Wie Microsoft sein beeindruckendes Comeback gelungen ist


Eigentlich müsste der „FAANG“-Index neu zusammengesetzt werden. Der populäre Begriff beschreibt die fünf Technologieunternehmen mit der besten Kursentwicklung und beinhaltet Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google (heute Teil der Holding Alphabet). Doch eins fehlt: Microsoft.

Seit Satya Nadella im Februar 2014 Vorstandschef wurde, verdreifachte sich der Aktienkurs des Softwareherstellers auf zuletzt über 107 Dollar, und der Börsenwert erreichte 827 Milliarden Dollar. Nur Amazon, Apple und Google sind jetzt noch wertvoller. Facebook und Netflix sind dagegen weit abgeschlagen. Nur: Wie soll man bloß ein „M“ in diese Abkürzung reinzwängen?

Microsoft schreibt eine der überraschendsten Comebackgeschichten, die die Wall Street zu bieten hat. Während der 14-jährigen Amtszeit von Steve Balmer dümpelte der Aktienkurs meist vor sich hin, um nach dem Führungswechsel 2014 steil anzusteigen. Es war ein dramatischer Wandel des Geschäftsmodells, der Unternehmenskultur und des Produktangebots, der diese Entwicklung zur Überraschung vieler Beobachter ermöglichte.


Vor allem das Cloud-Computing, bei dem Kunden Programme aus dem Internet nutzen oder auf diesem Wege gar ihre IT-Infrastruktur ersetzen, trägt dazu bei – ähnlich wie beim deutschen Softwarehersteller SAP, der in einigen Bereichen mit dem US-Konzern konkurriert, in anderen kooperiert.

Microsoft ist der weltgrößte Hersteller von Software für Unternehmen und Verbraucher und wurde 1975 gegründet. Es ist damit neben IBM eine der ältesten noch eigenständigen Technologiefirmen. Die bekanntesten Produkte sind das PC-Betriebssystem Windows und die Produktivitätssoftware Office 365.

Seit 2001 vertreibt Microsoft seine Spielkonsole Xbox, eigene Titel wie den Milliardenseller „Halo“ und die Onlineplattform Xbox Live. Daneben gibt es ein wachsendes Internetgeschäft mit Suchmaschine, Werbung und Online-Inhalten. Im Geschäftskundenbereich gewinnt zudem Cloud-Computing massiv an Bedeutung: Speicherplatz und Rechenleistung bekommen Kunden auf Knopfdruck, ohne eigenes Rechenzentrum.

Infrastrukturdienste wie Sicherheitssoftware, Zugangskontrollen oder Branchenlösungen bietet Microsoft ebenfalls aus der Cloud an. Die jüngste Sparte ist „Surface“: Unter diesem Namen stellt Microsoft Laptops und Tablets her.

Die Zahlen für das vierte Quartal des Geschäftsjahres, das Ende Juni beendet war, und die Zahlen für das gesamte Finanzjahr 2018 zeigen deutlich, wie sich das Microsoft-Universum geändert hat. Noch immer ist Windows ein wichtiger Bestandteil des Produktmixes und ein wichtiger Umsatz- und Gewinnbringer.

Doch die neuen Wachstumsfelder sind endlich in der Lage, die langjährige Schwäche des PC-Marktes abzufedern. Der Neuerwerb LinkedIn – die mit 26 Milliarden Dollar teuerste Übernahme der Firmengeschichte – zeigte im Geschäftsjahr 2018 beispielsweise ein Rekordwachstum: Fünf Quartale in Folge stieg der Umsatz an, zuletzt um 37 Prozent.


Die Gamingsparte mit Xbox und Onlineplattform überschritt im Gesamtjahr erstmals die Zehn-Milliarden-Dollar-Marke. Im vierten Quartal schoss der Umsatz im Jahresvergleich um 39 Prozent in die Höhe. „Wir investieren aggressiv in Inhalte, die Gamer-Gemeinschaft und Cloud-Dienste“, so Nadella im Analystengespräch.

Über Computerspiele hatten Wall-Street-Analysten lange die Nase gerümpft, heute sind sie elektrisiert. „Wir glauben, Microsoft wird ein Netflix für Gaming entwickeln“, fasst es Keith Weiss von Morgan Stanley prägnant zusammen.

So ein Onlinedienst wäre dann auf allen Bildschirmen, vom Smartphone über den Fernseher bis zur Virtual-Reality-Brille, verfügbar, bräuchte keine Spielkonsole mehr und könnte die Reichweite bei den Gamern glatt vervierfachen, schätzt Analyst Timothy O’Shea von der Investmentbank Jefferies. Microsoft muss aber schnell sein: Google, Amazon und Facebook sollen ähnliche Pläne haben.

Großer Deal mit Walmart

Was die Investoren aber am meisten begeistert, ist die „Commercial Cloud“. Dabei handelt es sich um Angebote im Unternehmensbereich wie die Plattform Azure, auf der Unternehmen ihre Informationstechnologie betreiben können. Grade erst vor wenigen Tagen konnte Microsoft einen spektakulären Deal verbuchen und den Handelsgiganten Walmart für fünf Jahre als Kunden gewinnen.

Der Vertrag umfasst auch den Einsatz künstlicher Intelligenz, um zum Beispiel besser planen zu können, welche Produkte wann und wo in die Läden kommen sollen. Der Vertrag ist ein Frontalangriff auf Amazon: Beide Partner wollen nichts sehnlicher, als den Onlinehandel- und Cloud-Giganten zu schwächen.

