Middelhoffs Lernkurve


Thomas Middelhoff hat mit seinen Erinnerungen aus dem Essener Gefängnis eine erschütternde Kritik an den Zuständen des Strafvollzugs in Deutschland vorgelegt. Seine Gefängnismemoiren „A 115. Der Sturz“ (319 Seiten, Verlag Langen Müller) dokumentieren einen Alltag hinter Gittern mit systematischen Schlafentzug, wie man ihn in einen mitteleuropäischen Rechtsstaat so nicht unbedingt erwarten würde. Das kontroverse Urteil gegen den früheren Chef des einstigen Handels- und Touristikriesen Arcandor erweckt zudem den Eindruck, dass prominente Wirtschaftslenker besonders gerne die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.

Vergehen wie eine mit Finanzmitteln des Konzerns finanzierte Festschrift für den früheren Bertelsmann-Chef Mark Wössner führten zur Verurteilung wegen Untreue und anderer Delikte von insgesamt drei Jahren. Die Häme ist selbst hinter Gittern gegen den einst so erfolgreichen Chef des Gütersloher Medienkonzerns gewaltig, wie Middelhoff in seinem sehr lesenswerten Buch schildert. So findet er auf dem Holztisch in seiner Zelle einen Online-Ausdruck aus Bild zu seinem Insolvenzantrag: „Das hast du Schwein verdient!“ Middelhoff vermutet, ein Beamter hat die Meinungsäußerung deponiert.

Das überhebliche, von manchen als arrogant empfundene Auftreten vor Gericht, die demonstrative Siegesgewissheit haben sicher zum hohen Strafmaß beigetragen. In seinen Memoiren ist Middelhoff so selbstkritisch und ehrlich wie vielleicht niemals zuvor in seinem Leben. Er entlarvt – absichtlich oder unabsichtlich – wie naiv sein Vertrauen in seine Anwälte wahr – und in die feste Überzeugung, die Justiz werde ihm letztlich schon recht geben müssen.


Doch seine Erkenntnisse in den Gefängnismemoiren hat der Manager offenbar bereits wieder über Bord geworfen. Denn vor dem Landgericht Hamburg klagt der 64-Jährige gegen den Campus-Verlag. Middelhoff will damit eine Werbekampagne für die nahezu zeitgleich erschiene Biographie „Middelhoff – Abstieg eines Star-Managers“ (288 Seiten, Campus-Verlag) meines Handelsblatt-Kollegen Massimo Bognanni verhindern.

Wie „Meedia“ meldete, störte sich Middelhoff vor allem an dem Werbehinweis auf persönliche Gespräche und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen den Campus-Verlag. Der in Frankfurt ansässige Verlag wehrt sich ebenfalls juristisch. Voraussichtlich Mitte dieser Woche soll die endgültige Entscheidung fallen. Bereits seit Monaten haben die Advokaten von „Big T“ dem Campus Verlag wie auch Autor Bognanni Schriftsätze ins Haus geschickt und so ein bedrohliches Szenario aufgebaut.


Middelhoff hat offenbar wenig gelernt

Middelhoff hat aus seinen früheren Fehler offenbar wenig gelernt. Als hätte er nicht schon genug Geld, Energie und Lebenszeit in Anwälte und Gerichte investiert, bemüht er wiederum die Justiz wegen Petitessen. Immer wieder hat er wegen absurder Details in einen regelrechten Klagewahn verheddert. Davon kann ich, der ihn anderthalb Jahrzehnte beobachten durfte, selbst nach einer gewonnen Klage von Middelhoff, ein Lied singen. Der nun angezettelte Streit mit Bognanni ist besonders bizarr.


Denn bereits auf den ersten Seiten – in der Einleitung – schreibt der Autor detailliert auf, dass es sich um keine autorisierte Biographie handelt. Vielmehr zeigte ihm ein Berliner Anwalt Middelhoffs handschriftliche Notizen in einem Aktenordner. Nach eintägiger Überlegung bot Bognanni an, als Koautor mit eigenen Recherchen, aber nicht als Ghostwriter für eine Biographie zur Verfügung stehen zu wollen. Daran hätte Middelhoff kein Interesse gehabt. Bognanni versprach daher den Textordner, den er erhalten hatte, auch nicht für seine kritische Biographie zu nutzen. Daran hat sich der Autor auch gehalten.

Middelhoff müsste über die Biographie von Massimo Bognanni außer sich vor Freude sein. Denn das 288 Seiten umfassende Werk ist exakt, fair, fundiert und kritisch. Alles was man sich von einem guten Wirtschaftsbuch erwartet. Massimo Bognanni gaukelt keine falsche Nähe vor und schildert mit professioneller Distanz dennoch alle wesentlichen Stationen eines prallen Managerlebens, das mindestens einen Zweiteiler im Hauptprogramm der ARD hergibt.

Wenn man mit ehemaligen Gefährten von Middelhoff nach dem Erscheinen der kritischen Biographie in diesen Tagen spricht, herrscht schnell Einigkeit, dass „Big T“ in der Biographie des Campus-Verlags gut weggekommen ist. Denn an Geschichten über Egozentrismus, Größenwahn und Schwächen des Porträtierten mangelt es offenbar nicht. Doch viele Insider halten sich aus einer Mischung von Rücksichtnahme und Mitleid zurück. Das Thema Middelhoff ist für sie beendet. Sie trauen ihm keine Lernkurve mehr zu.