Mindestens acht Tote bei Angriffen von Sicherheitskräften in Nicaragua

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Mindestens acht Tote bei Angriffen von Sicherheitskräften

Sicherheitskräfte und Paramilitärs griffen die von protestierenden Studenten besetzte Universität Unan im Südwesten von Managua an

Bei neuen Angriffen von Sicherheitskräften und regierungstreuen Paramilitärs in Nicaragua sind am Samstag nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens acht Menschen getötet worden. Unter den Todesopfern sei auch ein 15 Monate altes Kleinkind, erklärte das nicaraguanische Zentrum für Menschenrechte (Cenidh) am Samstag (Ortszeit). Auf Vermittlung der Kirche wurden mehrere Oppositionsanhänger aus der Haft entlassen. Sie warfen den Sicherheitskräften gewaltsame Übergriffe vor.

In der Nacht zu Samstag griffen Sicherheitskräfte und Paramilitärs die von protestierenden Studenten besetzte Universität Unan im Südwesten von Managua an. Ähnliche Einsätze gegen Regierungsgegner gab es in weiteren Stadtteilen. "Sie greifen uns seit ein Uhr morgens an. Es sind Scharfschützen darunter, wir sind auf den Barrikaden", berichtete ein Student aus der besetzten Uni am Samstag in einer Live-Übertragung auf Facebook.

Im Hintergrund des Videos waren Schüsse zu hören. Das Menschenrechtszentrum Cenidh gab an, im Bereich der Universität seien zwei Menschen getötet worden, 15 Studenten wurden demnach verletzt.

Die Mutter des 15 Monate alten getöteten Kleinkind machte gegenüber dem Nachrichtensender "Cien por cien Noticias" die Polizei für den Tod ihres Kindes verantwortlich. Sie habe es gerade zum Babysitter bringen wollen. "Die Polizei hat geschossen. Ich habe es gesehen." Die Regierung beschuldigte hingegen Kriminelle in der Uni-Gegend.

Die Unruhen in Nicaragua hatten Mitte April begonnen, als Sicherheitskräfte Demonstrationen gegen Rentenkürzungen gewaltsam niederschlugen. Seither weiteten sich die Proteste auf das ganze Land aus. Sie richten sich inzwischen gegen den autoritären Regierungsstil von Staatschef Daniel Ortega und seiner Ehefrau, Vizepräsidentin Rosario Murillo.

Die katholische Kirche versuchte sich unterdessen weiterhin an der Vermittlung zwischen den Konfliktparteien. Auf ihr Bestreben wurden insgesamt 26 Inhaftierte aus Gefängnissen in Managua und der Stadt Masaya freigelassen. Die Freigelassenen berichteten von Schlägen und Fußtritten im Gefängnis.

Der 16-jährige Bayron Hernández erzählte, er sei von vermummten Angehörigen einer regierungsnahen paramilitärischen Einheit festgenommen und geschlagen worden. "Sie haben mir mit einer Kalaschnikow den Kopf aufgeschlagen", sagte Hernandez, nachdem er aus der Haft in Masaya der katholischen Kirche übergeben worden war, zur Nachrichtenagentur AFP.

Nicaraguas Polizeichef Ramón Avellán sagte nach einer Intervention der Kirche zu, die Misshandlungen durch die Polizei und regierungsnahe Milizen zu beenden. "Er hat uns zugesagt, alle Schikanierungen auszusetzen", sagte Kardinal Leopoldo Brenes. Es bleibe abzuwarten, "ob das wirklich stimmt", fügte er einschränkend hinzu.

Die Kirche rief die Regierung zudem auf, sich am Montag wieder an den Verhandlungstisch zu begeben. Vorherige Vermittlungsversuche waren gescheitert. Die Bischofskonferenz fordert, die nächste Parlamentswahl von 2021 auf das kommende Jahr vorzuziehen.

Staatschef Ortega schließt einen Rücktritt aus. Der ehemalige Guerillakämpfer regierte Nicaragua von 1979 bis 1990 und erneut seit elf Jahren.

Nach Angaben der Interamerikanischen Menschenrechtskommission wurden bei den Massenprotesten mehr als 210 Menschen getötet. Bis zum vergangenen Dienstag seien zudem mehr als 1300 Menschen verletzt worden. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission ist ein unabhängiges Gremium der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS).