"In der Politik helfen Denkpausen mehr als Tweets"

Alternative Fakten, Filter-Blasen, Politiker bei Twitter: Symone Sanders, ehemalige Pressesprecherin von Bernie Sanders und WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel diskutieren über Kommunikation in digitalen Zeiten.


Beim Terrassengespräch vom WirtschaftsWoche Club kamen große Themen auf den Tisch. Symone Sanders, politische Kommentatorin bei CNN, bezieht klar Stellung zu allen Fragen, die Moderatorin Léa Steinacker zur Digitalisierung stellt. Es geht um Algorithmen, Filter-Bubbles, und die Macht großer Momente im Netz.

Als ehemalige Pressesprecherin von Bernie Sanders, Präsidentschaftskandidat 2016, weiß sie, wovon sie spricht: "Junge Menschen vertrauen den sozialen Medien, das darf man nicht unterschätzen", sagt sie am Montagabend. 80 Prozent der Menschen informierten sich über soziale Medien, lediglich 65 Prozent über das Fernsehen. In Deutschland ist es genau andersherum.

Aktivisten hätten dank Plattformen wie Facebook die Möglichkeit gehört zu werden und mit ihren revolutionären Gedanken ein großes Publikum zu erreichen, sagt Sanders. Für Politiker sei es wichtig zu wissen, wie sich Wähler informieren. Doch Menschen gerieten in den Netzwerken schnell in voneinander getrennte Blasen, durch verschiedene Herkunftsländer, das Alter oder Interessen. Miriam Meckel, Herausgeberin der WirtschaftsWoche, befürchtet, dass sich diese Blasen immer mehr verengen und sich die Menschen in ihnen nur noch um sich selbst und ihre perfekt aufeinander abgestimmten Meinungen drehen.




Doch Symone Sanders warnt vor einer vorschnellen Verurteilung: "Es kann auch gut sein, dass Algorithmen helfen, Gruppierungen auszumachen und zu finden." Sie weist daraufhin, dass Politiker im Wahlkampf solche Blasen, in denen potenzielle Wähler stecken, leichter adressieren können. Aber dennoch: "Man braucht Menschen, die aufpassen, was auf einer Plattform passiert. Die Führungskräfte haben da eine Verantwortung", so Sanders. Diese Verantwortung umfasse auch, Bots daran zu hindern, computergemachte Meinungen, die klar in nur eine Richtung gehen, in die Welt zu posten.

Meckel sorgt noch etwas ganz anderes: Die amerikanischen Medien nutzen soziale Netzwerke zwar weitaus mehr als die deutschen, aber "brauchen wir diese Plattformen auf unserem politischen Spielfeld?" . Sie regt den Gedanken an, dass es manchmal vielleicht besser sei, eine Pause einzulegen, über Dinge nachzudenken und Sachverhalte zu überdenken, anstatt sich in die schnelle Social Media-Realität zu stürzen.


Nichtsdestotrotz haben digitale Medien Macht. Sie haben die Macht, die Politik zu beeinflussen. So wie das Flüchtlingsmädchen Reem Sahwil. Ihre Tränen gingen viral. Überall war zu sehen, wie ein Flüchtlingsmädchen weinte, als Angela Merkel ihr erklärte, dass nicht jeder in Deutschland bleiben könne. "Ich glaube, dieser Moment hatte einen großen Einfluss", sagt Meckel. Und Sanders: "Momente, die blitzschnell geteilt werden und sich verbreiten, helfen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen."

Doch öffentliche Meinungen müssten im Gespräch entstehen. Debatten lebten von verschiedenen Meinungen, da sind sich Miriam Meckel und Symone Sanders einig. Erst reden, dann Kompromisse suchen. "Oft erleben wir eine radikalisierte Debatte, Menschen können sich nicht einmal mehr auf die Fakten einigen", sagt Sanders. Es könne nicht sein, dass Personengruppen so die Augen vor den Fakten verschließen. Es könne nicht sein, dass der Klimawandel nach diversen Naturkatastrophen immer noch geleugnet werde. "Diskussionen sind schwer, wenn man sich nicht über die Basis, die Fakten, einig wird", sagt die CNN-Kommentatorin.


Doch genau da sollten Medien heutzutage anknüpfen. "Die Berichterstattung muss die Latte hochlegen, die Wahrheit auf den Tisch legen", so Sanders. Für sie sei es wichtig, dass Bürger für die Medien eintreten, egal, ob ihnen gefällt, was die Nachrichten sagen. Es sei besser, ehrliche Nachrichten zu empfangen, die einem nicht gefallen, als überhaupt nicht informiert zu werden.

Diesen Appell richtet sie auch an Politiker. Es sei nicht nötig, alles abzunicken, auch nicht das, was die eigene Parteispitze sagt. "Jeder sollte aufstehen und sagen, was er denkt" – aber bitte mit Fakten untermauert.