Im vierten Quartal lagen die Commercial-Cloud-Umsätze bei 6,9 Milliarden Dollar, ein Plus von 53 Prozent mit einer Bruttomarge von 58 Prozent. Das reine Plattformgeschäft Azure wuchs um 89 Prozent und damit fast doppelt so stark wie beim großen Konkurrenten Amazon, dem Cloud-Marktführer.


Zum Vergleich: „More Personal Computing“, wo auch Windows, Gaming und die Laptops erfasst werden, lieferte im Quartal 10,8 Milliarden Dollar und ein Plus von 17 Prozent ab. Selbst hier gab es bei Windows ein unerwartetes Plus von sieben Prozent, aber die anderen Bereiche wachsen schneller.

Die konsequente Fokussierung auf „Cloud und Mobile“, die Nadella vom ersten Tag seiner Amtszeit unmissverständlich betont hat, zahlt sich aus. Mittlerweile kommen mehr als 60 Prozent des Umsatzes aus wiederkehrenden Abonnements und nicht mehr aus dem einmaligen Verkauf von Softwarelizenzen.

Dazu kommt der Wandel der Unternehmenskultur. Die Übernahme von Github ist das deutlichste Zeichen für die Veränderungen, die Nadella angestoßen hat: Die Plattform ermöglicht es Entwicklern, gemeinsam Programmcodes zu schreiben und zu teilen. Vielfach nach dem Open-Source-Prinzip: Jeder kann die Software unter bestimmten Bedingungen frei nutzen.

Über Jahrzehnte schimpfte der langjährige Microsoft-Chef Steve Ballmer über Open Source. Jetzt ist das Unternehmen der größte Zulieferer derartiger Programme auf Github und will die Plattform nun sogar für 7,5 Milliarden Dollar kaufen. Nadella weiß: Ohne Open Source funktionieren das Internet und die Cloud nicht. Die Politik aus Microsofts Quasi-Monopolzeiten in den 80er- und 90er-Jahren ist unwiederbringlich vorbei.

Es geht auch darum, eine Schwäche wettzumachen. Im Smartphone-Markt spielt Windows keine Rolle – auch die teure Übernahme der Gerätesparte von Nokia änderte nichts daran. Nadella will daher Microsoft-Programme wie Word, Excel oder OneDrive auf allen Mobilgeräten verfügbar machen. Ein Kunde kann einen Windows-PC als Zentrale nutzen, er muss es aber nicht mehr. Es läuft auch alles ohne, dank der Cloud. Der Internet-Browser Edge, Nachfolger des Internet-Explorers, ist jetzt für Android und Apples iOS verfügbar. Der Cloud-Speicherdienst OneDrive auch.


Microsoft ist eines der wenigen Hightechpapiere, das gleichzeitig als Wachstumswert und Dividendenaktie gilt. Die Dividende steigt seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit. Von den FAANG-Aktien bietet nur Apple eine Ausschüttung.

Im vierten Quartal zahlte Microsoft durch Dividenden und Aktienrückkäufe 5,3 Milliarden Dollar an die Aktionäre aus, 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Dieser Wert liegt weit unter dem Quartalsgewinn von 8,9 Milliarden Dollar, was Luft für weitere Dividendenerhöhungen lässt.

Nach einer Schwächephase im Jahr 2016 mit einem Minus von 2,6 Prozent steigt auch wieder der Umsatz. Citibank rechnet für 2019 und 2020 mit Zuwächsen von 9,9 und 8,9 Prozent. Im abgeschlossenen Geschäftsjahr 2018 überstieg der Umsatz erstmals mit 110 Milliarden Dollar die 100-Milliarden-Schwelle.

Analysten raten zum Kauf

Wall-Street-Analysten haben angesichts dieser Entwicklung ihre Liebe zu Microsoft wiederentdeckt. Nach den Quartalszahlen haben laut Fact-Set mindestens 19 Analysten ihre Preisziele angehoben. Brad Reback von Stifel etwa auf 118 statt 107 Dollar. Die Deutsche Bank gehört mit dem Kursziel 130 Dollar zu den größten Optimisten.

John DiFucci von Jefferies ist als einer der wenigen Experten nicht so überzeugt. Er fragt sich, ob die im Verhältnis zum PC-Markt gute Entwicklung der Windows-Sparte nachhaltig ist und ob die Gewinnmargen in der Cloud aufrechtzuerhalten sind. Die Konkurrenz mit Amazon und Google wird immer schärfer. Laut Fact-Set raten aber von 34 Analysten derzeit 29 zum Kauf der Aktie mit einem durchschnittlichen Kursziel von 119,9 Dollar.


Einen echten Konkurrenten in allen Bereichen hat Microsoft in Deutschland nicht. Lediglich bei Geschäftssoftware ist mit SAP aus Walldorf ein deutscher Konzern auf Augenhöhe mit dem Riesen aus Redmond. Und auch hier setzt Nadella auf pragmatischen Realismus.

Die beiden Unternehmen haben Ende 2017 eine umfangreiche Partnerschaft angekündigt – wichtige Cloud-Produkte wie Azure und S/4 Hana werden über die Plattform des jeweiligen Partners angeboten, zudem sollen diese auch intern zum Einsatz kommen. Konkurrenz und Zusammenarbeit schließen sich nicht aus.

Das Ziel ist klar: Beide Unternehmen wollen so viele Geschäftskunden wie möglich in die Cloud bringen – und Microsoft will überdies Amazon fernhalten.

Der weltweite Kampf der Konzerne um Marktanteile war noch nie so hart wie heute. Das Handelsblatt stellt in loser Folge wichtige internationale Akteure vor und analysiert ihre Stärken und Schwächen.