Miese Preise, keine Besserung


Die Investoren waren auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Aber dass es beim Pharmakonzern Teva so mies läuft – damit hatten die Aktionäre nicht gerechnet. Teva, der in Deutschland für seine Marke Ratiopharm bekannt ist, weist zum Halbjahr mit einem Nettoverlust von rund 5,5 Milliarden Dollar auf. Der Konzern korrigierte zudem seine Ertragsprognose für das Gesamtjahr abermals deutlich nach unten und kürzte die Dividende um 75 Prozent.

An der Börse stürzte die Aktie des israelischen Pharmaherstellers zeitweise um bis zu 24 Prozent – satte acht Milliarden Dollar Börsenwert waren innerhalb kurzer Zeit verbrannt. Seit Mitte 2015 hat die Teva-Aktie inzwischen zwei Drittel verloren und notiert auf dem niedrigsten Stand seit rund 14 Jahren.

Teva wird zum Opfer seiner eigenen, überambitionierten Akquisitionsstrategie. Ein Schicksal, das zuvor bereits den US-Konkurrenten Valeant ereilt hatte. Denn Teva hatte in den letzten Jahren durch eine ganze Serie von Zukäufen expandiert, darunter 2010 auch die Übernahme des führenden deutschen Generikaherstellers Ratiopharm. Als Desaster indessen erwies sich jetzt vor allem der Kauf der Generikasparte von Actavis, für die Teva 2016 rund 40 Milliarden Dollar an den Vorbesitzer Allergan überwies.

Mit der Übernahme stiegen die Israelis zwar zum unangefochtenen Führer im Geschäft mit patentfreien Nachahmer-Medikamenten auf. Aber das Timing war extrem schlecht und der Preis offenbar weit überzogen, was Teva jetzt mit einer Wertberichtigung von gut sechs Milliarden Dollar auf Actavis und andere US-Aktivitäten einräumte.


Durch die Übernahme wird der Konzern nun  umso härter vom rasanten Preisverfall auf dem US-Generikamarkt getroffen.  „Wir verbuchen beschleunigte Preiserosion und rückläufige Absatzmengen“, räumte Teva-Interimschef Itzhak Peterburg ein.

Hintergrund ist ein deutlicher Wandel auf dem US-Pharmamarkt. Versicherer und andere Kostenträger schließen sich dort verstärkt zu Einkaufs-Kooperationen zusammen und setzen mit Ausschreibungen und Rabattverträgen zusehends größere Preisnachlässe bei Medikamenten durch. Zudem hat die Arzneimitteilbehörde FDA die Zulassung von Generika beschleunigt, was den Konkurrenzkampf zusätzlich anheizt.

Die Entwicklung zeichnet sich zwar schon seit dem vergangenen Herbst ab, ist aber offenbar noch weitaus brisanter als bisher erwartet und trifft Teva besonders hart. „Die Käufer beherrschen den Markt“,  sagt Wells-Fargo- Analyst David Maris. Auch die Aktien anderer Generikahersteller wie Mylan oder Perrigo gerieten daraufhin unter Druck und verloren vier bis sechs Prozent an Wert.


Wie heftig das Geschäft belastet wird, ist an den Zahlen von Teva auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Für das erste Halbjahr berichtete der Konzern einen Umsatzanstieg um 15 Prozent auf 11,3 Milliarden Dollar und ein Plus beim Betriebsgewinn von vier Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar. Aber darin ist erstmals auch das erworbene Actavis-Geschäft voll enthalten, das im Halbjahr 2016 noch 3,7 Milliarden Dollar Umsatz erzielt.

Das heißt: Wäre Actavis schon im Vorjahr vollständig in der Bilanz aufgetaucht, hätte Teva nun einen Umsatzrückgang von etwa 15 Prozent vermelden müssen. Damit hat sich der Pharma-Riese de facto ein schrumpfendes Geschäft eingekauft und dafür 35 Milliarden Dollar Schulden aufgenommen.


Deutsche Standorte werden verschont


Der Preisverfall auf dem US-Markt dürfte sich zudem noch verstärken, wie Peterburg und seine Kollegen im Analysten-Call andeuteten. Auch deshalb mussten sie rund fünf Milliarden Dollar auf den Wert der Actavis-Übernahme abschreiben.

Hinzu kommt noch eine weitere Herausforderung: Knapp ein Fünftel seines Umsatzes erzielt Teva bisher noch mit dem Multiple-Sklerose-Mittel Copaxone. Dessen Patente sind inzwischen weitgehend ausgelaufen, so dass ab 2018 verstärkte Generikakonkurrenz drohen könnte.

Teva reagiert auf die Probleme jetzt mit einem deutlich verschärften Spar- und Restrukturierungsprogramm. Bis Ende des Jahre will der Konzern jetzt insgesamt  7000 von weltweit 57.000 Arbeitsplätzen  abbauen. Sechs Fabriken sollen in diesem Jahr geschlossen oder verkauft werden, weitere acht im kommenden Jahr. Bis Ende 2017 wolle man sich außerdem aus 45 Ländern zurückziehen, kündigte Peterburg an.


Die Aktivitäten in Deutschland, wo Teva rund 2900 Menschen beschäftigt, sind davon aber jedoch kaum berührt. Es gebe keine Pläne über den bereits im Frühjahr kommunizierten Arbeitsplatzabbau hinaus, sagte ein Sprecher. Im März  hatte Teva den Wegfall von etwa 100 Stellen am Standort Ulm  angekündigt, wo der Konzern eine relativ große Produktion für das Europageschäft betreibt. Im Gegenzug will Teva hier allerdings auch neue Stellen schaffen mit dem Bau einer Produktionsanlage für Biotech-Medikamente.

Ungeachtet der neuen Sparmaßnahmen musste der Konzern seine Prognosen für 2017 abermals nach unten korrigieren. Der Umsatz wird jetzt bei um die 23 Milliarden Dollar erwartet, und damit gut eine Milliarde Dollar niedriger als bisher. Gleiches gilt für das bereinigte Betriebsergebnis vor Abschreibungen (Ebitda), das Teva jetzt bei 7,2 bis 7,4 Milliarden Dollar sieht. Bisher hatte man mit acht bis 8,4 Milliarden Dollar gerechnet.

Das ist nicht zuletzt mit Blick auf die strapazierte Bilanzstruktur des Konzerns heikel: Die Ratingagentur Moody’s hat Teva als Reaktion auf die schwachen Zahlen bereits herabgestuft, von „Baa2“ auf „Baa3“. Der Ausblick bleibt weiter negativ.

Die Rating-Agentur zeichnet ein düsteres Szenario für den Konzern: „Preisdruck und Verzögerungen bei Neueinführungen werden das US-Generikageschäft auch 2018 noch belasten“, schreibt Moody’s-Analyst Morris Borenstein in einem Kommentar. Und auch angesichts der erwarteten Konkurrenz für Copaxone gehe man davon aus, dass Gewinn und Cashflow auch 2018 weiter sinken werden. Zwar bemühe sich Teva, durch Desinvestitionen und Dividendenkürzung die Verschuldung zu reduzieren. Aber es sei unklar, wie schnell das gelinge.