Migrationsforscher – „Jede Form von Diskriminierung ist schädlich“

Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es Diskriminierung von Migranten, sagt der Migrationswissenschaftler Herbert Brücker. Manche Herkunftsländer sind besonders betroffen.


Herbert Brücker leitet den Forschungsbereich Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Der Nationalspieler Mesut Özil hat seinen Rückzug aus der Nationalelf mit Rassismus und Respektlosigkeit begründet. Beobachten Sie so etwas auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt?
Tatsächlich gibt es zahlreiche empirische Studien, die Diskriminierung im Arbeitsmarkt belegen. So zeigen experimentelle Studien, dass es immer noch einen Unterschied macht, ob ein Bewerber Michael oder Mohammed heißt. Wir beobachten auch, dass Unterschiede in der Einstellung der Bevölkerung gegenüber bestimmten Minderheiten zwischen den Regionen oder im Zeitverlauf die Einstellungswahrscheinlichkeit oder Entlassungsrisiken von Migranten beeinflussen. Insofern existieren durchaus Anzeichen für Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt.

Wenn Sie sich die Herkunftsländer von Beschäftigten mit Migrationshintergrund ansehen: Wo funktioniert die Arbeitsmarktintegration besonders gut, wo nicht so gut?
Wir beobachten durchaus einige Unterschiede zwischen Migranten aus verschiedenen Herkunftsländern oder verschiedenen Gruppen. So sind gegenwärtig unter den EU-Bürgern Bulgaren schlechter als Rumänen oder Polen in den Arbeitsmarkt integriert, aber auch Italiener oder Türken haben im Durchschnitt geringere Beschäftigungsquoten als beispielsweise die Zuwanderer aus den neuen EU-Mitgliedstaaten. Das hat aber nicht zwingend mit Diskriminierung zu tun, sondern ganz unterschiedliche Ursachen. Eine Frage ist etwa, wie das Bildungssystem in dem Land aussieht, aus dem die Einwanderer kommen.


Macht es einen Unterschied, zu welcher Einwanderergeneration man gehört?
Das kann sein, etwa wenn eine Gruppe anfangs nicht anerkannt war, sie aber schrittweise von der Gesellschaft akzeptiert wird. Die Italiener in Deutschland sind möglicherweise ein Beispiel dafür. Wir haben aber auch andere Beispiele, in denen sich Vorurteile über viele Generationen halten, etwa bei den Schwarzen in den USA.

Die deutsche Wirtschaft sucht händeringend Personal. Ist da eine Integrationsdebatte, wie sie jetzt wieder durch den Fall Özil angestoßen wird, nicht Gift für den Standort?
Wir beobachten in der Forschung, dass politische Großereignisse, die zu Veränderungen in der Einstellung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber Migranten führen, die Arbeitsmarktsituation dieser Gruppen verändert. So haben sich die Arbeitsmarktchancen von Muslimen in den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September verschlechtert. Ob aber der Rücktritt eines Fußballnationalspielers den Charakter eines solchen politischen Großereignisses hat, möchte ich doch eher bezweifeln. Grundsätzlich aber gilt: Jede Form von Diskriminierung verursacht Effizienzverluste und ist deshalb volkswirtschaftlich schädlich.