Merkel lobt Özil als „tollen Fußballer“

Dieser Abgang kommt den Rechtspopulisten gelegen, türkische Politiker applaudieren Özil, deutsche gehen den DFB hart an. Selbst die Kanzlerin greift in die Debatte ein.


Der Rücktritt von Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und seine Rassismusvorwürfe haben eine neue Debatte über Fremdenfeindlichkeit und Integration ausgelöst. Es sei ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer deutscher Fußballer wie Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht repräsentiert fühle, schrieb Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) auf Twitter.

„Wir müssen aufpassen, dass durch solche vermeidbare Konflikte, bei denen unbestritten auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden, die Integrationsleistungen der letzten Jahrzehnte nicht Schaden nehmen“, sagte Barley.

Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fühlte sich offenbar genötigt, mäßigend in die Debatte einzugreifen. „Die Bundeskanzlerin schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet hat“, sagte eine Regierungssprecherin. „Mesut Özil hat jetzt eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist.“


Der Sport trage viel zur Integration in Deutschland bei, sagte die Sprecherin weiter. „Deutschland ist ein weltoffenes Land und die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist eine Schlüsselaufgabe der Bundesregierung.“

Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, bemängelt, dass die Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die gesellschaftspolitische Dimension des Konflikts um den Fußballspieler Mesut Özil völlig unterschätzt habe. Eines aber ist für die SPD-Politikerin klar: „Die Causa Özil kann keineswegs als Beispiel dafür herhalten, dass Integration in unserem Land grundsätzlich gescheitert wäre“, sagte Freitag dem Handelsblatt.

„Es gibt schließlich unzählige andere Beispiele, die natürlich nicht nur, aber eben auch im Sport zu finden sind – und auch weiterhin in der Fußballnationalmannschaft.“ Dennoch werden laut Freitag jetzt politische Versäumnisse der Vergangenheit wieder sehr deutlich: „Die konservativen Kräfte in CDU/CSU haben bis zu diesem Sommer mit allen Kräften ein modernes Einwanderungsgesetz verhindert, das unser Land schon lange gebraucht hätte. Sicher nicht alle, aber viele der Probleme, die uns in Sachen Integration heute umtreiben, hätten sich damit vermeiden lassen.“

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der „Berliner Zeitung“, Özils Erklärung zu den umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sei zwar falsch, aber sein Rücktritt tue weh. Das katastrophale Krisenmanagement der DFB-Spitze habe Raum gelassen „für eine unsägliche Debatte von rechts“. „Es ist fatal, wenn junge Deutschtürken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf.“

Schon in der Nacht haben sich türkische Regierungspolitiker an die Seite des Fußballers gestellt. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: „Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen.“ Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, weil dieser mit seinem Rücktritt das „schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen“ habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, Ibrahim Kalin, lobte Özils Begründung für das Treffen mit Erdogan. Weiter schrieb er auf Twitter: „Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben?!“


Der CDU-Politiker und Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß bezeichnete Özils Vorwürfe von Rassismus und Respektlosigkeit dagegen als deplatziert. „Es ist oft noch ein sehr langer Weg zur Integration und zum Punkt, bis sich wirklich alle zu ihrer neuen Heimat bekennen“, schrieb er auf Twitter.

Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, begrüßte, dass sich Özil nach zwei Monaten des Schweigens endlich erklärt habe. Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssten sich Nationalspieler aber Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben, twitterte die CDU-Politikerin. Diese berechtigte Kritik dürfe aber nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.

Die Maßstäbe seien „verrutscht“, sagte der Linken-Politiker Fabio de Masi. „Ein Fußballspieler wird wegen eines dummen Fotos mit dem Despoten Erdogan attackiert, aber die Bundesregierung liefert Waffen an diesen Typen.“


Auch die rechtspopulistische AfD hat die Debatte für ihre spaltenden Botschaften entdeckt. Fraktionschefin Alice Weidel fabuliert auf Twitter von einem „typischen Beispiel für die gescheiterte Integration von viel zu vielen Einwanderern aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis“.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Fall ein Paradebeispiel für Integrationshürden und heimatliche Zerrissenheit der „Deutsch-Türken“. Charakteristisch sei ein sogenanntes Integrationsparadoxon, erklärte Prof. Haci-Halil Uslucan am Montag in Düsseldorf bei der Vorstellung einer neuen Studie des Zentrums für Türkeistudien. Demnach empfinden sich gerade die objektiv besser Integrierten häufig als nicht zugehörig, weil sie besonders sensibel für gesellschaftliche Diskriminierung seien.

Seit 2010 steige die Zahl der türkeistämmigen Zuwanderer, die sich eher der Türkei denn Deutschland verbunden fühlen, berichtete Uslucan. In der jüngsten repräsentativen Befragung gaben 61 Prozent an, sich sehr stark der Türkei zugehörig zu fühlen, nur 38 Prozent sagten das über Deutschland (in NRW: 35%).

Auch in der Nachfolgegeneration ist die Verbundenheit zur Türkei noch hoch. Uslucan führt das unter anderem auf überhitzte Türkei-Debatten in Deutschland, das Werben der türkischen Regierung sowie Diskriminierungserfahrungen von Menschen zurück, die sich häufig als „Pass-Deutsche“ abgelehnt fühlten.


Özil hatte am Sonntag seinen Rücktritt au der Nationalelf verkündet und dies mit einem Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit begründet. In diesem Zusammenhang kritisierte er den DFB und dessen Präsidenten Reinhard Grindel scharf.

Özil und sein ebenfalls in England spielender Nationalmannschaftskollege Ilkay Gündogan hatten sich im Mai wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl in der Türkei in einem Londoner Hotel mit Erdogan getroffen und ihm Trikots von ihrer jeweiligen Vereinsmannschaft überreicht.

Das war in Deutschland scharf kritisiert worden, unter anderem als Wahlkampfhilfe für Erdogan, dem ein autoritärer Kurs und Missachtung von Menschenrechten vorgeworfen werden. Die Affäre überschattete die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft und war auch während des Turniers in Russland Dauerthema.

Nach dem deutschen Ausscheiden schon in der Vorrunde hielt die Kritik an, und DFB-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Grindel forderten von Özil eine öffentliche Erklärung. Die haben sie jetzt bekommen – wohl aber anders als gedacht.