Warum mich die Linkedin-Posts 16-, 17- oder 18-jähriger Gründer nerven

Super jung und super erfolgreich: Von Gründern, die erst 16, 17 oder 18 Jahre sind, hört man immer öfter. Puh.  - Copyright: Westend61/ Getty
Super jung und super erfolgreich: Von Gründern, die erst 16, 17 oder 18 Jahre sind, hört man immer öfter. Puh. - Copyright: Westend61/ Getty

Und dann war da dieser LinkedIn-Post: „Scheiß auf Australien - wir machen Firmenjahr!“, schreibt einer. „Work & Travel in Neuseeland ist zwar cool, aber jetzt nach dem Abi haben wir die once-in-a-lifetime Möglichkeit, uns 100% aufs Start-up zu fokussieren. (…) Deshalb verbringen wir den Sommer nicht mit Backpacking in Griechenland, sondern versuchen unsere Start-ups hochzuziehen.“ Darunter das Bild von zwei sehr traurigen Matratzen in einer stinkhässlichen Halle. Dort wohne er jetzt, um 24/7 ohne Pause und Ablenkungen zu gründen, gründen, gründen.

Ist das Satire? Wohl nicht: Im Profil des Abiturienten erfährt man, dass er im September 2021 den ersten Platz in der Kategorie Entertainment & Games bei Startup Teens gemacht hat und im Business Plan Ranking von Jugend Gründet immerhin Platz Drei. Und 24 Kenntnisse listet er da auf. 24! Aber zwischen den traurigen Matratzen auf dem Foto steht nicht einmal ein Kasten Bier, sondern Spezi.

Was ist da los? Was bewegt eine Generation, die sich abfeiert, mit 16 ihre ersten Firmen zu gründen und mit 18 dann die zweiten und die das so viel geiler findet, als nach dem Abi zu reisen, zu studieren und zu überlegen, was man beruflich eigentlich wirklich will. Und dabei Bier zu trinken. Viel Bier.

Allgemeiner Tenor: Mach langsam

Tatsächlich ist das der Tenor vieler der mehr als 500 Kommentare unter dem Post: Mach doch mal easy. Ehrgeiz und Drive seien total toll, aber man dürfe sich selbst ein bisschen mehr Zeit geben mit der Karriere und müsse nicht direkt nach dem Abi so hart durchstarten. Manche schreiben auch, dass man ja mit 18 nicht so viel Erfahrung hätte und irgendwas von „langsam mit den jungen Pferden“ steht da auch. Es ist schon schlimm altväterliches Zeug dabei. Aber die Message ist klar: Entspann dich!

Natürlich ist es leicht – und plump und Mist – als nicht mehr junger Mensch schlau darüber zu reden, was sehr junge Menschen mutmaßlich alles falsch machen und wie es richtig geht. Es gibt sogar ein Wort dafür: Adultismus. Dieser ist, wie so viele auf -ismus endende Verhaltensweisen, tunlichst zu unterlassen. Weil Ältersein allein nicht schlauer und besser macht.

Immerhin: Mehr als 5.000 Menschen haben dem Post ein Like gegeben, einige applaudieren in den Kommentaren zu so viel inspirierender Power. Es sind die Älteren, die herum mosern.

Ich auch. Ich habe auch gemosert: Was ist denn los mit 18-Jährigen, die Businesspläne besser als Backpacken finden und die sich mit „personal finance“ beschäftigen, statt mit Parties und der Frage, was man eigentlich mal werden will?

Die Alten und ihr schlechtes Gewissen

Ich weiß, dass mosern falsch ist und habe mich gefragt, warum wir’s reflexartig trotzdem tun: Weil wir uns insgeheim ein bisschen schämen, dass wir nicht so waren. Wir haben, wenn wir so etwas lesen, ein latent schlechtes Gewissen. „Wir“, das wäre die späte Gen X und die frühen Millennials, die mit 25 das zwölfte Praktikum gemacht haben. Aber das dafür in Lima, Nairobi oder Perth. Und die mit 26 immer noch kein Startup gegründet hatten. Wir hatten damals noch nicht mal einen LinkedIn-Account (warum auch?).

Zu sehen, wie’s anders geht, wie ambitioniert und erfolgreich man mit 18 hätte sein können, nagt. Besonders, wenn die 18 schon lange vorbei ist. Aber auch an allen 18-Jährigen, die nicht so sind. Und das ist schließlich die Mehrheit.

Dabei ist es doch okay. Es ist in Ordnung, mit 18 einfach nur mit der Schule fertig zu sein. Es geht klar, mit 24 als Praktikant irgendwo anzufangen und nicht direkt als CEO der eigenen Firma. Wenn das mit der Karriere dann erst mit 28 oder 30 losgeht. Und es ist auch okay, wenn man nicht danach strebt, das nächste Unicorn zu starten. Insofern vielleicht dieselbe Message an alle: Entspannt Euch!

Und für die mit der Gründungsurkunde an der Kinderzimmerwand vielleicht noch dieser eine Gedanke: Es ist auch okay, sich diesen bewundernswerten Ehrgeiz selbst zu belohnen. Wer 18 erfolgreich gründet, darf mit 30 seinen Exit genießen, das ist nur fair. Und dann können die Teenie-Gründer das mit der Zeit und den Reisen und dem Entspannen ja mal nachholen. Ob sie das dann auch wirklich machen, statt gleich die nächste Firma zu gründen? Zu wünschen wäre ihnen das.

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