Als Meyers Risiko einen Elfmeter-Helden schuf

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Als Meyers Risiko einen Elfmeter-Helden schuf
Als Meyers Risiko einen Elfmeter-Helden schuf
Als Meyers Risiko einen Elfmeter-Helden schuf

In der Liga der Traditionsklubs gibt es kaum noch eine Paarung ohne Geschichte und Geschichten. Das trifft auch für das SPORT1-Topspiel am Samstag zu.

Der 1. FC Nürnberg und Hannover 96 standen sich allein in Punktspielen 54-mal gegenüber, 16 davon in der 2. Liga. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Für bundesweite Furore sorgte jedoch ein Pokalspiel, in dem ein Torwart zum Held wurde, der nur zwei Minuten spielte. Und ein Trainer für seinen größten Trick gefeiert wurde.

Nürnberg und Hannover trafen sich im Pokal-Viertelfinale

Der 27. Februar 2007 ist ein Dienstag. Das DFB-Pokal-Viertelfinale wird an zwei Wochentagen über die Bühne gebracht, in Nürnberg nimmt er seinen Anfang. Es gibt gewiss attraktivere Anstoßzeiten als im Winter um 19 Uhr unter der Woche ins Stadion zu gehen, zumal Hannover 96 auch nicht der Kassenmagnet ist.

Aber es ist ein Bundesligaduell, beide Mannschaften stehen gut da in der Tabelle – der Club ist gar Fünfter – und außerdem sind es nur noch zwei Schritte bis Berlin. 31.500 füllen also die Ränge, um eine Paarung zu sehen, die erst acht Wochen zuvor in der Bundesliga stattgefunden hat. Damals hat der Club mit 3:1 gewonnen, es gab einen späten Elfmeter und einen Platzverweis gegen die Gäste, neue Freundschaften wurden nicht geschlossen. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Es knistert also. Auf der 96-Bank sitzt Dieter Hecking, später Trainer und heute Sportvorstand auf der Gegenseite. In Nürnberg ist der 64 Jahre alte Kulttrainer Hans Meyer in seiner zweiten Saison im Amt, mit ihm geht es spürbar aufwärts im Frankenland. Nur Tore kann er nicht schießen, das müssen schon seine Spieler machen – und das ist das Problem an diesem Abend.

Zwar sind die Nürnberger die aktivere Elf und nach Chancen gewinnen sie mit 5:3, aber auf der Anzeigetafel tut sich während der ersten 90 Minuten nichts. Wenigstens hält Raphael Schäfer seinen Kasten sauber. Dass die Nummer 1 im Tor steht, ist keineswegs selbstverständlich. Noch bis kurz vor der Partei überlegt Meyer, ob er nicht wie in den Runden zuvor und mittlerweile allgemein üblich den zweiten Keeper Daniel Klewer einzusetzen.

Der hat längst Kultstatus, als er im Achtelfinale gegen Unterhaching vier von fünf Elfmetern hielt. Doch Meyer ändert den Rhythmus, Schäfer darf spielen und Klewer gesteht später: „Ich saß frustriert auf der Bank!“ Das wird sich ändern. Als es nach 90 Minuten in die Verlängerung geht, nimmt sich Meyer Klewer zur Seite und weiht ihn in seinen Plan, der für Furore sorgen wird, ein: Wenn es kurz vor Schluss der Verlängerung immer noch Unentschieden stünde, würde er ihn für das zu erwartende Elfmeterschießen einwechseln.

Meyer bringt Klewer nur für das Elfmeterschießen

Davon bekommen die Zuschauer zumindest eine Ahnung, als sie Klewer auf einmal dabei beobachten, wie er sich warmmacht – obwohl Schäfer doch gar nicht verletzt ist. Es kommt wie gedacht: in der 119. Minute winkt Meyer Schäfer heraus und bringt seinen Ersatzkeeper. Eine ebenso legitime wie ungewöhnliche, manche finden unsportliche, Maßnahme.

Erfunden hat er sie nicht, 1994 kam schon Werner Lorant im Pokal auf die Idee, bei Sachsen Leipzig Bernd Meier für Rainer Berg ins Elfmeterschießen zu schicken. Damals gewannen die Münchner Löwen dank Meiers Parade – er hielt nur einen Elfmeter – prompt das Spiel.

