Midlife-Crisis – mon amour


Die Sonne scheint. Der deutsche Außenhandelsüberschuss lässt keine Fragen offen. Familie ist gesund, danke der Nachfrage. Herr K. könnte zufrieden sein. Das Problem ist allenfalls: Er ist jetzt Mitte 40. Emmanuel Macron ist 39. Damit ist eigentlich alles gesagt über seine kleine Midlife-Crisis, die er sich aber vor niemandem anmerken lassen möchte. Es ist nur leider Fakt: Herr K. ist Key-Account-Irgendwas im Management eines nicht allzu glamourösen deutschen Mittelständlers. Monsieur Macron ist französischer Staatspräsident. Der eine wurstelt so vor sich hin, der andere rettet gerade Frankreich.

Herr K. will das gar nicht politisch kritisieren. Im Gegenteil. Man kann ja fast neidisch auf die Nachbarn und ihre unblutige Revolution schauen, wenn man sieht, was anderswo los ist oder eben nicht. Und man kann ja auch sagen: „Was soll’s? Jeder macht seinen Job, so gut es geht.“ Aber damit fangen die Fragen eines Mannes in den … äh… besten Jahren ja erst an. Mit Ende 30 blickt Macron bereits auf Karrieren als Finanzinspektor, Investmentbanker, Präsidentenberater, Wirtschaftsminister und nun also Staatschef zurück. Herr K. blickt trotz höheren Alters auf gar nix zurück, was irgendwie vergleichbar wäre. Okay, die Bandscheiben-OP war gar nicht ohne, und der dicke Timmermann wollte mal seinen Job, aber sonst?


Was muss ein Mann noch mal gleich tun? Baum pflanzen, Kind zeugen, Haus bauen. Quasi das Herrengedeck unter den Lebensentwürfen. Und selbst da kann Herr K. nur bedingt mithalten: Das Haus haben sie gebraucht gekauft. Das mit dem Baum hat sich noch nicht ergeben. Immerhin hat er zwei Kinder. „Na also, geht doch. Du bist nur eine Zierkirsche vom Ideal entfernt“, sagt der eine, der optimistische Herr K. Der andere mault: „Muahaha! Macron war erst 36, als er von der deutschen Regierung 50 Milliarden Euro zur Belebung der Wirtschaft in der Euro-Zone gefordert hat. Jetzt bist du wieder dran.“

Herr K. hat noch nie etwas vom Élysée-Palast gefordert. Wieso auch? Er will sich jetzt nicht auf einen Wettstreit gegen seine eigene miesepetrige Seite einlassen. Je älter man wird, umso wahrscheinlicher wird es nun mal, dass da plötzlich Jüngere an einem vorbeiziehen. Herr K. weiß, wovon er spricht, denn er versucht ja selbst gerade… im Vorstand sollten wirklich mal ein paar Neue …, aber man muss hier nicht alle Firmeninterna breitwalzen.

Mit den Jahren wird die Luft eben allmählich dünner – wie das Haar, obwohl nicht vergessen werden soll: Konrad Adenauer wurde erst mit 73 Kanzler, Joseph Ratzinger mit 78 Papst und Rod Stewart mit 66 erneut Vater. Das tröstet Herrn K. trotzdem weniger als die Tatsache, dass in seiner Abteilung auch ein paar Mittfünfziger sitzen. Und die haben vor ein paar Jahren vielleicht das Gleiche über sich und ihn gedacht. Deren Macron hieß womöglich einst Herr K. War ihm damals gar nicht aufgefallen. Für manche Weisheiten muss man wohl einfach ein bisschen älter werden als 39.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK