Fast hundert Tote bei Selbstmordanschlag in Kabul

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Fast 100 Tote bei Anschlag in Kabul

Bei einem der schwersten Anschläge in Afghanistans Hauptstadt Kabul in den vergangenen Jahren sind am Samstag fast hundert Menschen getötet worden. Ein Selbstmordattentäter habe 95 Menschen mit in den Tod gerissen und 158 weitere verletzt, teilte das Gesundheitsministerium mit. Der Attentäter hatte einen mit Sprengstoff beladenen Rettungswagen in die Luft gesprengt. Die Bundesregierung verurteilte den "heimtückischen Anschlag". Die radikalislamischen Taliban beanspruchten die Gewalttat für sich.

Der Attentäter habe den Rettungswagen genutzt, um an Sicherheitskontrollen vorbei zu kommen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums der Nachrichtenagentur AFP. An einem ersten Kontrollpunkt sei er durchgewunken worden, weil er angegeben habe, einen Patienten zum nahegelegenen Dschamuriate-Krankenhaus zu bringen. An einem zweiten Kontrollpunkt sei er aber "erkannt" wurden. Dort habe er dann seinen Sprengsatz gezündet.

Das Innenministerium machte das mit den Taliban verbündete Hakkani-Netzwerk für die Tat verantwortlich. Nach Angaben des Innenministeriums wurden vier Verdächtige festgenommen. Es war das folgenreichste Attentat in Kabul seit dem Anschlag auf das Diplomatenviertel im Mai, bei dem mehr als 150 Menschen getötet worden waren. Damals war auch die deutsche Botschaft schwer beschädigt worden.

Der Anschlag am Samstag erschütterte gegen 13.00 Uhr Ortszeit eine belebte Straße, an der das ehemalige afghanische Innenministerium liegt. In der Nähe befinden sich auch die Vertretung der Europäischen Union, das Kabuler Polizeipräsidium und der Sitz des Hohen Friedensrats zur Aussöhnung mit den Taliban.

Fotos in sozialen Netzwerken zeigten eine riesige Rauchwolke. Die Detonation war noch in zwei Kilometern Entfernung zu spüren, in einem Umkreis von mehreren hundert Metern gingen Fensterscheiben zu Bruch. Das Büro von Präsident Aschraf Ghani verurteilte den Anschlag als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".

Auch international sorgte die Attacke für Entsetzen. "Wir verurteilen den heimtückischen Anschlag in Kabul (...) in aller Schärfe", erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Die Nato, die US-Botschaft in Kabul und die britische Regierung zeigten sich ebenfalls bestürzt. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes nannte den Einsatz eines Rettungswagens als Tatfahrzeug "grauenvoll". Krankenwagen werden in Kabul nur selten kontrolliert.

Im Dschamuriate-Krankenhaus spielten sich nach dem Anschlag chaotische Szenen ab. Ärzte und Pfleger behandelten Männer, Frauen und Kinder, die blutend auf den Klinikfluren lagen. Auf den Straßen trugen freiwillige Helfer Verletzte über Trümmer, Rettungskräfte luden teils mehrere Leichen in einen einzigen Krankenwagen.

Der Anschlag habe einen Kontrollpunkt des Hohen Friedensrats getroffen, sagte der Friedensrats-Vertreter Hassina Safi. Bisher sei unklar, ob auch Mitglieder des Gremiums unter den Toten und Verletzten seien. Die Mitarbeiter der EU-Vertretung, die in einen Schutzraum flohen, blieben unverletzt.

Ein Augenzeuge, der in der Nähe des Anschlagsortes ein Schreibwarengeschäft betreibt, berichtete, sein ganzer Laden habe gewackelt. "Alle unsere Fenster sind zu Bruch gegangen. Die Leute in unserem Laden stehen unter Schock." Ein Passant berichtete im Fernsehsender Tolo, er habe einen "großen Knall" gehört und sei dann ohnmächtig geworden. Er habe dutzende Tote und Verletzte gesehen. Überall seien Blutlachen gewesen.

Die italienische Hilfsorganisation Emergency teilte mit, in ihr Krankenhaus in Kabul seien 131 Menschen eingeliefert worden. Emergency-Koordinator Dejan Panic sprach von einem "Massaker".

In Kabul hat die Zahl der Anschläge zuletzt stark zugenommen. Die Hauptstadt gilt inzwischen als einer der gefährlichsten Orte für Zivilisten in Afghanistan. Vor einer Woche hatten Kämpfer der Taliban das Intercontinental-Hotel angegriffen und mindestens 22 Menschen getötet. Die meisten Opfer, unter ihnen auch eine Deutsche, waren Ausländer.

Am Samstagmorgen hatten die afghanischen Behörden in einer Sicherheitswarnung speziell an Ausländer vor möglichen neuen Anschlägen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gewarnt. Die IS-Kämpfer planen demnach Anschläge auf Supermärkte, Geschäfte und Hotels, die von Ausländern besucht werden.