Wieso #MeToo nicht in Vergessenheit gerät

#MeToo hat die Debatte über Sexismus verändert. Die Republica zeigt, dass sie weiterhin geführt wird – und viele Dimensionen hat.


Schwarz gekleidet sitzen Thea Dymke und Änne-Marthe Kühn auf Bühne vier und tragen Texte vor: Auszüge journalistischer Artikel und Online-Kommentare, aber auch Zitate aus Büchern bekannter Autoren wie Berthold Brecht oder Songs des US-Rappers 50 Cent.

Eine „analytische Sexismus-Lesung“ nennen die Autorinnen ihren Vortrag – und fordern: „Es ist Zeit, sich anzuschauen, wie wir über Männer und Frauen, Körper und Sex und Sexismus sprechen – online und offline“.

Zu Feminismus und Gleichberechtigung ist ein Themenkomplex, der auf der Internetkonferenz Republica besonders präsent ist. Damit hat die Digitalmesse eine Debatte fortgeführt, die im Oktober 2017 ihren Anfang genommen hat.

Unter dem Hashtag #MeToo teilten Prominente und Privatpersonen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in sozialen Netzwerken. Zuvor waren Belästigungs-Vorwürfe gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein öffentlich geworden.

12,7 Millionen Inhalte wurden seitdem weltweit allein auf Twitter mit dem Hashtag #MeToo verbreitet. Das hat die Social-Media-Analyse-Plattform Talkwalker für das soziale Netzwerk ermittelt. In der ersten Woche der Diskussion wurden davon etwa 1,9 Millionen Tweets verschickt.

Thea Dymke und Änne-Marthe Kühn lesen sexistische Texte vor, weil sie hinterfragen wollen, wie das Thema online diskutiert wird und welche Auswirkungen dies auf die reale Welt hat. Sie sind der Meinung, dass Sprache das Denken formt.

Eine Person, die dies genauso sieht, ist Teresa Bücker. Die Chefredakteurin des Online-Magazins Edition F ist auf der Republica bei einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Wie schaffen wir den Sexismus ab?“ aufgetreten. „Ich glaube, durch die #MeToo-Debatte hat sich viel getan. Es wurde ein Bewusstsein geschaffen und Sexismus sichtbar gemacht“, sagt sie.


Doch nur 44,8 Prozent der Tweets mit dem Hashtag #MeToo wurden von Männern abgesetzt: „Es haben meiner Ansicht nach nicht genug Männer mitdiskutiert, das habe ich auch immer wieder kritisiert“, sagt Bücker.

Männer hätten in der Diskussion oft eine Abwehrhaltung eingenommen und Frauen gesagt, sie sollten sich einfach wehren. „Wenige Männer haben gefragt: Wie können wir dazu beitragen, dass es besser wird?“

„Das Thema sexuelle Gewalt ist durch #MeToo enttabuisiert worden. Endlich kann darüber offen gesprochen werden“, sagt Cora Czarnecki. Die 27-Jährige hat auf der Digitalmesse über ihre Diplomarbeit an der Leipziger Kunsthochschule HGB im Fach Medienkunst zu #MeToo gesprochen.


Czarnecki hat sich in ihrer Untersuchung der Frage gewidmet, ob Memes, denen sie auch Hashtags zuordnet, progressive Themen vorantreiben können und dafür 150 Tweets und Facebook-Posts untersucht.

„Den Begriff Meme gab es schon, bevor Internet-Nutzer ihn entdeckt haben. Damit werden kleine kulturelle Einheiten bezeichnet, die durch Kopie oder Imitation von Mensch zu Mensch weitergegeben werden“, erklärt sie. Deshalb könnten auch Hashtags Memes sein.

„Durch Memes kann ein Bewusstsein für progressive Themen geschaffen werden“, lautet ihr Fazit.



Warum #MeToo so erfolgreich ist

Dass der Hashtag #MeToo so gut funktioniert, führt Czarnecki darauf zurück, dass er viele wütend macht. „Memes funktionieren vor allem gut, wenn sie starke Emotionen auslösen“, erklärt sie. Aber nicht jede Emotion sei dazu geeignet. Trauer sei eher deaktivierend.

Dass unter #MeToo zunächst Erfahrungen gesammelt wurden, ist typisch für eine Hashtag-Debatte, sagt Teresa Bücker. Doch dann seien auch Zusammenhänge klar geworden und konkrete Lösungen wurden eingefordert.

„Die #MeToo-Debatte hat ganz unterschiedliche Dinge erreicht. Zum Beispiel wissen Frauen, die Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen gemacht haben, nun, dass sie nicht alleine sind“, sagt Bücker.


„Aber sie wissen jetzt auch, wie man sich zur Wehr setzen kann, zum Beispiel vor Gericht oder schon im Vorfeld, indem man Betriebsvereinbarungen auf der Arbeit durchsetzt.“

Bücker hat zudem den Eindruck, dass in Online-Medien mehr Texte als zuvor zum Thema Sexismus veröffentlicht worden sind, zum Beispiel zur Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz.

Und die Debatte hält an: „Das liegt daran, dass so viele miteinander verstrickte Aspekte mit Sexismus zusammenhängen“, erklärt Bücker. Diese Vielfalt abzubilden, ist auch Ziel des Themenschwerpunktes „Female Digital Footprint“ auf der Republica.

Die Veranstalter wollten die Position von Frauen und allen, die sich weder in die eine noch in die andere klassische Geschlechterrolle einordnen lassen wollen, in der Digital- und Tech-Branche stärken.


Wie Frauen im Web sichtbarer werden können, ob das Silicon Valley eine Frauenquote braucht und wie eine gerechte Bezahlung definiert werden kann, sind einige Fragen, die die Teilnehmer der Diskussionen bewegt haben.

Was schließlich der wichtigste Ansatzpunkt ist, um Sexismus online und offline abzuschaffen, darauf möchte sich auch Teresa Bücker nicht festlegen. Sicher ist sie sich aber: „Am wichtigsten an der #MeToo-Debatte ist, dass Menschen sich aufeinander eingelassen und einander zugehört haben.“