Metallica-Konzert in Köln: Wut und Aggressionen sind der Motor ihrer Musik

Die Metal-Band rockt vor mehr als 18.000 Fans in der Lanxess-Arena.

Als die letzte Saite von „Nothin' Else Matters“ gezupft ist, der Powerballade mit der Metallica 1991 den Mainstream eroberten, zoomt die Kamera ganz nah an James Hetfields Hand heran. Das Publikum kann das auf Dutzenden von LED-Würfeln mitverfolgen, die über der Bühne in der Mitte der Lanxessarena schweben. Die Kamera fährt noch näher heran, fokussiert auf das Plektron zwischen Hetfields Fingern. Die Finger wenden das Plastikplättchen, die Kamera stellt die Schärfe nach, „Köln“ steht da zu lesen. 

Ja, na klar, das machen die so in jeder Stadt. Aber ist es nicht bemerkenswert, zu welch liebenswerter Geste diese zwar heiß geliebte, doch selten sympathische Band fähig ist? 

„Metallica liebt Köln“

„Metallica liebt Köln“, bekräftigt Hetfield noch einmal zur letzten Zugabe (natürlich „Enter Sandman“), und spricht dabei von sich, beziehungsweise der Band, wie ein liebenswertes Monster. „Eine Art Monster“ lautet auch der Titel der berühmt-berüchtigten Dokumentation aus dem Jahr 2003, welche die Band auf dem Höhepunkt ihrer Dysfunktionalität zeigt, verzogene Kinder in männlichen Körperpanzern, die sich selbst eine Art Gaga-Psychotherapie verschreiben. 

Herausgekommen ist dabei übrigens das schlechteste Album ihrer Karriere, „St. Anger“ – zumindest, wenn man „Lulu“, das quasi unhörbare Hochkultur-Projekt mit Lou Reed, nicht dazuzählt. Heavy-Metal-Bands gehören einfach nicht therapiert. 

Der Frust, die Wut, das Narbengewebe der Seele, sie sollen sich ja gar nicht lösen. Sie sind Motor, Riemen und Resonanzkörper ihrer Musik. 

Hier in Köln, in ihrem 36. Jahr, agieren sie ihre Aggressionen wieder auf offener Bühne aus, umringt von 18.500 Fans, Lars Ulrichs Schlagzeug auf einer runden Plattform im Zentrum des Geschehens. Die wird im Verlauf des Konzerts dreimal um 90 Grad gedreht, damit jeder mal von jeder Seite gesehen hat, wie Ulrich auf Becken und Felle drischt, oft im rasenden Gleichtakt mit der Rhythmusgitarre von Sänger James Hetfield. 

Der reimt gleich im ersten Stück „fucked“ auf „self-destruct“, da weiß man was man hat. Mit ihrem aktuellen Album, „Hardwired... to Self-Destruct“ haben sich Metallica wieder ihren Anfängen angenähert, als sie Anfang der 80er Jahre das Subgenre des Thrash-Metal begründeten, schneller und härter spielten, als die Konkurrenz, dabei aber weder Virtuosität noch prog-rockige Song-Suiten scheuten. „Hardwired“ ist ihr bestes Album seit den frühen 90ern - aber eben lange nicht so eindrucksvoll, wie ihre glorreichen Anfänge.

Metallica gab es 1984 für 21 DM

Das Publikum erhebt sich schon als Ennio Morricones „The Ecstasy of Gold“ erklingt, das Stück, mit dem sie ihre Shows seit jeher eröffnen. Es jubelt pflichtschuldigst, als die Band die Bühne betritt. Aber es wacht erst richtig auf bei dritten Song, als Metallica „Seek & Destroy“ von ihrem ersten Album spielen. Auf den LED-Würfeln flackern dazu alte Konzertkarten auf und Spätgeborene lernen, dass man Metallica 1984 für gerade einmal 21 DM in der Kölner Stadthalle erleben konnte. 

Heute kosten die Tickets ein Vielfaches, dafür bekommt man das neue Album aber kostenlos mit dazu. Was ja ganz korrekt reflektiert, dass Metallica als „recording artists“ längst von ihren Epigonen überholt worden sind, als Live-Ereignis jedoch weiterhin unschlagbar. 

„Sind wir zu heavy für euch?“, reizt Hetfield die Fans. Die feiern vor allem den Lead-Gitarristen Kirk Hammett, den ewigen Helden aller Thrash-Metal-Nostalgiker. Allerdings liegt die Stärke der Band im Zusammenspiel, in der alles umpflügenden Kraft, in der thermonuklearen Dynamik, die sie mit nur vier Instrumenten erzeugen kann. Wie, um zu betonen, dass man hier noch immer Spaß zusammen hat, fahren vier weitere Würfel aus dem Boden, von oben sehen sie aus wie Herdplatten, tatsächlich verbergen sie Taiko-Trommeln auf die nun alle vier im gemeinsamen Rhythmus einschlagen, zum metallischen Kindergeburtstag. 

Später steigen noch Flammen aus dem Boden, steigen Drohnen in die Luft, aber der eigentliche Schauwert bleiben stets die Hetfield, Hammett und Bassist Roberto Trujillo, die um Ulrichs Drum-Set kreisen wie eine lebende Klangskulptur, Denkmal und Augenblicksexplosion zugleich. Der erst 2003 zur Band gestoßene Trujillo erinnert mit einem Solo an den ursprünglichen Bassisten Cliff Burton, der 1986 in Schweden von einem umgestürzten Tourbus begraben wurde. Dann berappelt sich die Band wieder, covert „Stone Cold Crazy“, den alten Queen-Song, so frisch, als spielten sie noch in der elterlichen Garage. 

Die Mittfünfziger wollen partout kein Oldie-Act sein, die Setliste variieren sie von Konzert zu Konzert. Manche Dinge sind freilich gesetzt: Am Ende des regulären Sets steht der „Master of Puppets“ wieder auf und die letzte Zugabe muss „Enter Sandman“ sein. „Exit light, enter night“, brüllen 18.500 glücklich Gerockte und werden aufgekratzt in die Nacht entlassen. Am Samstag spielen Metallica dann gleich noch einmal in der Arena.  ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta