehr als gedacht gibt er laut der Gewinnwarnung für die Digitalisierung aus. Analysten warnen jedoch, die Probleme bei Fielmann ließen sich nicht schnell lösen.

Tatsächlich ist Marc Fielmanns erster größerer Ausflug in den eCommerce auf Kontaktlinsen beschränkt – und hier entzieht er sich der Vergleichbarkeit mit Mister Spex und den vielen anderen Versendern, indem er auf eine reine geschlossene App-Lösung setzt und so in Preissuchmaschinen gar nicht erst auftaucht. Graber hingegen macht beim Preisvergleich starkes Marketing mit Sonderangeboten.

Die unterschiedliche Strategie offenbart sich auch in den Bilanzen: Während Mister Spex bei vergleichsweise starkem Wachstum Verluste schreibt, überzeugt Fielmann die Aktionäre seit Jahren mit Gewinnen und Dividenden.


Trotz der Mehrkosten wollen die Hamburger ihr Ziel eines gleichbleibenden Gewinns vor Steuern in Höhe von zuletzt 249 Millionen Euro für das Gesamtjahr erreichen. Die Erlöse lagen 2017 bei 1,4 Milliarden Euro.

Die Investitionen drücken Mister Spex dagegen weiterhin in die Verlustzone. Laut den jüngsten im Bundesanzeiger einsehbaren Zahlen von 2016 lag der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) knapp drei Millionen Euro im Minus, unter dem Strich fielen 8,8 Millionen Euro Verlust bei gut 92 Millionen Euro Umsatz an.

Selbstständige Optiker sind die Verlierer

2017 sind laut Graber gut 100 Millionen Euro Umsatz zusammengekommen. In ein bis zwei Jahren wolle er auf Ebitda-Ebene einen Gewinn ausweisen, sagt er.

Der Umbruch der Branche könnte jedoch ganz andere Verlierer erzeugen: die klassischen selbstständigen Optiker. Sie können weder im Preis- noch im Technikrennen mithalten. Als Onlinepartner von Mister Spex fallen für sie Krümel ab: Für einen Sehtest bekommt ein Optiker von den Berlinern 15 Euro und eine Umsatzbeteiligung, falls der Kunde bei Mister Spex kauft.

Ansonsten zeigen die Jahresberichte des Optikerverbands ZVA, dass die Zahl der Optiker stetig sinkt. 2017 entfielen auf die Mittelständler noch 54,5 Prozent des Branchenumsatzes. Sechs Jahre zuvor waren es noch 63 Prozent.