Spanische Polizei geht massiv gegen Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien vor

Bei Zusammenstößen während des Unabhängigkeitsreferendums in der spanischen Region Katalonien sind nach Angaben der Rettungskräfte mindestens 91 Menschen verletzt worden. Die spanische Polizei setzte dabei laut Augenzeugen auch Gummigeschosse ein

Bei einem massiven Polizeieinsatz gegen das umstrittene Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien sind am Sonntag dutzende Menschen verletzt worden. Auf Anweisung aus Madrid hatte die spanische Polizei teilweise gewaltsam versucht, die Wahllokale abzuriegeln und die Menschen an der Stimmangabe zu hindern. Vor einem Wahllokal in Barcelona setzten die Polizisten sogar Gummigeschosse gegen Demonstranten ein. Nach Angaben der katalanischen Regierung wurden mindestens 91 Menschen verletzt.

Die Zentralregierung in Madrid sieht die Volksabstimmung in der nach Unabhängigkeit strebenden Region im Nordosten Spaniens als illegal an und ließ schon im Vorfeld Stimmzettel und Abstimmungsunterlagen beschlagnahmen. Bereits am Samstag wurde die Hälfte der rund 2300 Wahllokale von der Polizei abgeriegelt.

In ganz Katalonien versammelten sich trotz des massiven Polizeiaufgebots aber schon in der Nacht zum Sonntag tausende Menschen vor Wahllokalen, um der Polizei den Zutritt zu versperren. Lehrer, Eltern und Schulkinder übernachteten in Schulen, um diese als Abstimmungslokale nutzen zu können.

In der Regionalhauptstadt Barcelona feuerten spanische Polizisten am Sonntag dann laut Berichten zahlreicher Augenzeugen mit Gummigeschossen auf Demonstranten vor einem Wahllokal. Die Polizei war zuvor gewaltsam in die Schule eingedrungen, um Wahlurnen und Stimmzettel zu beschlagnahmen. Als die Beamten das Gebäude wieder verlassen wollten, versperrten ihnen hunderte Demonstranten den Weg.

In Girona drangen Polizisten gewaltsam in eine als Wahllokal genutzte Sporthalle ein, in der auch der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont seine Stimme abgeben sollte. Polizisten mit Schutzausrüstung schlugen die gläserne Eingangstür ein. Puigdemont wich daraufhin auf ein Wahllokal im Dorf Cornella del Terri aus und gab dort seine Stimme ab. Er verurteilte die "ungerechtfertigte" und "unverantwortliche" Gewalt, mit der der spanische Staat gegen friedliche Demonstranten vorgehe.

Mindestens 91 Menschen wurden bei den Zusammenstößen verletzt, wie eine Sprecherin der Gesundheitsbehörden der katalanischen Regionalregierung am Nachmittag mitteilte. Darunter sei eine schwere Augenverletzung. Nach Angaben des Innenministeriums in Madrid wurden bei den Auseinandersetzungen auch mindestens elf spanische Polizisten verletzt. Sie wurden demnach von Demonstranten mit Steinen beworfen.

Trotz der Polizeisperren gelang es vielen Wählern, ihre Stimme abzugeben. Die katalanische Regionalregierung richtete kurzfristig neue Wahllokale ein. Die 5,3 Millionen Wahlberechtigten durften zudem in jedem beliebigen Wahllokal abstimmen. Die Stimmzettel konnten sie vorab zu Hause auszudrucken.

Die konservative Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy forderte die Regionalregierung auf, die vom Verfassungsgericht untersagte Abstimmung zu stoppen. Die katalanischen Behörden müssten diesen "echten Irrsinn" beenden, erklärte Innenminister Juan Ignacio Zoido, der zudem die "Verhältnismäßigkeit" des Polizeieinsatzes hervorhob.

Der Vertreter der spanischen Regierung für Katalonien, Enric Millo, verurteilte die Abstimmung als "Farce". Puigdemont und seine Regierung seien "allein verantwortlich für alles, was heute passiert ist und was noch passieren könnte, wenn sie diese Farce nicht beenden". Barcelonas linksgerichtete Bürgermeisterin Ada Colau warf der "feigen" Regierung in Madrid im Kurzbotschaftendienst Twitter vor, die Stadt mit Polizisten zu "fluten".

Katalonien mit seinen etwa 7,5 Millionen Einwohnern kommt für knapp ein Fünftel des spanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf. In der wohlhabenden Region im Nordosten Spaniens, in der eine eigene Sprache gesprochen wird, gibt es seit Jahrzehnten Bestrebungen, sich von Spanien loszulösen.

In den Umfragen sind die Katalanen in der Frage der Unabhängigkeit gespalten; allerdings pocht eine deutliche Mehrheit auf ihr Recht, ein Referendum dazu abhalten zu dürfen. Madrids verschärfte Gangart brachte in den vergangenen Tagen in Barcelona und anderen Städten hunderttausende empörte Katalanen auf die Straße.