Die Milliardäre und ihre Lust auf Medien


Sardi’s ist eine Institution in New York. In dem Restaurant am Times Square treffen sich seit Jahrzehnten Verleger und Redakteure zum Mittagessen. An den Wänden hängen unzählige Karikaturen von Berühmtheiten. Vor wenigen Tagen ehrte dort die Pressevereinigung Deadline Club 2017 die besten Journalisten in der Branche.

Bei der Veranstaltung sprachen die Anwesenden weniger über die Preisträger als über ein anderes Thema: Die Koch-Brüder wollen den Time-Verlag kaufen, das bekannte Magazine wie „People“, „Sports Illustrated“, „Fortune“ oder „Time“ veröffentlicht. In den Publikationen werden oft Meinungen vertreten, die den Überzeugungen von Charles und David Koch im Grunde genau entgegengesetzt sind. Beide sind in den USA als Milliardäre bekannt, die seit Jahrzehnten mit viel Geld eine erzkonservative Agenda in der Politik unterstützen.


Aus den Tischgesprächen sind jetzt Tatsachen geworden. Der amerikanische Verlag Meredith erwirbt den Time-Verlag für 1,85 Milliarden Dollar. Die Koch-Brüder unterstützten die Akquisition mit einer Finanzspritze in Höhe von 650 Millionen Dollar. Laut Tom Harty, Geschäftsführer von Meredith, ist das Investment der beiden aber passiv: „Sie nehmen keinen Einfluss auf die Geschäfte von Meredith, was auch die Ausrichtung der Redaktionen betrifft.“

Trotzdem droht ein Zusammenprall der Kulturen: Meredith und Time – die Verlage könnten kaum unterschiedlicher sein. Time verkörpert New York, das Flaggschiff des Verlags, „Time Magazine“, wurde 1923 ins Leben gerufen und sollte „das urbane und hektische Leben der Moderne“ wiedergeben. Das Wochenmagazin beeinflusst bis heute die Wirtschaft und Politik Amerikas, beispielsweise mit seiner Wahl der wichtigsten 100 Persönlichkeiten des Jahres.


Meredith dagegen sitzt nicht in einer Metropole, sondern in der kleinen Stadt Des Moines im Mittleren Westen der USA. Die Firma wurde 1902 von Thomas Meredith gegründet, der das Landwirtschaftsblatt „Successful Farming“ und „Better Homes & Gardens“ herausbrachte. Noch heute ist Letzteres mit sieben Millionen Lesern eines der am meisten verbreiteten Magazine Amerikas.

Auch die Kochs arbeiten in der Provinz. Ihr Vater gründete Koch Industries, eines der größten Privatunternehmen Amerikas, das in den Bereichen Öl, Plastik, Düngemittel und Papierprodukte vertreten ist. Das Konglomerat mit Sitz in Kansas führt Charles Koch, während sein Bruder David Koch sich aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen hat und in New York lebt. Der Kauf von Time dürfte ihn persönlich am meisten interessiert haben, denn es wertet ihn in der Gesellschaft der Stadt auf.


Vor wenigen Jahren hätten die Koch-Brüder keine Chance gehabt


Das Investment der Kochs ist langfristig angelegt, das Geld kommt von Koch Equity Development, dem Privat-Equity-Arm von Koch Industries. Hinter dem Investment steckt eine handfeste betriebswirtschaftliche Logik. Meredith vertreibt vor allem Lifestyle-Magazine wie „Better Homes & Gardens“ oder „Family Circle“. Zusammen mit Time verfügt das Unternehmen nun über 135 Millionen Leser und 60 Millionen Abonnenten.

Laut Meredith lassen sich in den ersten zwei Jahren bis zu 500 Millionen Dollar an Kosten einsparen. „Das sind smarte Geschäftsleute“, sagte David Chavern, Vorsitzender der Branchenvereinigung News Media Alliance, über die Kochs, „sie sehen eine Chance, Geld zu verdienen“.


Noch vor wenigen Jahren hätte das Gebot von Meredith und den Koch-Brüdern keine Chance gehabt. Aber Time kämpft seit 2011 mit sinkenden Umsätzen und Gewinnen. Die Printbranche steht durch den digitalen Wandel unter Druck. Belief sich der Umsatz von Printanzeigen 2005 in den USA noch auf 49 Milliarden Dollar, so lag er 2016 bei nur noch 12,4 Milliarden Dollar.

Durch die Branche rollt eine Konsolidierungswelle. Erst vor wenigen Wochen kaufte der Verlag Hearst das Familienunternehmen Rodale, das Magazine wie „Men’s Health“ herausbringt. Außerdem steht das Musikmagazin „Rolling Stone“ zum Verkauf.