Michele Mouton über "Girls on Track": Frauen werden bald gewinnen wie ich

James Allen
·Lesedauer: 5 Min.

Michele Mouton ist eine Motorsport-Legende. Bis heute ist sie die einzige Frau, die einen Lauf zur Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) gewonnen hat. Im mächtigen Audi quattro schlug sie in den 1980er-Jahren die besten männlichen Rallyefahrer ihrer Zeit. Es ist ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch des Motorsports, das den besten Momenten aus Formel 1 und Le Mans in nichts nachsteht.

Heute arbeitet Mouton als Vorsitzender der FIA-Kommission "Frauen im Motorsport" daran, die nächste Generation von Rennfahrerinnen an die Spitze zu bringen. Seit zehn Jahren will sie die Rolle der Frauen im Motorsport stärken, beginnend an der Wurzel. In dieser Woche kommt im Ferrari-Werk in Maranello ihr bisher ambitioniertestes Projekt zum Abschluss.

"Girls on Track - Rising Stars" ist eine weltweite Talentsichtung, die sich an Mädchen in Alter von 14 bis 16 Jahren richtet. Aus einer langen Liste wurden letztlich 20 Fahrerinnen aus 14 Ländern ausgewählt, die auf der Rennstrecke Le Castellet in Frankreich eine Sichtung durch die Rennfahrerschule Winfield durchliefen.

"Girls on Track" sucht erste Ferrari-Juniorin

Die besten vier Mädchen nahmen dann am finalen Shootout in Maranello teil. Als Hauptpreis winken die Aufnahme als erste Fahrerin in die Ferrari-Akademie und ein Renncockpit in der Formel 4.

In Le Castellet und Maranello wird die erste Ferrari-Juniorin gesucht

In Le Castellet und Maranello wird die erste Ferrari-Juniorin gesucht<span class="copyright">Motorsport Images</span>
In Le Castellet und Maranello wird die erste Ferrari-Juniorin gesuchtMotorsport Images

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"Unsere Erwartungen wurden voll erfüllt", sagt Mouton. "Das ist ein großer Fortschritt für die jungen Damen. Wir helfen ihnen dabei, eine professionelle Karriere zu starten. Und dass in einem kritischen Alter, in dem viele aufhören, weil sie keine Zukunft für sich sehen. Die Zusammenarbeit mit Ferrari ist eine fantastische Gelegenheit. Es ist auch eine Anerkennung für die Arbeit, die wir in den vergangenen zehn Jahren mit der Kommission geleistet haben."

"Das Programm läut über vier Jahre, was sehr wichtig ist. Hoffentlich sehen wir bald die erste Ferrari-Fahrerin. Die Atmosphäre in Le Castellet war echt gut, es herrschte ein gesunder Sportsgeist. Wir sahen, dass die Mädchen wirklich motiviert waren. Die Messlatte lag recht hoch. Einige Mädchen kamen nah an die Referenzzeit des männlichen Fahrers heran, und wir sahen große Fortschritte."

Mehr Frauen an der Basis werden gebraucht

Das Programm "Girls on Track" wurde 2018 mit Hilfe von Fördergeldern der Europäischen Union gestartet. Später wurde es mit dem Programm "Dare to be Different" von Susie Wolff zusammengelegt und hat seitdem tausende junger Mädchen für den Motorsport begeistert. Das Programm umfasst Aktivitäten auf und neben der Rennstrecke.

Dazu gehören Bildungsangebote mit einem Schwerpunkt auf den MINT-Fächern sowie Projekte zu den Themen Sicherheit und Umweltschutz. "All diese Programm helfen uns dabei, mehr junge Mädchen für den Motorsport zu interessieren. Denn es ist sehr wichtig, dass wir die Basis der Pyramide auffüllen", sagt Mouton.

Michele Mouton leitet seit 2010 die FIA-Kommission für Frauen im Motorsport

Michele Mouton leitet seit 2010 die FIA-Kommission für Frauen im Motorsport<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Michele Mouton leitet seit 2010 die FIA-Kommission für Frauen im MotorsportMotorsport Images

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"An die Spitze zu kommen, ist für jeden schwierig, vor allem in der Formel 1. Da schaffen es auch nur ein paar Männer. An die Spitze der Pyramide zu kommen, ist nie einfach, aber im Vergleich zu den Männern war unsere Basis zu klein. Daher war es unwahrscheinlicher, dass eine ganz nach oben kommt", sagt Mouton.

"Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es das Beste ist, mehr Mädchen für den Motorsport zu interessieren, denn dann wird die Basis größer. Das ist sehr wichtig. Frauen müssen mehr Möglichkeiten und das gleiche Material bekommen. Daher arbeitet unsere Kommission daran, mehr Gelegenheiten zur Zusammenarbeit mit professionellen Teams und Herstellern zu schaffen. Dabei sind wir schon weit gekommen."

Gemischte Gefühle zur W-Series

Das Besondere am Motorsport ist die Tatsache, dass Frauen in derselben Kategorie gleichberechtigt gegen Männer fahren können, so wie es Mouton in ihrer Rallyekarriere erfolgreich vorgelebt hat. Die Einführung der Frauen-Rennserie W-Series sorgte daher für gemischte Reaktionen bei denjenigen, die für mehr Diversität im Motorsport kämpfen.

Von der Frauenrennserie W-Series ist Mouton nicht vollends überzeugt

Von der Frauenrennserie W-Series ist Mouton nicht vollends überzeugt<span class="copyright">W Series</span>
Von der Frauenrennserie W-Series ist Mouton nicht vollends überzeugtW Series

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Gleichzeitig schuf die W-Series aber einen Raum für Frauen, um in einer entscheidenden Phase ihrer Karriere mehr Rennkilometer und Erfahrungen zu sammeln. Zwar fahren dort nur Frauen gegeneinander, allerdings stehen die Frauen auch im Mittelpunkt. Wie denkt Mouton heute über die W-Series?

"Diese Plattform ist eine gute Gelegenheit für Frauen, um kostenlos zu fahren. Dort sieht man, dass Frauen gut fahren können, allerdings fahren sie nur gegeneinander. Es ist gut, dass es solche Initiativen gibt. Aber für mich zählen Erfolge gegen alle, Männer und Frauen mehr. Daher konzentrieren wir uns darauf, die Diversität im Motorsport zu fördern, damit alle die gleichen Voraussetzungen haben, um erfolgreich zu sein", so Mouton.

Mouton: Mit gleichem Material gibt es keine Ausreden

"Genau so war es auch bei mir. Mir wurde oft die Frage gestellt: Warum warst du erfolgreich? Dazu kann ich nur sagen, dass ich auf nationalem Niveau das gleiche Auto wie mein Teamkollege hatte, der der beste französische Fahrer war. Und ohne jetzt unbescheiden zu sein, aber ich musste ganz schön über mich hinauswachsen, um sein Niveau zu erreichen. Solange man die gleichen Voraussetzungen und des gleiche Material hat, liegt es an einem selbst, sich zu beweisen. Dann hat man keine Ausreden."

Das FIA-Programm "Girls on Track" am Circuit Paul Ricard in Le Castellet

Das FIA-Programm "Girls on Track" am Circuit Paul Ricard in Le Castellet<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Das FIA-Programm "Girls on Track" am Circuit Paul Ricard in Le CastelletMotorsport Images

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"So war es auch in der WRC. Audi hat mich verpflichtet und mir das gleiche Auto wie Hannu Mikkola gegeben, der einer der besten Fahrer der Welt war. Unter den gleichen Voraussetzungen konnte ich nicht akzeptieren, zwei oder drei Sekunden hinter ihm zu sein. Undenkbar! Ich musste hart an mir arbeiten und über meine Grenzen hinaus gehen, um sein Niveau zu erreichen. Das war nicht einfach."

"Wäre ich nur gegen Frauen gefahren, hätte ich wahrscheinlich nur versucht, die beste von ihnen zu sein. Ich hätte nie so hart gekämpft. Daher ist es meiner Meinung nach wichtig, dass man nicht zu einfach nach oben kommt. Man muss darum kämpfen. Aber wenn man die gleichen Voraussetzungen hat, ist es möglich. Ich bin nichts besonders, sondern ein ganz normaler Mensch", sagt Mouton.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.