Eine Milliarde für den chinesischen Tesla-Jäger


Mitten auf dem Kräftemessen der amerikanischen IT-Branche hatten die Chinesen Anfang des Jahres bereits die Muskeln spielen lassen. Auf der CES in Las Vegas präsentierte die chinesische Elektroautomarke Nio den elektrischen Supersportwagen EP9 mit umgerechnet 1360 PS. Genug, um selbst das Spitzenmodell des kalifornischen Elektropioniers Tesla alt aussehen zu lassen. In den nächsten Jahren wollen die Chinesen nun den elektrischen Massenmarkt in Angriff nehmen.

Dafür hat Nio nun frisches Geld eingesammelt. In seiner jüngsten Finanzierungrunde hat das Start-up rund eine Milliarde Dollar Risikokapital aufgenommen. Die Anleger hegen offenbar große Hoffnungen, dass Nio der Durchbruch gelingt, an dem so viele andere chinesische Automarken mit Ambitionen scheiterten. 

Angeleitet wird die jüngste Finanzierungsrunde vom chinesischen Internetkonzern Tencent, der mit WeChat den erfolgreichsten Chat-Dienst Chinas betreibt und mittlerweile auf einen Wert 475 Milliarden Dollar geschätzt wird. Neben dem Internetriesen haben auch der US-Hedgefonds Lone Pine Capital, die chinesische Investmentfirma Citic Capital und der schottische Fondsmanager Baillie Gifford in Nio investiert. Der Wert des chinesischen Elektro-Start-ups wird mittlerweile auf fünf Milliarden Dollar geschätzt.


Den Vertrauensvorschuss genießt Nio-Gründer William Li nicht umsonst: Der 42-Jährige gründete in China 2010 die Plattform bitauto.com, die heute zu den größten Anbietern von Online-Inhalten und Marketing-Dienstleistungen für die chinesische Automobilindustrie zählt.

Mit seinen milliardenschweren Investoren hat Li genug Zeit, eine strategische Offensive für den Automarkt vorzubereiten, bevor internationale Unternehmen ihre Elektromodelle auf den chinesischen Markt bringen. Tesla soll schon in wenigen Jahren mit einer lokalen Produktion in China starten. Am Freitag berichtet die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, dass auch VW an einem Joint-Venture mit dem lokalen Partner FAW arbeite, um in den nächsten Jahren eine lokale Marke für Elektroautos und Plug-in-Hybride zu starten.

Die Euphorie auf dem chinesischen Elektromarkt ist groß: Peking hat sich zum Ziel gesetzt, den Autoverkehr in den Städten zu elektrifizieren, um die Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Seitdem wird der Markt mit Investments geflutet. So stark, dass die chinesische Regierung sogar Lizenzen ausgab, um die Flut der Neugründungen zu bremsen. Nio bekam eine davon.


Anders als andere chinesische Elektromarken wird Nio zugetraut, schon in wenigen Jahren mit der Produktion seiner Massenmodelle zu beginnen. Um sich auf die Massenproduktion vorzubereiten, hatte Nio im April ein Joint Venture mit dem viertgrößten Autohersteller des Landes, Changan, geschlossen. Die Unternehmen wollen bei Forschung und Vertrieb zusammenarbeiten.

Die serienreife Variante des ES8, einem rein elektrischen SUV mit sieben Sitzen, soll Mitte Dezember präsentiert werden. Premiere hatte das Modell im April auf der Automesse in Shanghai gefeiert. Entwickelt wurde das Auto nicht nur in China, sondern unter anderem auch in den USA – und am deutschen Standort in München. Das Modell soll nach Auskunft des Unternehmens besser ausgestattet sein als ein Tesla Model X – und weniger kosten.

Die direkte Konkurrenz zum kalifornischen Elektropionier ist pikant: Immerhin gehört Tencent auch zu den größten Investoren bei Tesla. Darüber hinaus will sich die chinesische Marke nicht auf den Heimatmarkt beschränken. Nio hatte bereits angekündigt, bis 2020 ein selbstfahrendes Elektroauto in den USA anzubieten. Mit dem jüngsten Investment dürften diese Expansionspläne weiter an Fahrt gewinnen.