Millionen Papierschnipsel: Einblick in die Restaurierungswerkstatt des Stadtarchivs

Geschätzt zwei Millionen Papierschnipsel müssen dort zusammengefügt werden.

Mit einem Handfeger und einem kleinen Kautschukschwamm bearbeitet Houcine Chebli das verdreckte und zerfleddertete Stück Papier. Ganz vorsichtig entfernt er die groben Schmutzpartikel. Chebli ist einer von gut 60 Restaurierungs-Helfern.

Die freiwilligen Helfer versuchen die beim Einsturz des Historischen Archivs beschädigten Dokumente zu retten und wiederherzustellen. Das Historische Archiv, beziehungsweise das, was davon übrig ist, ist in einem Teil des Lagerhauses der Möbelhauskette Porta untergebracht. Neben den freiwilligen Helfern arbeiten dort noch 30 ausgebildete Restauratoren an der Wiederherstellung des Stadtgedächtnisses.

Normalerweise herrscht in den klimatisierten Räumen Ruhe. Meist arbeiten rund 30 Menschen gleichzeitig an den beschädigten Dokumenten. Doch ab und an öffnet das Archiv seine Türen für Jedermann. So auch am ersten Juliwochenende. Im Viertelstundentakt führten städtische Mitarbeiter Besuchergruppen durch die Restaurierungswerkstätten. „Wir sind begeistert von der großen Resonanz, es ist schön, den Menschen unsere Arbeit einmal vorzustellen“, sagt Nadine Thiel, Leiterin der Restaurierungswerkstatt.

Von den gut 30 Regal-Kilometern, die das Archiv vor dem Einsturz am 3. März 2009 umfasste, sind rund 95 Prozent geborgen worden. Ein Teil davon lag über ein Jahr in der Grube am Einsturzort unter Wasser. Die nass geborgenen Stücke wurden sofort schockgefrostet und dann in gefrorenem Zustand getrocknet. Ein Vakuum-Gefriertrockner hat den Papierdokumenten die Feuchtigkeit entzogen.

Tausende Kartons

Mittlerweile sind alle nassen Stücke getrocknet und jedes geborgene Teil hat einen digitalen Strichcode bekommen. „So können wir nachvollziehen, was mit jedem einzelnen geborgenen Teil passiert“, erklärt Thiel. In tausenden Kartons sind die Papierdokumente sortiert. Jeder Karton muss nun von Helfern wie Chebli geöffnet werden und die darin enthaltenen Dokumente vom Schmutz befreit werden.

Das ist sehr wichtig, da Staub und Dreckpartikel die Dokumente weiter beschädigen können. Nach der ersten groben Reinigung mit Handfeger und Schwamm folgt eine gründlichere feinere Reinigung. Eine Art Sandstrahler entfernt hartnäckigeren Schmutz. Benutzt wird allerdings kein Sand, zum Einsatz kommen Papierfasern, die mit Luftdruck auf die dreckigen Dokumente geschossen werden. „Sand würde das empfindliche Papier zerstören“, weiß Michael Helm. Er ist genau wie Chebli ein angelernter Restaurierungs-Helfer.

Die mühseligste Arbeit kommt aber erst nach der Reinigung. Dann müssen die sauberen Teile, die bisweilen nur kleine Papierfetzen sind, geglättet und eingescannt werden. Dabei müssen die ausgerissen Ränder penibel glatt gestrichen werden, andernfalls kann der Computer die gescannten Einzelteile später nicht wieder zusammensetzen.

Zusammenarbeit mit Fraunhofer Institut

Geschätzt zwei Millionen Schnipsel Papier gilt es wieder zusammenzufügen. Das schafft nicht einmal der beste Puzzlespieler. Deshalb arbeitet das Archiv mit dem Fraunhofer Institut in Berlin zusammen. Dort steht ein Hochleistungscomputer, der aus den gescannten Einzelteilen wieder ganze Seiten zusammenfügt. „Das verwendete Computerprogramm wurde damals entwickelt, um die zerstörten Stasi-Akten wieder zusammenzusetzen“, so Thiel. Einige Seiten hat das Programm bereits zusammengefügt. In digitaler Form sind sie auch schon wieder nutzbar.

In einem nächsten Schritt sollen dann die echten analogen Seiten wieder zusammengesetzt werden. Doch zuerst hat die Reinigung Priorität. „Wir gehen davon aus, dass es noch bis zu 40 Jahre dauern wird, bis wir alles gereinigt, digitalisiert, identifiziert und wieder hergestellt haben“, prophezeit Thiel....Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta