Bei mir wurde im Alter von fast 40 Autismus diagnostiziert – jetzt ergibt für mich alles einen Sinn

Seit meiner Diagnose habe ich endlich nicht mehr das Gefühl, schlechter als andere Menschen zu sein. - Copyright: Shannon Dingle
Seit meiner Diagnose habe ich endlich nicht mehr das Gefühl, schlechter als andere Menschen zu sein. - Copyright: Shannon Dingle

Als meine Freundin Jenn sich am Morgen, nachdem sie sich ihrem Mann gegenüber geoutet hatte, bei mir meldete, dachte ich nur: "Bist du dir sicher?" Ich habe den Gedanken jedoch nicht laut ausgesprochen. Denn eine Frau wie Jenn, die in einem streng konservativen christlichen Haushalt aufgewachsen ist, würde ihrem Mann nicht einfach sagen, dass sie queer ist und ihr Leben im Speckgürtel einer Stadt mit vier Kindern umkrempeln, wenn sie sich nicht sicher wäre.

Ich habe in letzter Zeit viel über Jenn nachgedacht. Denn ich rechne auch mit einer Art von "Bist du dir sicher?" von den Menschen, die bisher nur eine Seite von mir kennengelernt haben.
Ich habe Autismus.
Und ja, ich bin mir sicher – genauso, wie sich mein Therapeut, mein Psychiater und andere Menschen, die solche Diagnosen stellen können, auch sicher sind.

Ich habe fast 40 Jahre ohne eine Diagnose gelebt

Ich war es gewohnt, ohne Diagnose autistisch zu sein, undiagnostiziert ADHS zu haben und mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu leben, ohne es zu wissen. Im Jahr 2016 wurde bei mir eine lebenslange komplexe PTBS diagnostiziert, die seit meiner frühen Kindheit besteht, aber erst mit 34 Jahren bei mir erkannt wurde. Dann kam meine ADHS-Diagnose vor drei Jahren. Und 2021 wurde bei mir auch Autismus diagnostiziert, nachdem mein ältestes Kind ebenfalls eine Autismus-Diagnose bekommen hatte.

Kurz vor meinem 40. Geburtstag zu erfahren, dass ich Autismus hatte, war für mich schwer zu verarbeiten. Das ist es auch immer noch. Aber vieles ergibt für mich nun einen Sinn.

Ich hatte immer das Gefühl, grundsätzlich fehlerhaft zu sein und als Person nicht richtig zu funktionieren. Meine PTBS reichte jedoch nur teilweise, um meine Symptome zu erklären. Die ADHS-Diagnose hat mir geholfen, mir besser zusammenzubasteln, wer ich als Mensch bin. Und jetzt, wo ich meine Lebenserfahrungen durch die Brille des Autismus betrachte, habe ich vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mir Ruhe gönnen kann.

Ich bin doch nicht fehlerhaft oder unfähig, als Mensch zu funktionieren. Ich verhalte mich nur nicht wie ein neurotypischer Mensch, weil ich nicht neurotypisch bin und nie dazu bestimmt war, es zu sein. Dieses Umdenken ermöglicht es mir, mein Leben als vollwertige Person zu begreifen und mich nicht als kaputt, ungenügend oder mangelhaft zu betrachten.

Mein ganzes Leben lang habe ich Menschen beobachtet und sie nachgeahmt. Zuerst meine große Schwester, dann meine beste Freundin Hannah und ihre Familie und schließlich waren es die Kinder in der Grundschule, die mir als Vorbild dienten.

Menschen, die in Büchern vorkommen, könnt ihr ganz einfach studieren, indem ihr sie direkt anstarrt. Ich hingegen musste versuchen, nicht ganz so unheimlich zu wirken, als ich andere Kinder studierte. Buchfiguren stört es nicht, wenn ihr sie nachmacht. Gleichaltrige in der Schule stört das allerdings schon.

Mein Ehemann war bis zu seinem Tod eine Unterstützung für mich

Ich lernte Lee kennen, als ich 18 Jahre alt war. Und obwohl er kein Retter war, wurde er zu einer Art Filter, den ich zur Unterstützung brauchte. Er vermittelte zwischen mir und der Welt. Da ich nicht die gleiche soziale Sprache wie andere sprechen konnte, übersetzte er die Welt für mich. Als er starb, verlor ich nicht nur meinen Ehemann. Ich verlor auch den Mechanismus, der mir dabei half, alles um mich herum zu verstehen.

Fünf Monate nach seinem Tod tauchte plötzlich Covid-19 auf. Das war ein mentaler Peitschenhieb für mich. Ich hatte niemanden mehr, den ich mir als Vorbild nehmen konnte, während unsere Familie im Lockdown war.

Bei jeder Interaktion – vor allem in Konfliktsituationen – kam ich mir vor, als würde ich mit Äpfeln und Orangen sprechen, die meine Blaubeer-Sprache nicht verstehen. Lee war nicht mehr da, um zu übersetzen. Ich wusste nicht, wie ich mit Schulschließungen oder mit Bauunternehmern umgehen sollte, als unser Haus unter Wasser stand.

Jetzt weiß ich endlich, dass wir verschiedene Sprachen sprechen. Ich habe endlich erkannt, dass ich manchmal jemanden brauche, der mir beim Übersetzen hilft. Ich habe endlich einen Namen und eine Erklärung dafür, warum es mir nie gelungen ist, neurotypisch zu sein.

Ich bin hier und ich bin autistisch. Ich bin nicht fehlerhaft, kaputt oder schlechter als andere. Und ich bin mir dessen sicher.

Dieser Artikel wurde von Stefanie Michallek aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.