Doch vor der Neuauflage muss es erstmal den Schlusspfiff geben. Noch aber läuft das Spiel und Hannover kommt vor das Club-Tor. Meyer gesteht seine Ängste: „Das war auch ein Risiko für mich. Wenn Daniel in den letzten Sekunden danebengegriffen hätte, hätte mich jeder gefragt: ‚Hast Du ne Macke?`‘“

Einer fragt sich das trotzdem. Raphael Schäfer ist stinksauer, fühlt sich gekränkt. Kann er etwa keine Elfmeter halten? Es hilft nichts, dass Meyer später sagen wird: „Er ist mein bester Torwart. Nur beim Elfmeterschießen ist Klewer eben ein Stück besser.“ (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Klewer wird zum Elfmeter-Held

Das beweist er anschließend einmal mehr. Gleich den ersten 96-Schuss von Silvio Schröter. Die nächsten beiden Bälle muss er passieren lassen, aber da seine Kameraden stets treffen, bleibt der Club im Vorteil und nach dem 4:2 von Dominik Reinhardt hat er Matchball. Wenn Jiri Stajner nicht trifft, ist Nürnberg im Halbfinale. Und er trifft nicht, weil Klewer wieder die richtige Eingebung hat.

Er habe bei allen Elfmetern an seine frisch verstorbene Oma gedacht, zu der er ein besonderes Verhältnis gehabt hatte, erzählt Klewer hinterher. Von ihr seien quasi die Tipps gekommen. So recht glauben, geschweige denn verstehen kann das keiner, aber solche Storys wollen die Journalisten hören, wenn Heldentaten vollbracht werden.

Daniel Klewer, der Elfmeterheld, der auf seine tote Oma hört – so oder so ähnlich lauten die Geschichten, die nun verfasst werden. Die andere Geschichte des Abends wird auch geschrieben, nur etwas kleiner. Raphael Schäfer feiert nicht mit der Mannschaft und zieht sich in den Schmollwinkel zurück. Durch seinen feststehenden Wechsel zum VfB Stuttgart ist seine Position ohnehin eine spezielle, von Fans und Medien argwöhnisch beobachtet. Ist das noch einer von uns? Und nun kann er sich nicht mal über den Einzug ins Halbfinale freuen.

In der Branche stößt er auch auf Verständnis, Aachens Keeper Stephan Straub sagt: „Ich würde das schon kochen, schließlich ist da auch ein bisschen Misstrauen Schäfer gegenüber dabei.“ Und VfB-Manager Horst Heldt tadelt Meyer: „Ungewöhnlich, bei uns wäre das nicht denkbar.“

Elfmeterschießen bleibt Klewers letzte Heldentat

Meyer versucht den Schwelbrand zu löschen: „Im Halbfinale hält nicht mein zweitbester, sondern mein bester Torhüter.“ Schäfer wird sogar noch im Finale halten und anschließend den Pokal in die Höhe stemmen – obwohl der Gegner sein neuer Verein ist. Beim 3:2 gegen den VfB kommen sie auch ohne Elfmeterschießen ans Ziel.

Und Klewer? Bleibt noch drei Jahre die Nummer zwei in Nürnberg und spielt nur noch zweimal im Pokal. Dabei muss er erfahren, dass auch seine Künste an Grenzen stoßen. In Jena scheidet der amtierende Pokalsieger im Oktober 2007 schon in der 2. Runde aus. Im Elfmeterschießen – Klewer hält keinen Ball.

Zehn Jahre später, längst ist seine Karriere beendet, sitzt er mit Hans Meyer auf dem Podium bei einer Veranstaltung der Deutschen Fußballakademie und sie sprechen in entspannter Atmosphäre über jenen Tag, der Vereinsgeschichte schrieb.

Meyer steht auch da noch zu seiner Entscheidung, seinen Elfmetertöter ins Spiel geworfen zu haben: „Man hätte es mir übel nehmen müssen, wenn ich es nicht gemacht hätte.“

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