„Die MeToo-Debatte kommt nicht an“

Der Sozialpsychologe Rolf Pohl erklärt, warum Messe-Hostessen besonders oft sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind und wie Unternehmen darauf reagieren sollten.

WirtschaftsWoche: In England wurde ein Fall publik, bei dem reiche Herren Hostessen belästigt haben sollen. Gibt es denn gar keinen Kulturwandel in dieser Hinsicht?
Rolf Pohl: Diese Frage stellt sich natürlich gerade angesichts der aktuellen MeToo-Debatte und den Fällen, die dadurch langsam bekannt werden. Die Debatten über Sexismus werden immer wieder geführt, aber sie versanden und führen selten zu gravierenden Veränderungen. Trotz aller Modernisierung, die es in Gleichstellungsfragen sicher gibt, sind wir in Fragen des Sexismus als Gesellschaft nicht so modern, wie wir das gerne vorgeben.   

Gibt es denn auch Branchen, in denen diese Debatten Veränderungen ausgelöst haben? Und welche Branchen verweigern sich dieser Debatte?
Stark ausgeprägt sind sexuelle Belästigungen immer in Bereichen, in denen es starke Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Das zeigten ja auch die Auslöserfälle der MeToo Debatte in der Filmbranche. Genauso ist es beim Fernsehen, in Redaktionsstuben und vielen anderen Bereichen. Wo klassische Abhängigkeitsverhältnisse herrschen, betrachten Männer das oft als Jagdrevier. Aber gerade bei Rundfunkanstalten werden die Leute durch die Debatten langsam hellhörig. Auch die Universitäten sind schon länger hellhörig und haben etwa Gleichstellungsbeauftragte eingeführt, wo man sich beschweren kann. Selbst bei der Bundeswehr ist die Bereitschaft höher geworden, solche Fälle anzuzeigen, obwohl es dort immer wieder zu Übergriffen auf Frauen kommt. Was man bei der Diskussion immer mitdenken muss ist aber die hohe Dunkelziffer von Übergriffen.

Wie verhält es sich auf Messen? Wie betroffen sind Hostessen von sexuellen Übergriffen?
Messen sind sicher ein besonderer Bereich. Es gibt zwar so etwas wie einen gesellschaftlichen Umdenkprozess, allerdings gibt es bestimmte Milieus und Gelegenheitsstrukturen, wo das noch so gut wie gar nicht angekommen ist. Ich würde Messen als eine besondere Gelegenheitsstruktur bezeichnen.  Dort herrscht das Bild von Frauen, dass diese einfach zur Verfügung zu stehen haben. Das ist auch immer die Bedingung für sexuelle Übergriffe.


Warum bieten ausgerechnet Messen diese Gelegenheitsstrukturen?
Oft müssen Hostessen die Ware mit ihrem Körper sozusagen weiter ausstaffieren und werden damit tendenziell selbst zum Teil des Ausstellungsstücks. Gleichzeitig sind die Frauen zu unglaublicher Freundlichkeit angehalten und müssen sich so einiges gefallen lassen. Dieser Waren-Charakter und die absolute Dienstbarkeit hat für viele Männer den Charakter einer Aufforderung. Dann fotografieren eben einige nicht das Auto, sondern unter den Rock der Frauen.

Hat sich denn in diesen Bereichen gar nichts geändert?
Wenn Sie auf Automessen in den USA blicken, sehe ich dort keine Veränderungen. Vielleicht haben die Frauen auf manchen Automessen nun mehr an und zeigen nicht mehr so viel nackte Haut. Aber noch immer sollen die Kurven der Autos mit den eigenen Kurven verkauft werden. Die Frau dient bloß als schmückendes Beiwerk für eine Ware, die unter Männern gehandelt wird. Und damit wird sie tendenziell selbst zur Ware.

Die mutmaßlichen Übergriffe in dem Londoner Club fanden in einer geschlossenen Männergesellschaft statt. Welche Mechanismen kommen in so einer Situation noch hinzu?
Bei dem Fall in England kommt auch noch der Faktor hinzu, dass das reiche und gesellschaftlich höherstehende Männer waren. Diese Verknüpfung von Geld und Macht schafft nochmal eine besondere Gelegenheitsstruktur. So glauben Männer oft, durch ihren Einfluss und das Geld auch noch sexuelle Gefälligkeiten miteingekauft zu haben. Geschlossene Männergesellschaften werden in der Soziologie auch homosoziale Gemeinschaften genannt.


Was ist damit gemeint?
In diesen Gemeinschaften, wo die Männer einen ähnlichen Status haben und miteinander konkurrieren, gelten sind Frauen oft nur als schmückendes Beiwerk. Verstärkt wird dieses Verhalten durch Geld und Macht. Die Botschaft an die Frauen ist dann: Ihr seid nur Dienstpersonal. Der Ausgrenzung folgt dann oft die Herabwertung zum bloßen Objekt sexueller Begierde. Zudem dringt aus exklusiven Männerkreisen selten etwas nach außen.

Wie können Hostessen sich am besten vor Übergriffen schützen?
Was sicherlich abschreckt, ist ein energisches Auftreten, ein klares Nein-Sagen und ein klares Signal der Ablehnung. Was aber sicher falsch wäre, ist Frauen nun hochgeschlossene Kleider zu verordnen. Wenn man das macht, lässt man sich auf die Logik ein, dass Frauen selbst schuld an der Belästigung sind. Besser ist ein ganz klares Signal an den Mann, wenn dieser anzügliche Sprüche äußert oder übergriffig wird, dass man das nicht will.

Durch welche Maßnahmen können Unternehmen und Aussteller Belästigungen von Hostessen zuvorkommen?
Ganz wichtig ist, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern eine Anlauf- oder Beschwerdestelle  anbieten. Denkbar wären auch Plakate, die Messebesuchern mitteilen, dass Übergriffe strafrechtliche Konsequenzen haben. Und generell sollte der Eindruck einer mit der Autobeschau verbundenen Fleischbeschau stärker zurückgefahren werden.

KONTEXT

Zur Person

Rolf Pohl

Rolf Pohl ist Professor für Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört Männlichkeits- und Geschlechterforschung.